Im Gespräch mit Oberbürgermeister Faber und Dr. Schroeders:

„Flensburg soll Großstadt werden!“ Zumindest lautet so die Vision von Oberbürgermeister Simon Faber. Großstadt, nicht nur nach der Einwohnerzahl, sondern auch gemäß der Bedeutung als Industrie-, Handels- und Kulturzentrum. Großstadt darf sich laut Definition nennen, wer 100.000 Einwohner und mehr aufweisen kann. Flensburg ist – nur – 7.000 von dieser Grenze entfernt.
Großstädte jedoch haben ein gemeinsames Problem: Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum. Während die Gutverdiener in die Randbezirke ausweichen können, sind Max Mustermann und seine Frau auf Wohnraum in der Innenstadt angewiesen. Klein und vergleichsweise teuer. Alternativ das Leben in Trabantenstädten mit ihren Anbindungsproblemen und sozialen Verwerfungen. Flensburg ist – noch – von solchen Szenarien verschont, dank seiner überschaubaren Größe und der Einbettung in eine ländlich geprägte Umgebung.











Vom eigenen Heim zur eigenen Wohnung

Das Verlagern des Wohnraums aus dem Zentrum an die Peripherie hat auch Flensburg in den vergangenen Jahrzehnten geprägt. Die Förderung des privaten Wohnungsbaus, meist in Form von Einfamilienhäusern, hat die Bildung von Randsiedlungen begünstigt. Jetzt kehrt sich der Trend um. Nicht nur junge Menschen zieht es in die Innenstadt zurück. Fußläufige Entfernungen zum Einkauf, zum Kulturangebot und zu sozialen Kontakten machen das Wohnen im Zentrum zunehmend attraktiv. Dem versucht die Stadtverwaltung durch neue Wohnungsbaukonzepte gerecht zu werden.
„Ein Paradigmenwechsel“, wie Dr. Schroeders, Leiter des Fachbereiches Entwicklung und Innovation, es nennt. Der Anstoß dazu kam nicht zuletzt von den großen Wohnungsbaugesellschaften der Stadt und der Region. Dank ihrer Spareinrichtungen verfügen sie über gut gefüllte Kassen und sind motiviert, in den innerstädtischen Wohnungsbau zu investieren. Dazu brauchen sie die Stadt als Vermittler oder Bereitsteller von Grundstücken und deren Planungsdienstleistung.
Wollen und Können stehen sich da zuweilen im Wege. In den vergangenen Monaten gab es, wenn auch verhalten, Kritik von Seiten der großen Baugenossenschaften am Planungsverhalten der Flensburger Verwaltung. Mangelnde Kommunikation und Abstimmung innerhalb der Verwaltungen waren die Kernpunkte. Oberbürgermeister Faber und Ressortleiter Dr. Schroeders wollten das nicht unkommentiert lassen und baten das Flensburg Journal zum Gespräch.

Planung erfordert Sorgfalt und Zeit

Auf diese Kurzdefinition kann man Dr. Schroeders Darstellung der Stadt- und Blauplanung verdichten. Die Liste der beteiligten Ressorts in Stadt und Land ist lang. Nicht immer sind die Zielvorstellungen identisch. Am Beispiel des Bauprojektes „Alte Gärtnerei“ in Mürwik erläutert der Ressortleiter den aufwändigen Planungsprozess. Das Neubauvorhaben „Alte Gärtnerei“ umfasst sieben Wohngebäude mit insgesamt 195 Wohneinheiten, teilweise im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Aber auch Penthouse-Wohnungen für über eine halbe Million Euro sind im Angebot. Vor der eigentlichen Bauplanung musste in die Bodenstruktur eingegriffen werden. Das Gelände war bis dato eine landwirtschaftliche Nutzfläche. Für die bebauten Flächen mussten Ausgleichsmaßnahmen ergriffen werden. Naturschutzrechtliche Bedingungen müssen erfüllt werden. Die benachbarte Bebauung mit Einfamilienhäusern, Schattenwurf, Lärmproblematik, Oberflächenwasser lieferten Zündstoff bis hin zur Klage der betroffenen Nachbarn vor Gericht. Die Verwaltung muss für alle Beteiligte Rechtssicherheit schaffen, um letztlich das Bauvorhaben nicht zu gefährden. Dr. Peter Schroeders machte deutlich, dass hier Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen muss und es bei solchen Planungsvorhaben naturgemäß zu Verzögerungen kommen kann, die jedoch nicht der Verwaltung angelastet werden sollten. „Dies ist nicht gegen das Projekt gerichtet“, betont Schroeders, „sondern für das Projekt.“

Zahlreiche Ressorts haben ein Mitspracherecht

Die Stadtplanung ist zuständig für die Aufstellung von Bebauungsplänen und nimmt die Abwägung von privaten und öffentlichen Belangen vor.
Der Landesbetrieb Verkehr: Er ist zuständig für die Straßenanbindung eines Bauprojektes.
Die Untere Naturschutzbehörde: Alle Planungen, die sich auf Natur und Landschaft auswirken können, werden von der Unteren Naturschutzbehörde begutachtet. Zu erwartende Beeinträchtigungen auf Natur und Landschaft sollten dabei minimiert und ausgeglichen werden.
Bauordnungsbehörde: Sie ist zuständig für die Baugenehmigungen.
Archäologisches Landesamt: Erdeingriffe in Bereichen, an denen sich Denkmale befinden oder wo den Umständen nach zu vermuten ist, dass sich dort Denkmale befinden, werden dort geprüft. Ein Denkmal kann auch ein mittelalterlicher Tontopf sein.
Wasserbehörde: Sie berät die Gemeinden und Verbände beim Ausbau der Wasserversorgung und der Abwasserentsorgung. Die Planungen dazu werden genehmigt und die Baudurchführung überwacht. Die lange Liste der Beteiligten, so der Behördenleiter, macht deutlich, dass Planungsprozesse nicht „über das Knie gebrochen“ werden können, Zeit brauchen und vor allem rechtlich abgesichert sein müssen.
Der Platz wird knapp

„Wo es einfach wäre, ist schon bebaut.“ Damit kündigt Simon Faber an, das zukünftige Bauvorhaben an Komplexität zunehmen werden. Der noch erschließbare Raum für den Wohnungsbau in Flensburgs Innenstadt wird knapp. Die jetzigen Planungen gelten für die Zeit bis 2025. Danach wird die Schaffung neuen Wohnraums vor allem durch Umwidmung vorhandener Flächen möglich sein, etwa dort, wo ungenutzte Gewerbeflächen vorhanden sind.
Die jetzigen Vorhaben basieren auf Annahmen und Hochrechnungen, die sich auf Zahlen aus dem Jahre 2013 stützen. Das schafft Unsicherheiten. 2013 war zum Beispiel der neuerliche Zustrom von Flüchtlingen nicht absehbar. Die Stadt versucht dem Rechnung zu tragen, indem sie Bauland in Reserve vorhält oder daran denkt Randbebauungen zu erweitern, etwa in Tarup.
Simon Faber wie Dr. Peter Schroeders weisen vor allem auf die schon laufenden Bebauungen oder Planungen hin. 6000 neue Wohnungen müssten aufgrund der Voraussagen bis zum Jahre 2025 entstehen, davon zwei Drittel im Geschosswohnungsbau. 2400 Wohnungen sind aktuell in der Planung, 1400 im Bau. Damit die Planung zügig vorankommt, treffen sich die beteiligten Ressortleiter jeden Donnerstag in einer Steuerungsrunde unter dem Schlagwort „Pro-Projekt“ zur Abstimmung.

An einer Karte erläutert Dr. Schroeders die aktuellen Vorhaben

Drosselweg:
30 Wohnungen im Geschosswohnungsbau (GWB) sollen hier entstehen. Probleme sind die schwierige Hanglage und das Vorhandensein einer Kleingartenanlage.
Schwarzental/Neustadt:
Hier dauerte es allein zwei Jahre, bis die Stadt in den Besitz der Fläche kam. Jetzt wird ein Wettbewerbsverfahren vorbereitet, in dem vier Investoren eingebunden sind. Geplant sind dort 400 Wohneinheiten.
Eckenerstraße:
Das ehemalige Motorola-Gelände. Hier war ein Projekt, E28 genannt, geplatzt und wird jetzt neu aktiviert. Je nach Konzept sollen dort 60 GWB-Wohnungen entstehen.
Rund um die Walzenmühle:
Kompliziert, weil es Abhängigkeiten zum Einkaufszentrum Neustadt gibt. Einkaufsmärkte sollen verlegt werden. Geplant sind rund 300 Wohnungen, davon 22 Einfamilienhäuser.
Hooger Weg in Weiche:
70 GWB-Wohnungen.
Alter Husumer Weg in Weiche:
Es gibt Bundesbahnflächen, die nun von der Stadt erworben werden sollen. Geplant ist ein Mischkonzept mit Einfamilienhäusern und Geschosswohnungen, insgesamt 90 Wohneinheiten, davon 70 Einfamilienhäuser.
Rund um die Friedenskirche in Weiche, gegenüber von Danfoss:
Hier gibt es viele Einzeleigentümer, die die Stadt versucht zu einem Projekt zusammenzuführen. 425 Wohneinheiten, davon 45 Einfamilienhäuser.
Bahnhofsumfeld:
Ein Gelände mit schwierigen Untergrundverhältnissen aufgrund früherer Aufschüttungen. Geplant sind 450 Wohnungen.
Rund um Rode Möhl:
70 GWB-Wohungen.
Tarup Südost:
Dort möchte der SBV 278 Geschosswohnungen bauen, hat das Gelände jedoch auf Grund von Ausschreibungsregeln noch nicht erwerben können. Ursprünglich waren dort Einfamilienhäuser geplant.
Tarup Dorf:
Geplant sind aufgrund der Ortsstruktur 36 Einfamilienhäuser.
Osterallee Ost (Nördlicher Teil):
137 Wohneinheiten sind geplant.
Osterallee Ost (Westlicher Teil):
90 Wohneinheiten in Planung.

Darüber hinaus hält die Stadt 18 Prüfflächen vor, auf denen über 2000 Wohnungen gebaut werden könnten.
Die ausführlichen Schilderungen von OB Simon Faber und Stadtplaner Dr. Peter Schroeders sollten Verständnis wecken für die Vielfalt und Verwobenheit der städtischen Aufgaben bei der Planung des Wohnungsbaus. Verwundert zeigten sie sich über die von Vertretern der Baugenossenschaften geäußerte Kritik. Wenn es Verzögerungen gegeben habe, seien sie sachlich begründet gewesen. Zudem würden zuweilen auch Bauträger für Verzögerungen im Ablauf sorgen. Insgesamt allerdings wurde die Zusammenarbeit als positiv bewertet. Bis 2025, dem Zieldatum für den Bau von 6000 neuen Wohnungen, bleiben knapp 10 Jahre. Angesichts der geschilderten Planungszeiträume eine Dekade, in der über die laufenden Projekte hinaus rund 2000 Wohnungen zügig geplant, finanziert und schließlich gebaut werden müssen. Bis zu der von Simon Faber gewünschten „Großstadt Flensburg“ ist es noch ein weiter Weg. Wer ihn schließlich an der Spitze der Verwaltung gehen wird, entscheidet sich in wenigen Wochen bei den Oberbürgermeisterwahlen.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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