In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.

Phuong Lan Nguyen aus Vietnam











Um allein ihren Familiennamen, Nguyen, richtig auszusprechen schreibt Phuong Lan die vier Buchstaben N ü e n auf ein Stück Papier.  Also: Nüen, und schon ist die einzige Hürde unserer Verständigung aus dem Weg geschafft. Sie spricht perfektes Hochdeutsch ohne jeden Slang. Ohne Phuong Lan persönlich gesehen zu haben, könnte niemand auf die Idee kommen, eine junge Frau mit Migrationshintergrund sprechen zu hören. Dieses Kompliment wurde ihr neulich in einem „Dunkelrestaurant“ bestätigt. Wie in Vietnam für beide Geschlechter üblich, trägt auch Phuong Lan zwei Vornamen. Frauen behalten ihren Mädchennamen. Ihre Eltern sind Nordvietnamesen und Phuong Lan war es bis noch vor drei Wochen auch. Erst seit Donnerstag, dem 10. März 2016 ist sie deutsche Staatsbürgerin mit deutschem Pass! Im Gegenzug musste sie die Staatsbürgerschaft der Sozialistischen Republik Vietnam auf- und ihren Pass abgeben! Beide Staatsbürgerschaften zu haben, ist nicht erlaubt. Der neue Status hat die 23jährige Studentin weder  psychisch noch physisch verändert. Phuong ist durch ihre Migrationsgeschichte zweigeteilt. Als deutsche Staatsbürgerin mit nordvietnamesischen Wurzeln freut sie sich, nach Abschluss ihres Studiums an der Europa-Universität Flensburg, auf eine spannende und beruflich interessante Zukunft.

In erster Generation als Gastarbeiter von Nordvietnam nach Tschechien

Persönlichkeiten mit vietnamesischen Wurzeln und dazu noch Namensvettern wie der deutsche Fußballer Christopher Nguyen und der deutsche Kunstturner Marcel Nguyen oder unser ehemaliger Wirtschaftsminister und Vizekanzler Philipp Rösler waren es nicht, denen Phuong Lans Eltern nach Europa gefolgt sind. Übrigens kommt der Name Nguyen in Vietnam ebenso häufig vor wie Müller, Meyer, Schmidt in Deutschland. Die Eheleute Nguyen zählen auch nicht zu den Boatpeople, die der rote Terror nach Beendigung des Vietnamkrieges vor 40 Jahren aufs offene Meer getrieben hatte. Die Eltern waren auch nicht unter den „Hütchen-Spielern“ im Stadtzentrum von Berlin zu finden. Sie sind im Mai 1988 in einem Heer von angeworbenen  Gastarbeitern von Nordvietnam nach Tschechien gekommen! Der Ostblock einschließlich der ehemaligen DDR hatte eine große Werbekampagne in Vietnam gestartet.  Van Tuan Nguyen und Thi Vinh Hoang sind dieser Anwerbung unabhängig voneinander gefolgt. Sie haben sich erst bei der Arbeit in der Textilindustrie kennengelernt.

Als vietnamesische Gastarbeiter im Ostblock

Phuong Lans Eltern waren blutjung als sie im Mai 1988 mit einem dreijährigen Arbeitsvertrag in Tschechien eintrafen. Die Mutter stammt aus Nam Dinh, einer mittelgroßen Kreisstadt im Norden Vietnams. Sie lebte in armen Verhältnissen. Für eine Ausbildung oder ein Studium war kein Geld da. So musste sie ihren Lebensunterhalt gemeinsam mit ihren Eltern an einem  Marktstand für landwirtschaftliche Produkte verdienen. Wobei es sich nicht um eigene Erzeugnisse gehandelt hat. Der Vater, Van Tuan Nguyen stammt aus ähnlichen Verhältnissen.

Wie Phuong Lan die Situation ihrer Eltern als Gastarbeiter in der Textilindustrie beschreibt, hätten die Vietnamesen isoliert von der heimischen Bevölkerung gelebt. Sie hätten außerhalb ihrer Arbeit kaum weitere Kontakte pflegen können. Etwa die Sprache des Gastlandes zu erlernen war überhaupt nicht vorgesehen. Trotzdem sind einige Wort- und Satzbrocken aus der Umgangssprache bei den Eltern hängengeblieben. Grundsätzlich blieben die Vietnamesen unter sich. Als Phuongs Eltern beschlossen hatten zu heiraten, standen ihre Landsleute bei den Vorbereitungen für die Feier geschlossen hinter ihnen. Für die Braut wurde ein weißes Hochzeitskleid und für den Bräutigam ein dunkler Anzug ausgeliehen. Die Feier fand in den Fabrikräumen statt. Auch eine kleine Gruppe aus den Reihen der Arbeitgeber war unter den Gästen.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion  wurden die Gastarbeiter wieder nach Hause geschickt

Für die Eltern von Phuong Lan fiel der Zerfall der Sowjetunion 1991 zeitgleich auf die Beendigung ihres dreijährigen Arbeitsvertrags in Tschechien. Die Gastarbeiter wurden nach Hause geschickt. Wer nicht freiwillig ging, wurde rigoros abgeschoben. Nur wenige Familien konnten damals ohne großen Widerstand im Gastland bleiben. Nicht nur bei den Eltern von Phuong Lan hatte es sich unter den Vietnamesen herumgesprochen, das auf dem europäischen Arbeitsmarkt gute Chancen für Migranten bestehen, die sich mit viel Fleiß zu integrieren wissen. Eine Rückkehr nach Vietnam wäre für sie die schlechteste Lösung gewesen. Schlechter als unter den härtesten Arbeitsbedingungen in Europa! Schließlich hatten Phuong Lans Eltern die einsame Entscheidung getroffen, in Deutschland um Asyl zu bitten. Nach einer langen Odyssee erreichten sie Berlin. Von dort aus wurde ihnen  in Königslutter eine kleine Sozialwohnung zugewiesen. Als sie endlich ihre Arbeitserlaubnis bekommen hatten, konnten sich die Eltern mit Aushilfsjobs als Reinigungskräfte nützlich machen. Im August 1992 wurde Phuong Lan in Helmstedt geboren – zwei Jahre später ihre Schwester. Die steht heute kurz vor dem Abschluss ihrer  dreijährigen Ausbildung zur examinierten Krankenschwester.

Die Abschiebewelle von 1997 erfasste auch Familie Nguyen in Königslutter

Die Abschiebewelle richtete sich gegen Asylbewerber mit befristetem Bleiberecht. Das betraf auch Familie Nguyen in einer Nacht- und Nebelaktion. Die Auswahl der Abschiebungen verlief nach dem Zufallsprinzip. „Uns hatte es  in jener Nacht voll erwischt“, sagt Phuong Lan. „ Koffer packen und rein in den Flieger! Wir landeten im Norden von Vietnam und standen plötzlich wieder vor dem Nichts!“ Wobei die Eltern bis zum Schluss an die Genehmigung ihres Asylantrags fest geglaubt hatten. Phuong hatte bereits im Kindergarten spielend Deutsch gelernt und schon die erste Grundschulklasse in Braunschweig besucht. Dort war sie auf Wunsch der Eltern in eine Klasse mit Hauptfach Musik gekommen.

Nun war die Familie in Hanoi gelandet, wo sich der Vater mit einem Copy-Laden selbständig gemacht hatte. Sein kleines Unternehmen aber scheiterte an der Nachfrage. Die Kinder wurden in Hanoi eingeschult. Die Geschwister lernten Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache. Im gesamten Umfeld redete kein Mensch deutsch!

Das war eine Landung in der Hoffnungsloskeit

Phuong Lans Eltern konnten sich als Rückkehrer in die Chancenlosigkeit in ihrem Heimatland nicht abfinden. Allein ihren Kindern zuliebe nicht. So beschlossen sie nach drei Jahren nochmals einen Asylantrag in Deutschland zu stellen. Sie buchten einen Flieger nach Moskau. Weil ihr Erspartes bei weitem nicht ausgereicht hätte, waren sie auf geliehenes Geld von Verwandten angewiesen. Nach ihrer Landung in Moskau befanden sie sich nur noch auf krummen Wegen mit und ohne Schleuser. Es ging zu Fuß und per Lkw über die Ukraine und Tschechien nach Deutschland. Sie waren drei Monate von Mai bis August 2001  unterwegs nach Berlin. Aktenmäßig war dort die Familie Nguyen aus Vietnam bereits bekannt. Das war von Vorteil. So wiederholte sich die Zuweisung nach Königslutter. Natürlich wieder mit befristetem Bleiberecht, ohne Arbeitserlaubnis und der damit verbundenen Angst, jederzeit wieder abgeschoben zu werden. Phuong Lan kam in die zweite Grundschulklasse, ihre Schwester in die Vorschule. Wobei Eltern und Lehrer sehr erstaunt waren, dass Phuong Lans Deutschkenntnisse, die sie von ihrem ersten bis sechsten Lebensjahr in Königslutter erlernt und gepflegt hatte, wie weggeblasen waren. Ein Phänomen im negativen Sinne?

Phuong hatte mit ihren Grundschullehrern großes Glück. Dazu kam ihr Ehrgeiz, ihre scheinbar verschütteten Deutschkenntnisse sehr schnell wieder zu erlangen. Daran arbeitete sie wo sie gerade ging, saß oder stand. Ohne diesen Fleiß aber hätte sich der Erfolg nicht so schnell eingestellt, denn Phuong  war in einer sogenannten Durchlaufklasse mit Migrantenkindern aus vielen Nationen. Es herrschte ein einziges Kommen und Gehen!

Den Kampf ums Bleiberecht gewonnen

Die Familie saß lange auf dem Schleudersitz im Kampf um ihr Bleiberecht. Als die Eltern 2009 endlich ihre unbefristete Arbeitserlaubnis hatten, nahmen sie bei mehreren Arbeitgebern Voll- und Teilzeitbeschäftigung an. So war endlich Schluss, beim Einkaufen an der Kasse nur für bestimmte Güter Wertmarken vom Sozialamt vorlegen zu dürfen. „Das war schon demütigend“, sagt Phuong Lan. Sie erinnert sich, dass ihre Mutter das Kuscheltier für die jüngere Schwester an der Kasse zurücklassen musste. Inzwischen sind die Eltern nach Löhne/Westfalen gezogen, wo sie beide in einer Großbäckerei einer – wenn auch körperlich schweren Vollbeschäftigung nachgehen.

Phuong Lan studiert seit 2012 an der Europa-Universität Flensburg Sonderpädagogik auf Lehrfach. Ihr Ziel ist Förderschullehrerin mit den Fächern Gesundheit und Ernährung zu werden. Förderschwerpunkte sind die Sprache. Dabei geht es um Menschen mit Sprach-
einschränkungen, Mutismus, späte Sprachentwicklung, nicht flüssiges Sprechen können bis hin zum Stottern. Phuong Lan arbeitet in ihrem Studium auf ein weiteres Ziel  „Geistige Entwicklung“ hin. Dabei geht es um die Arbeit mit  förderungswürdigen, geistig beeinträchtigten Schülern und Schülerinnen. Im Augenblick wird dieses Thema unter dem Begriff Inklusion  in Regelklassen praktisch umgesetzt.

Phuong Lan hat ihren Bachelor nach sechs Semestern abgeschlossen und studiert jetzt im ersten Semester auf Master. Phuong Lans Geschichte ist einmal wieder ein Paradebeispiel von gelungener Integration einer Migrantin der zweiten Generation!

Das Gespräch mit Phuong Lan Nguyen führte Renate Kleffel 

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