In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen über ganz persönliche Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe hält Hugo Grein Rückblick.

Unser Chronist Hugo Grein weiß nicht genau, ob er wirklich während eines Fliegerangriffs zur Welt gekommen ist. Gewiss aber ist, dass er schneller als der Krankenwagen war, der seine Mutter am 18. April 1940 wegen einer befürchteten Risikogeburt von der Vereinsstraße 36 in die Diako fahren sollte. Wo keine Komplikationen zu erwarten waren, kamen die Kinder in den meisten Fällen in der elterlichen Wohnung zur Welt. Jemand aus der Familie oder die Nachbarin lief los, um die Hebamme zu holen. In der gesamten Vereinsstraße gab es um 1940 nur ein einziges Telefon. Vermögende Leute wohnten nicht in dieser Gegend. In einem alten Einwohnerbuch von 1921 sind Personenstand, Berufsbezeichnungen und Dienstgrade der damaligen Bewohner mit den Hausnummern 1-47 wie aus dem Personenlexikon ‚Who’s Who’ von A-Z nachzulesen. Wie zum Beispiel Arbeiter, Eisendreher, Fuhrmann, Gärtner, Heizer, Invalide, Konditor, Kupferschmied, Modelltischler, Nieter, Obermaat, Polizeiwachtmeister, Rottenführer, Schiffsbauer, Schiffskoch, Schlachter, Schreiber, Straßenbahnschaffner, Weichensteller und Werftarbeiter. In der Vereinsstraße fanden Frauen, außer Bezeichnungen wie Ehefrau, Witwe, Kontoristin und Tagmädchen, kaum Erwähnung. Knappe zwanzig Jahre später war der bunte Mix der hier genannten Berufsbezeichnungen Vergangenheit. Die wehrtauglichen, männlichen Bewohner von der Vereinsstraße waren im Zweiten Weltkrieg! Auch Hugo Greins Vater!
Hugos Vater, Hugo Grein, Jahrgang 1905, stammte aus der Nähe von Würzburg, von wo aus er sich als gelernter Maschinenschlosser zur Reichsmarine nach Stralsund beworben hatte. Seine Ausbildungsfirma war pleitegegangen. Bei der Reichsmarine war er bereits nach 12 Monaten, mit 17 Jahren, der jüngste Unteroffizier der gesamten Reichsmarine – wo er sich innerhalb von 12 Jahren bis zum Oberbootsmann hochgedient hatte. Anschließend fuhr er auf großen Linienschiffen und machte sein Kapitänspatent. Das war vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs!
In der Reichsmarine befehligte Kapitän Hugo Grein als Verwaltungsoffizier („Silberling“) den Torpedo-Bergungsdampfer „Togo“, der in der Ostsee, im Nord-Ostsee-Kanal und in der Elbe auch zum Minensuchen und Bergen von Fliegerbomben eingesetzt war. Die Schiffsbesatzung bestand zum größten Teil aus Zivilisten. Im Unterschied zu den goldenen Kolbenringen an den Uniformen der Kriegsmarine hoben sich die Kolbenringe der Verwaltungsoffiziere durch ihre silbrige Farbe ab.











Vom BDM wieder
abgemeldet und vergebens auf den Führer gewartet

Hugo Greins Schwester war fast sieben Jahre älter als er. Die Mutter hatte ihre Tochter gegen den Willen ihres Mannes zum BDM (Bund Deutscher Mädel) gehen lassen. Der Vater meldete seine Tochter sehr bald wieder ab. Die Treffen der Mädels waren in der Schokoladenfabrik Ruschig. Hugo war einige Male hinterhergeschlichen, um dem Treiben dort zuzuschauen. Zu einem großen Mai-Treffen der Hitlerjugend war in der Fischfabrik ein Podest aufgestellt worden, von dem mittlere Nazigrößen von Flensburg eine Rede gehalten haben. Nur wegen der Musik war dieser Tag auch für die Kinder ein großes Ereignis. Von den Reden haben sie nichts verstanden. Eines Tages hieß es, Adolf Hitler würde mit seinem Wagen durch die Batteriestraße fahren. Auch Hugo und seine Mutter hatten am Straßenrand auf den Führer gewartet. Der aber war nicht gekommen. Nur ein riesiger Panzer demonstrierte die Macht des Dritten Reichs. Es könnte ein „Königstiger“ gewesen sein, der aber wegen der tiefhängenden Äste der Straßenbäume nur mit Schwierigkeit die Straße passieren konnte.
Bei Fliegeralarm trug Hugo seinen kleinen Rucksack auf dem Rücken, seine Schwester hatte einen Koffer. Im Brustbeutel waren Zettel mit ihren Namen und der Adresse. Es ging im Laufschritt durch die Vereinsstraße zum Bunkereingang in der Apenrader Straße. Dieser Bunker zog sich bis zur heutigen Michelsenstraße. Rund 200 Meter nördlich davon stand in der Steinstraße ein Hochbunker.
Als es hieß „die Engländer kommen“, lief die kleine Brennhexe in Greins Küche heiß. Alle Bücher und Alben aus der NS-Zeit wurden eiligst den Flammen übergeben. Doch kein Besatzungssoldat ist gekommen, um Greins Wohnung zu durchsuchen.

Meldezettel an Hauswänden und Wohnungstüren und eine deutsch-englische Hochzeit

Wie Hugo Grein berichtet, waren Hausbesitzer und Mieter verpflichtet, durch Anschläge auf Zetteln Auskunft über Wohnungsgröße, Anzahl der Räume und deren Bewohner, deren Berufe und militärische Dienstgrade zu geben. Wichtig war auch die Anzahl der Kochstellen und Toiletten. Die Zettel mussten sichtbar an Hauswänden und Wohnungstüren angebracht sein.
Mit der Ankunft der Flüchtlingsschiffe bekam Familie Grein ihre erste Einquartierung durch eine junge Flüchtlingsfrau aus Breslau. Wie sich herausstellen sollte, war sie die Freundin eines englischen Besatzungsangehörigen eines Schnellbootes. Sie sollte pro forma als Hausangestellte einziehen. Das Boot des englischen Soldaten lag mit anderen Schiffen vor dem Kraftwerk an Land. Die Schiffsbesatzung wohnte in Wohnbaracken, die später von Flüchtlingen bezogen werden konnten.
Nachdem die erste Untermieterin von Greins wieder ausgezogen war, stand plötzlich der englische Panzerfahrer Roi Cheesman mit seiner damaligen deutschen Verlobten Gudrun Mohr, eine Künstlerin und ebenfalls Flüchtling, vor Greins Haustür. Und wieder wurde diese Untermieterin zum Glücksfall für Greins. Als Braut eines englischen Besatzungssoldaten konnte sie den mageren Speisezettel der Familie mit einigen für die deutsche Bevölkerung unerreichbaren Zutaten aufbessern. Das Paar heiratete am 22. April 1947 in der Petri-Kirche in Flensburg. Hugos Eltern waren als Ehrengäste zur Hochzeitsfeier geladen. Die vierzehnköpfige Hochzeitsgesellschaft wurde in einem offenen, englischen Militärlastwagen zur Kirche und anschließenden Feier transportiert. Nur eine leichte Abdeckung soll die Fahrgäste vor Kälte geschützt haben. Hugo Grein mault heute noch darüber, dass die Kinder, er war damals sieben Jahre alt, nicht zur Hochzeit eingeladen worden sind.
Abenteuerspielplatz von der Galwik-Bucht bis Ostseebad

Für die Kinder von der Vereinsstraße waren die Galwik-Bucht und Ostseebad idealer Abenteuerspielplatz. Hugo Grein erinnert sich an den kleinen Hafen mit Schiffkuttern und Segelbooten. Dort war der Seegrenzschlachthof bis zu seiner Schließung im Jahre 1973 angesiedelt. Der Transport von Kühen und Kälbern von Gravenstein nach Flensburg fand überwiegend auf dem Seeweg statt. Wie die Kinder noch bis Anfang der 1950er Jahre beobachten konnten, verlief das Abladen der Tiere nicht immer problemlos. Da sei auch schon mal eine Kuh über Bord gegangen. Manchmal auch hätten Tierkadaver an der unbefestigten Wasserkante gelegen. Hugo Grein erinnert sich an die kleine Werft der Firma Johannsen & Sörensen, an deren Platz sich heute der Bauhof vom Hafenamt befindet.
Der Abenteuerspielplatz der Kinder zog sich bis nach Ostseebad und weiter in die umliegenden Wälder. Der Weg zum Ostseebad führte die Jungs meistens über den Trollseeweg – vorbei am Trollsee-Flüchtlingslager. Dieser Weg war kürzer, aber auch deshalb gefährlicher, weil die Lagerkinder Zoll verlangten. Wer nicht zahlte bekam Prügel! Im Wald von Ostseebad oberhalb des Wasserwerks standen die Überreste der ehemaligen Flakstände. Das waren hohe, hölzerne Gerüste, auf die zu klettern sich nur die größeren der Jungs trauten. – Der Brückenkopf der Badebrücke war als möglicher Flakstand nach allen Richtungen ausgebaut. In Höhe der Flensburger Paddelfreunde befand sich eine weitere Brücke mit Flakstellungen. Der dänische Ruderklub konnte später Reste der Zufahrt für seinen Ablaufsteg nutzen. Hugo Grein erinnert sich, dass hinter dem Lachsbach, an der Stelle, wo früher ein Kiosk gestanden hatte, mehrere Wehrmachts-Übungsgräben den Wald durchzogen. Wer in den Wald wollte, musste zunächst Stolperdrähte und Gräben überwinden. Im oberen Teil des Waldes waren drei mit Wasser gefüllte Bombentrichter. Unten am Strand von Wassersleben lagen große Mengen alter Munition. Wie Hugo Grein gesteht, waren die Kinder trotz strengster Verbote ihrer Eltern nicht von ihrer Neugier abzuhalten die Munitionsteile näher zu untersuchen. Zum Glück sei nie etwas passiert!
Als die ersten Cowboyfilme in den Kinos anliefen, verwandelten sich auch die Jungs von der Nordstadt in Cowboys und Piraten. Hugo Grein schwärmt von dieser Zeit, „wo für uns Kinder grenzenlose Freiheit und Phantasie über den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit stand!“

Schule und
Straßenschlachten

„De tyske skal vi slogn med danske marmelond!“Hugo Grein kam 1946 in die Petri-Schule. Ein Jahr später wurde seine Schule von der dänischen Minderheit übernommen. Deshalb wechselte Hugo auf die Ramsharder Knabenschule. Die Greins, besonders der Vater als ehemaliger Wehrmachtsbeamter, hatten nicht viel mit dem Dänischen im Sinn. Wenn sich nach Unterrichtsschluss die Schüler beider Schulen auf dem Heimweg in Höhe Apenrader Straße/Terrassenstraße in die Quere kamen, war die Schlägerei bereits vorprogrammiert. Besonders, wenn von Seiten der dänischen Minderheit immer wieder und immer wieder der Schlachtruf ertönte: „Die Deutschen sollen wir schlagen mit dänischer Marmelade!“ Grein und seine Schulkameraden fühlten sich geradezu aufgerufen, in die Schlacht zu gehen. Natürlich lief das nicht ohne leichte Blessuren auf beiden Seiten ab. Die Schlägereien passierten fast täglich. Am Ende waren sie schon Ritual. Wie sich Hugo Grein erinnert, sei dieser Spuk nach zwei bis drei Jahren vorbeigewesen. Schließlich habe man wieder friedlich miteinander gespielt. Natürlich wussten die Kinder darüber Bescheid, dass an den dänischen Schulen warmes Essen gereicht, ärztliche Versorgung angeboten und Ferienreisen zu dänischen Gastfamilien unternommen wurden. Hugo Grein räumt ein, dass es an den deutschen Schulen auch Schulspeisung gegeben habe. Aber sonst nichts. Er hat dicht an dicht mit bis zu 56 Schülern in einem Klassenraum gesessen. Einige Flüchtlingskinder in seiner Klasse waren zwei und drei Jahre älter als der Durchschnitt. Hugos Lehrer waren zum Teil ältere Herren, sie kannten jeden ihrer Schüler beim Namen und wussten sich auch bei den schlimmsten Rabauken Respekt zu verschaffen. Besonders vor Klassenlehrer Wilhelm Heiden muckte keiner auf!

Unter englischer Besatzung

Als der Krieg vorbei war, kam Hugos Vater mit seinem Torpedo-Bergungs-Dampfer Togo unbeschadet von Sonderburg nach Flensburg zurück. Er machte in der Galwik-Bucht neben alten Schwimmdocks fest. Später war er von den Engländern mit der Sprengung der in der Förde versenkten U-Boote nach Lageplan zwischen der Bucht von Wassersleben und der Geltinger Bucht beauftragt. Als Kapitän Grein seinen Auftrag erfüllt hatte, musste er seine Uniform ablegen und sein Schiff in Hamburg bei den Engländern abgeben. Danach war er arbeitslos. „Der Lange Heinrich“, ein unübersehbar großer Schwimmkran, brachte die gesprengten U-Boote nach Flensburg. Dort wurden sie beim Kraftwerk – wegen des Kühlwasserausflusses auch „die Strömung“ genannt – abgeladen. Als sich die Zeiten einigermaßen normalisiert hatten, nahm Kapitän Grein sehr bald seine Arbeit als Schiffskapitän bei der christlichen Seefahrt wieder auf.

Von der Seefahrt infiziert

Nach seiner Elektrikerlehre bei der Firma Jahnke in der Norderstraße arbeitete unser Chronist Hugo Grein bei verschiedenen ortsansässigen Firmen. Er absolvierte seinen Wehrdienst und arbeitete mit einem Jahr Unterbrechung bis 1968 als technischer Angestellter bei der Firma Neckermann in Flensburg. Während seiner Auszeit heuerte er auf dem Stückguttransporter Ingrid Weide bei der Flensburg-Stettiner Dampfschiffs-Reederei (Otto Weide) an. Die Fahrt ging nach Nordamerika. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft war Hugo Grein an seinem Arbeitsplatz bei Neckermann zurück.
Kapitän Hugo Grein hatte seinen Sohn bereits schon als Fünfjährigen desöfteren mit an Bord genommen. Der Junge war von der Seefahrerei geradezu infiziert. Um dieser Leidenschaft endlich auch beruflich nachkommen zu können, ging er im Jahre 1968 als ziviler Elektriker zur Bundesmarine. Zunächst war er auf dem Werkstattschiff „ODIN“, später auf dem Tanker „Walchensee“.
Hugo Grein ist seit 1964 mit der Designerin Ingrid Olsen verheiratet. Die gebürtige Dänin stammt von Lolland. Das Ehepaar hat drei Töchter!
Das Gespräch mit Hugo Grein
führte Renate Kleffel

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