An diesem Abend brennt in der Flens-Arena kein Licht, dafür in der Duburghalle. Eigentlich sollte die SG Flensburg-Handewitt gegen den HSV Hamburg antreten, doch die Hanseaten stellten im Zuge der Insolvenz den Spielbetrieb ein. Stattdessen leitet SG-Coach Ljubomir Vranjes ein normales Training. Mittendrin Petar Djordjic. Der 25-jährige sprüht vor Elan, er genießt es, sich unter den Mannschaftskollegen zu tummeln. Er gehört zu denjenigen, die im Januar nicht bei der Europameisterschaft waren und deshalb mit vielen Kraftübungen und Laufeinheiten bei „Laune“ gehalten wurden. „Es ist immer schwer für einen Handballer, wenn er keinen Handball sieht“, schmunzelt der Rückraum-Akteur. Diese Leidenszeit ist zum Glück beendet. Und an der Seitenlinie wartet Bruder Aleksandar. Die beiden wollen gleich gemeinsam im Fernsehen schauen, was der THW Kiel gegen Gummersbach macht. Fokus auf die nächste Aufgabe mit der SG, dem Landesderby.

Sicherlich sind die Gedanken an diesem Tag auch etwas beim HSV Hamburg. Immerhin zwei Jahre stand Petar Djordjic an der Elbe unter Vertrag. In der Serie 2012/13 hatten die Hanseaten den Serben mit Titelambitionen und einem guten Gehalt gelockt. Es folgte eine nicht immer glückliche Zeit: Manchmal saß Petar Djordjic aufgrund eines großen HSV-Kaders nur hinter der Bank, dann erlitt er einen Kreuzbandriss. Im Sommer packte er seine Sachen und kehrte zur SG zurück, wo er zu Beginn dieser Dekade seine beste Zeit erlebt hatte. Unter Ljubomir Vranjes.











Mit Hamburg möchte sich Petar Djordjic nicht mehr beschäftigen. Diplomatisch äußert er sich auf Nachfragen. „Als ich vom HSV wegging, war alles in Ordnung“, sagt er. „Mir tun die Spieler leid. Es gibt Dinge, die man als Sportler nicht beeinflussen kann.“ Seine Prioritäten haben sich verlagert. „Seitdem ich wieder in Flensburg bin, kümmern mich die Geschehnisse in Hamburg nur am Rande“, erzählt er. „Ich konzentriere mich auf die SG und vor allem auf mich selbst, um besser zu werden.“ Ähnlich fällt die Antwort aus, wenn man Petar Djordjic auf die serbische Nationalmannschaft anspricht. Im November mischte er beim Supercup in der Flens-Arena mit, zuletzt tauchte sein Name nicht einmal in einem 28er Kader auf, den Nationaltrainer Dejan Peric im Vorlauf der EM veröffentlicht hatte. Das muss ein Nadelstich für Petar Djordjic gewesen sein. „Schweres Thema“, stöhnt er und blickt nach vorne: „Die Prioritäten gehören meinem Verein und meiner Familie.“

Um die ganze Sache noch zu verkomplizieren: Vor wenigen Jahren war im Gespräch, dass der Rechtshänder Deutscher werden und für die DHB-Auswahl auflaufen könnte. Doch irgendwann stockte der Einbürgerungsprozess, die sportlichen Perspektiven veränderten sich durch eine lange Verletzungspause und einen Bundestrainer-Wechsel. Im letzten Sommer zog sich Petar Djordjic nach gut vierjähriger Pause wieder das serbische Nationaltrikot über.

In Serbien, genauer in der Handball-Hochburg Sabac, wurde er 1990 geboren. Seit 1997 lebt er allerdings in Deutschland, wuchs zweisprachig auf. Sein Vater Zoran war ein Weltklasse-Torwart und spielte damals für die SG Wallau-Massenheim. Dort begegnete Petar Djordjic erstmals der SG. Die Begeisterung erfasste ihn: „Mein Bruder hat ein Schweißband von Lars Christiansen geschenkt bekommen – und ich hatte den Traum, einmal für diese SG zu spielen.“ Dieser erfüllte sich nach einigen Stationen im hessischen Raum 2010. Dort blühte der wurfstarke Halblinke auf, als Ljubomir Vranjes Chef-Trainer wurde. Petar Djordjic trat ins Rampenlicht, errang mit der SG 2012 den Europacup der Pokalsieger, erlebte mit, wie sich der Klub in der Spitzengruppe der Bundesliga und im Final Four des DHB-Pokals etablierte. Dann ein herber Rückschlag: Ein erster Kreuzbandriss. Während der Reha-Phase flatterte ein Angebot des HSV ins Haus. Doch das ist seit Sommer Vergangenheit. „Irgendwie war es so wie früher, als ich zurückkehrte“, erzählt Petar Djordjic. „Das familiäre Umfeld der SG und ihre Siegesmentalität ist mir sehr vertraut.“

Was sich allerdings radikal verändert hat, ist die private Situation des Profis. Während seines ersten Engagements an der deutsch-dänischen Grenze wohnte er allein in Wees. Nun lebt man zu dritt in der Flensburger Innenstadt. Zunächst heiratete Petar Djordjic seine Jelena, ehe im Januar 2014 die kleine Klara Christina geboren wurde. Ein Sonnenschein. „Egal ob ich mit guter oder schlechter Laune nach Hause komme“, schwärmt er. „Das ist schnell weg, dann ist nur meine Tochter wichtig.“ Er lächelt mit freudigen Augen: „Sie hat meinen Charakter, sie weiß, was sie will.“ Auch einen Wecker braucht er nicht mehr. „Meine Tochter weckt mich, wenn sie spielen will“, strahlt er. „Das stört mich auch nicht, wenn es erst sieben Uhr ist.“

Um das Glück zu komplettieren: Seine Eltern und sein Bruder wohnen nur drei Minuten entfernt. Seine Familie ist ihm sehr wichtig, das signalisiert auch sein Oberkörper. Dort trägt Petar Djordjic inzwischen elf Tattoos, die alle eine Verbindung zu den Liebsten haben. „Ich habe schon viele Ideen umsetzen lassen“, berichtet er. „Einen sportlichen Erfolg würde ich hingegen nicht verewigen. Das sage ich zumindest heute.“ Die Zeit für Hobbys ist durch den schönen Wandel im Familienleben nur noch knapp bemessen. Geangelt hat der 25-Jährige zum letzten Mal im Juli, als er kurz nach Dänemark entschwand. „Den Tipp für dieses Revier“, schmunzelt er, „hatte ich von einem Profi-Angler – von Lars Kaufmann.“ Mit dem ehemaligen Mannschaftskollegen war Petar Djordjic auch mal gemeinsam zum Fischfang am Bodden in Vorpommern. Am Ende der Saison möchte er allerdings etwas anders angeln als Dorsch oder Barsch: Auf dem Wunschzettel stehen Titel mit der SG.

Text und Fotos: Jan Kirschner 

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