… bitten wir Zeitzeugen über ganz persönliche Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe hält Johanna Ringk, 78, Rückblick.

In Frankfurt/Oder geboren, in Berlin ausgebombt und in das angeblich sichere, damalige Ostpreußen evakuiert, erreichte Johanna gemeinsam mit Mutter und Bruder im März 1945 mit dem größten geschlossenen Flüchtlingstreck aus Ostpreußen den Westen. Warum dieser neun Wochen andauernde Treck in der Nachkriegsgeschichte lange von sich reden gemacht hat, wird in Johannas Erinnerungen deutlich. Rückblickend auf ihre Ankunft in Flensburg im Frühjahr 1945 fokussieren sich ihre Gedanken auf ihr Leben rund um den Adelbyer Kirchenweg.











Johanna Ringk

Johanna war noch im Säuglingsalter, als 1938 der Familienumzug von Frankfurt/Oder nach Berlin stattfand. Ihr Vater war bei der Deutschen Reichsbahn beschäftigt. Ein Jahr später wurde er in den Krieg eingezogen. Johanna und ihr älterer Bruder Eberhard hatten adelige Taufpaten, die in der Charlottenburger Gegend von Berlin lebten. Patenschaften genossen damals noch einen von Verantwortung getragenen Stellenwert. Zu der Zeit, als Johannas elterliche Wohnung durch Bomben zerstört worden war, hatten die Paten ihren eigenen Umzug in die Nähe von Elbing in das damals vermeintlich sichere Ostpreußen vorbereitet. Im Zuge ihrer eigenen Evakuierung nahmen sie Johannas Mutter und die beiden Kinder mit. Wie Johanna erwähnt, seien die Adelsfamilien damals wie heute über ganz Deutschland verwandtschaftlich, nachbarschaftlich oder freundschaftlich eng miteinander verbunden.

Seit ihrem Umzug nach Ostpreußen wuchs Johanna in Nachbarschaft eines – wie sie wörtlich sagt – riesengroßen Schlosses auf. Es war der Adelssitz von Alexander Fürst zu Dohna-Schlobitten, der die Begüterungen Schlobitten und Prökelwitz in den Jahren von 1924 bis 1945 mit rund 600 Angestellten 8.000 Hektar Land bewirtschaftete und dazu eine bedeutende Trakener-Pferdezucht unterhielt. Das Anrücken der Roten Armee vorausschauend, hatte der Fürst bereits 1944 unter strikter Geheimhaltung damit begonnen, generalstabsmäßig einen Flüchtlingstreck vorzubereiten. Nur seine engsten Vertrauten waren in seinen Plan eingeweiht. Wie Johanna sagt, habe ein gewisser Gauleiter Koch noch bis zur letzten Minute jegliche Gedanken an eine geordnete Flucht vor den Russen unterbunden.

Aufbruch mit dem größten geschlossenen Flüchtlingstreck aus Ostpreußen

Johanna war ein Kind von gerade sieben Jahren. Die endlos lange Flucht von Ostpreußen durch eisige Kälte hat sie noch heute vor Augen: Am 22. Januar 1945 zog unter Führung von Alexander zu Dohna-Schlobitten (er lebte von 1899 – 1997) der gut organisierte Treck der Begüterungen Schlobitten und Prökelwitz  mit 500 Menschen, 200 Pferden und 50 Wagen neun Wochen lang über Westpreußen, Pommern, Mecklenburg und Niedersachsen.  Nach 1.500 Kilometern hatte der Treck den damaligen Landkreis Grafschaft Hoya bei Bremen erreicht. Wie vielfach überliefert ist, sei allein die Versorgung der 500 Menschen im Treck eine fast unlösbare Aufgabe gewesen. Wie gesagt wird und geschrieben steht, soll der Fürst vorsorglich eine Million Reichsmark auf eine Bank im Westen transferiert haben, um Lebensmittel kaufen und Unterkünfte beschaffen zu können.  Trotzdem konnten nicht alle dieses Trecks das angestrebte Ziel erreichen: Überlebt haben 330 Menschen, 140 Pferde mit 38 Wagen! Unter denen, die es geschafft haben, waren auch Johannas Mutter und ihre beiden Kinder.

Johannas Mutter suchte Zuflucht bei der Großtante an der Flensburger Förde

Johannas Eltern hatten 1934 im dänischen Lügumkloster geheiratet. Ihre Mutter Meta-Marie Christensen war Dänin. Erst die Nazis machten Probleme wegen der Eheschließung vor dem dänischen Standesamt und sprachen Meta-Marie die dänische Staatsbürgerschaft ab. Von da an fühlte sie sich als dänische Deutsche. Die Kinder wuchsen perfekt zweisprachig auf. Auch der Vater hatte in seiner jungen Ehe die dänische Sprache gelernt.

Mit dem Dohna-Schlobitten-Treck im Westen glücklich angekommen, verlief ihre Weiterreise über Hamburg-Altona nach Flensburg, wo sie am Bahnhof in einer Rote-Kreuz-Baracke  die erste Nacht verbringen konnten. Inzwischen hatte der dänische Großvater von Kopenhagen aus Freunde in Flensburg gebeten, seiner Tochter bei der Quartiersuche behilflich zu sein. Denn das Haus der Großtante war bereits bis unter das Dach mit Flüchtlingen vollgestopft. So wurde die Baracke No. 80-82 im Barackenlager Adelbyer Kirchenweg für fast sechs Jahre erstes Zuhause. Erst im Jahre 1951 konnte die Familie eine Neubauwohnung der Genossenschaft in Ludwigstal 3 beziehen. Auf dem Grundstück des ehemaligen Barackenlagers wurden zweigeschossige Wohnhäuser errichtet.

Nachkriegszeit rund um den Adelbyer Kirchenweg

Alles lag so nah beieinander: Das Palastkino (heute Theaterschule) stand mit seinen zwei Vorführsälen wie ein Kulttempel am Adelbyer Kirchenweg No. 1. Für eine Kinokarte standen die Menschen in langen Schlangen auf der Straße. Vorne weg gab es immer die Wochenschau. So wussten die Kinobesucher was in der Welt los war. Johanna schmunzelt: „Das Kino war so nah an unserem Barackenlager, dass die Leute auch schnell mal in Puschen zur Vorstellung rüberliefen!“

An den Baracken waren kleine, abgezäunte Gärten, die von den Bewohnern sehr unterschiedlich genutzt wurden. Johannas Vater betrieb dort einen Mini-Hühnerhof mit Hahn Fridolin. Um den Nachschub an Eintags-Küken zu sichern, radelte er über Land bis nach Hürup. Die Winzlinge wurden unter einer Lampe in der Wohnstube großgezogen.  Nach einigen Wochen kamen sie tagsüber in den eingezäunten Freilauf. Um die Hühner vor Diebstahl zu schützen, verbrachten sie die Nächte in einer Kiste unter der Garderobe im Wohnungsflur. Auch Johannas geliebter Hahn Fridolin, der sie regelmäßig auf dem Weg zur Schule begleitete, teilte sich die Kiste mit seinen Hennen. Erst an der Einmündung zur Glücksburger Straße tippelte  oder flog Fridolin zurück. Zuhause angekommen, kratzte und krähte er vor Mutters Küchenfenster solange, bis sie ihn über den Zaun zu seinen Hühnern setzte. Fridolin konnte sicher sein, dass er nicht eines Tages im Kochtopf landen würde. Er erreichte ein hohes Alter und verstarb eines Tages friedlich im „Garten Eden“.

Im „Garten Eden“ oder auch „Gartenkolonie Eden“ hatten Johannas Eltern einen Schrebergarten mit einem fest gemauerten Sommerhaus. Im Sommer wurde dort auch gekocht und gemeinsam gegessen. Selbst als Johanna schon als Angestellte in Flensburg tätig war, verbrachte sie ihre Mittagspause am liebsten im „Garten Eden“. – Für den Vater war der Fußballplatz von „Flensburg 08“ am Sender Anziehungspunkt.

Johannas Einschulung

Johanna kam Ostern 1946 in die dänische Schule, Jürgensgaarder Straße. Der Unterricht fand zunächst in einem Gebäude auf dem ehemaligen Bauernhof der Familie Lassen statt. Johanna erinnert sich an Umzüge ihrer Schule zur Glücksburger Straße und in die Hohlwegschule. Ihre mittlere Reife machte sie an der Christian-Paulsen-Schule im Südergraben/Stuhrsallee. Dort befindet sich heute der Dansk Skoleforening for Sydslesvig e. V.. Das dänische Versammlungshaus war im ehemaligen Gasthof Madzakin in der Engelsbyer Straße/Ecke Neuer Weg.

Johanna war bei den dänischen Pfadfindern und im dänischen Sportverein. Unter ihren Mitschülerinnen und Mitschülern waren selbstverständlich auch Flüchtlingskinder ohne dänische Wurzeln und Kinder aus Flensburger Familien, ohne dass sie zur dänischen Minderheit gehörten. Für die Aufnahme war ein diesbezüglicher Nachweis nicht erforderlich. Der Ansturm auf die dänischen Schulen war zwischenzeitlich so groß, dass einige Jahrgänge  in Klassenräumen der Willi-Weber-Schule am St. Jürgen-Platz (ehemals Bremer Platz)unterrichtet werden mussten.

Die Schülerinnen und Schüler der dänischen Schulen durften alljährlich ihre Sommerferien bei Gasteltern in Dänemark verbringen. Johanna erinnert sich, als Achtjährige auf Lolland Radfahren gelernt zu haben. Ihr Pflegevater war Kaffeebrenner. Als sie fest in ihrem Fahrradsattel saß, durfte sie die Bestellungen für den frischgemahlenen Kaffee mit dem Fahrrad in der Nachbarschaft ausliefern. Das hat sie sehr stolz gemacht. Johanna pflegt bis heute die Freundschaft zu den Kindern ihrer längst verstorbenen Gasteltern.

Als Schülerin der dänischen Schule wuchs Johanna weitgehend isoliert auf. Das Unbehagen auf alles Dänische, das sie gelegentlich sogar von den Kindern auf der Straße  zu spüren bekam, schlug sich später auch bei ihren Bewerbungen bei Flensburger Firmen nieder. Sie konnte weder mit ihren hervorragenden Mathematiknoten noch mit ihrer perfekten deutsch-dänischen Zweisprachigkeit punkten. Das hatte nichts mit persönlicher Abwertung einzelner Deutscher zu tun. Die Nichtanerkennung war staatlich verfügt!  Die Abwertung ihres dänischen Abschlusszeugnisses zog sich bis runter nach Marburg, wo sich Johanna am Diakonissenkrankenhaus um die Lehrstelle zur Laborantin beworben hatte. Den Chefarzt, der aus Altersgründen bald in den Ruhestand ging,  interessierte das dänische Abschlusszeugnis nicht. Er stellte Johanna ein. Als kurz darauf sein Nachfolger das Sagen hatte, hob der den Lehrvertrag wieder auf mit der Begründung, dänische Schulabschlüsse nicht anerkennen zu können. So etwas mache er nicht mit!

Um bei ihren späteren Bewerbungen überhaupt mal ein deutsches Zeugnis vorlegen zu können, drückte Johanna – zusätzlich ihrer dänischen mittleren Reife – erstmals eine deutsche Schulbank. Und zwar auf der zweijährigen Handelsschule am Schlosswall. Mit Abschluss! – Erst über die Bonn-Kopenhagener Erklärungen vom 28. März 1955 wurden den Schulen der jeweiligen Minderheiten beiderseits der Grenze Examensrechte zugesprochen. Sie wurden vom Deutschen Bundestag und dem dänischen Parlament (Folketing) bestätigt!

Nach einer Lehre zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel und weiteren Abschlüssen in Lohn- und Finanzbuchhaltung hat Johanna in verschiedenen Flensburger Firmen und Institutionen gearbeitet. Als Krönung ihrer beruflichen Laufbahn bezeichnet Johanna ihre Anstellung 1964 in der Rentenrechnungsstelle bei der Bundesbahndirektion in Hamburg-Altona. Da sei sie entsprechend ihrer Leistungen auch zum ersten Mal ordentlich bezahlt worden.

1952: Einweihung der Sct. Jörgens Kirke-Mörvig

Als am 27. Januar 1952 die dänische Kirche eingeweiht wurde, waren Johanna und ihr Bruder Eberhard unter den ersten Konfirmanden der neuen Kirche. Vorher wurden die Gottesdienste im Schulgebäude an der Jürgensgaarder Straße gefeiert. Der zuständige Geistliche war der Probst von Bornholm, Andreas Petersen. Er hatte seine Wohnung über dem Kirchenraum. Beisetzungen der Gemeindemitglieder von Sct. Jörgen-Mörvig und St. Jürgen auf Jürgensby wurden auf den Mühlenfriedhof oder an den Friedenshügel verwiesen.  Genehmigungen für entsprechende Beisetzungen auf dem Friedhof an der Adelbyer Kirche  waren nur schwer zu bekommen.

Der Kampf um eine Grabstelle für Johannas Bruder auf dem Adelbyer Friedhof

Als Johannas Bruder Eberhard am 13. Februar 1959 in Covara/Südtirol durch ein Schneebrett ums Leben gekommen war und auf Wunsch der Familie auf dem Adelbyer Friedhof beigesetzt werden sollte, stieß Vater Erich Ringk bei der Adelbyer Gemeindeverwaltung auf strikte Ablehnung. Nein, er könne aus den bekannten Gründen hier keine Grabstelle kaufen! Ringk war außer sich vor Enttäuschung und Schmerz. Er hatte sich gerade weinend auf einen großen Stein vor der Kirche gesetzt, als Bauer Nissen vom Trögelsbyer Weg 40, zufällig vorbei kam. Nissen war Mitglied des Kirchenvorstands. Die Männer kannten sich gut. Auch deren Ehefrauen. Die kinderlosen Nissens hatten Johanna und ihren Bruder Eberhard, schon als sie noch Kinder waren, ins Herz geschlossen. Die beiden hatten oft auf Bauer Nissens Wiesen gespielt und bei der Rhabarberernte und beim Hockenaufstellen des gemähten Roggens geholfen. Nun war das Unfassbare geschehen: Eberhard war tot! Bauer Nissen, der als Lehrer an Stelle seines im Krieg gefallenen Bruders den Hof übernommen hatte, setzte sich bei der Gemeindeverwaltung für Ringks Anliegen ein. Er erwirkte eine Sondergenehmigung für Eberhards Beisetzung auf dem Adelbyer Friedhof und für die Trauerfeier mit dem dänischen Pastor!

„Wir schaffen das“, hatte der Vater gesagt

An diesen Satz kann sich Johanna noch gut erinnern: Die Mutter, Johanna und Eberhard  hatten mit Kartoffelstoppeln einen ganzen Nachmittag auf Bauer Boltens Acker in Sünderup verbracht. Die Ausbeute waren drei Hände voll Kartoffeln! Die Enttäuschung war groß, denn davon konnte die Familie nicht satt werden. Da tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel der Vater auf. Er nahm seine Frau tröstend in den Arm und sagte: „Weine doch nicht, wir schaffen das!“  Johanna Ringk ist im Kirchenvorstand von Sct. Jörgen-Mörvig und ist Vorsitzende des Dänischen Vereins.  Sie hat kein Auto, keinen Fernseher, keinen Computer. Sie hält ihr Leben im Gedächtnis fest!

Das Gespräch mit Johanna Ringk führte Renate Kleffel 

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