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Kentin Mahé

Tischlein, deck dich! Kentin Mahé, Handballer der SG Flensburg-Handewitt, hat einen Salat und ein Schinken-La-Flute bestellt, wenige Minuten später bringt die Bedienung die große Mahlzeit. Und dann ist sie auch noch umsonst. Zufällig hatte der Franzose den Neuzugang Kresimir Kozina am Nordermarkt getroffen. Der war angesichts seines neuen Klubs so euphorisiert, dass er im „Kritz“ prompt die komplette Rechnung übernahm. Aber auch sonst kreuzt Kentin Mahé gerne in der bekannten Lokalität auf und verspeist Nudeln oder andere Gerichte.
Der Weg ist kurz. Zusammen mit Freundin Franziska wohnt er in einer zentralen Altstadtwohnung. Blickkontakt gibt es zu Torwart Kevin Möller, der in derselben Straße lebt. „Das ist praktisch, wenn wir gemeinsam zum Auswärts-Treffpunkt in Handewitt fahren“, erzählt Kentin Mahé. „Und wenn wir uns mit mehreren in der Innenstadt treffen, gehen wir gemeinsam nach Hause.“ Per pedes ist der 24-Jährige in Flensburg gerne unterwegs. Die Fußgängerzone kennt er schon aus dem Effeff. „Die eingelassene Platte mit dem Mittelpunkt von Flensburg finde ich interessant und auch die Rote Straße mit ihren rustikalen Charakter“, erzählt er. „Alles ist überschaubar, manchmal fühle ich mich an Gummersbach erinnert.“
Im Bergischen Land hatte er von 2011 bis 2013 gespielt. Erstmals hatte Kentin Mahé das Elternhaus verlassen – und seinen langjährigen Klub Bayer Dormagen, wo er die ersten Bundesliga-Schritte unter Trainer Kai Wandschneider gewagt hatte. Beim VfL Gummersbach behauptete sich der 1,86 Meter große Handballer, der auf Linksaußen oder im Rückraum flexibel einsetzbar ist, und empfahl sich für größere Vereine. 2013 klopfte der HSV an, dessen Finanzkraft bald nachließ. „Alle Vereine waren wichtig für meine Entwicklung“, erklärt Kentin Mahé. „Ich denke, ich habe einen gesunden Weg eingeschlagen und habe von Station zu Station mehr Verantwortung übernommen. Und nun spiele ich erstmals für einen Spitzenklub.“ Seit Sommer ist die SG der Arbeitgeber.
Zugleich ist der Franzose nunmehr seit 15 Jahren in Deutschland, verbrachte also mehr als die Hälfte seines Lebens außerhalb des Heimatlandes. Der Handball prägt seinen Lebenslauf. Geboren wurde er in Paris, doch Erinnerungen an die Metropole gibt es keine. Sein Vater Pascal war bereits Handball-Profi und unterschrieb einen Vertrag in Montpellier. Die Familie zog nach Südfrankreich und später nach Nizza, als der Vater als Spielertrainer in Monaco fungierte. Die Karriere war am Ausklingen. Dann eine überraschende Wende. „Es war so“, erzählt Kentin Mahé, „dass mein Vater während der Saison 1999/2000 ein Angebot von Bayer Dormagen erhielt und für anderthalb Jahre unterschrieb. Die dritte Klasse schloss ich noch in Nizza ab, dann sind wir meinem Vater nachgezogen.“
Der Junior hatte schon in Frankreich Handball gespielt, hegte frühzeitig den Traum vom Profitum. Mit seinem Vorbild lebte er unter einem Dach, der Vater war später Trainer der Reserve, für die Jugend und auch für die Abwehr in Dormagen. Erst vor zwei Jahren kehrte er zurück nach Frankreich und betreut heute den Erstliga-Aufsteiger Chartres. Gesehen haben sich die beiden länger nicht. „Unser Kalender ist so voll, da sehen wir uns nur zu Weihnachten“, erzählt Kentin Mahé. „Meine Eltern werden mich dann besuchen.“ Seine Mutter und seinen jüngeren Bruder Viktor, der in Köln studiert, traf er zuletzt in Gummersbach – als er dort mit der SG gastierte. Natürlich war er der letzte, der in den Mannschaftsbus einstieg.
Mit sportlichem Ehrgeiz feilt der Profi seit jeher an seinen Fähigkeiten. Schon frühzeitig wurde die französische Nationalmannschaft, die absolute Weltspitze darstellt, auf Kentin Mahé aufmerksam. Das Debüt feierte er Ende 2010 mit nur 19 Jahren gegen Tunesien. „Das war für mich das Signal, dass die französischen Verantwortlichen mich im Auge haben“, erzählt er. Doch der Weg war mühsam: 2012 machte er nur die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele mit, die Europameisterschaft 2014 erlebte er nur als Reserve-Spieler. Doch im Januar der Coup: Die ersten Einsätze bei einem Großturnier und gleich die Weltmeisterschaft.
Kentin Mahé hat sich einen Platz bei „Les Bleus“ erkämpft, obwohl er als „L´Allmand“ firmiert. Diesen Beinamen haben ihm die Mannschaftskameraden verpasst, weil er so selten in Frankreich ist, eine deutsche Freundin hat und besser Deutsch beherrscht als seine Muttersprache. „Ich brauche immer zwei Tage, bis ich wieder problemlos Französisch spreche“, verrät der Handball-Profi. Ihn erfüllt es mit Stolz für Frankreich zu spielen, mit 17 Jahren hatte er allerdings auch mal darüber nachgedacht, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen und sich für die DHB-Auswahl anzubieten. „Diese Gedanken hatte ich aber nur zwei Monate“, schmunzelt er heute.
Für die Zukunft hält er ein Fernstudium für denkbar, doch im Moment konzentriert sich Kentin Mahé voll auf den Sport. In der freien Zeit erwacht häufiger eine künstlerische Ader in ihm. Dann besprüht er mit Spraydosen eine Leinwand oder schnappt sich seine Foto-Kamera, um interessante Motive einzufangen. Und während der Bus-Touren wird Skat gekloppt. Er scheint sich wohl zu fühlen in Flensburg. „Das Umfeld stimmt bei der SG, der Verein ist gesund aufgestellt“, sagt er. „Die Mannschaft wirkt sehr homogen, und von Trainer Ljubomir Vranjes kann ich sicherlich noch viel lernen. Und was ganz wichtig ist: Bei der SG kann ich Titel gewinnen.“
Der Salat ist fast verspeist, eine Frage steht aber noch auf dem Zettel: Warum trägt er bei den Spielen immer diese unorthodoxe Thermo-Hose, die beide Knie offenlässt? Kentin Mahé: „Vor 1,5 Jahren kamen die in Mode. Nun habe ich das Gefühl, dass ich die Hose brauche, da ich damit auf dem Spielfeld sofort warm bin.“

Text und Fotos: Jan Kirschner











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