Ob der ehemalige Flensburger Umwelt- und Landschaftsplaner einen Grünen Daumen habe, bezweifelte er in einem Interview aus dem Jahre 2011. „Bei aller Liebe zu Pflanzen bin ich nie ein Gärtner gewesen.“ Jetzt, fünf Jahre später, stehen wir in seinem eingewachsenen Hausgarten in Tarup und bewundern die romantische Idylle, nur wenige hundert Meter entfernt von seinem beruflichen Hauptwerk, der Osttangente. Fast entschuldigend zeigt er in seinem Biotop auf einen Weinstock, der ihm vor Jahren von einem süddeutschen Winzer geschenkt wurde. Obwohl das Gewächs offensichtlich nicht nach önologischen (weinkundlichen) Gesichtspunkten bearbeitet wurde, trägt es in der rauen nordischen Landschaft reichlich Fruchtansätze. Ob es für eine Flasche „Taruper Stöffchen“ reicht, wird der Herbst zeigen. Hans-Friedrich Kroll hatte während seiner 27-jährigen Tätigkeit in der Stadt mehr die großen grünen Flächen und Projekte im Auge, das Ostseebad, das Osbektal, den Christiansenpark, das Lautrupsbachtal und natürlich das Generationenprojekt vor seiner Haustür, das Gelände um die Osttangente. Hier rieben sich ein halbes Jahrhundert lang die unterschiedlichen Interessen, Befürworter und Widerständler, bis schließlich und letztendlich der Bau der Umgehung 1991 begonnen und 2006 abgeschlossen werden konnte. Noch 2005 forderte die Bürgerinitiative Lautrupsbachtal eine alternative Route. Mit einer hauchdünnen Mehrheit hatte das Stadtparlament nach fast 50-jährigem Ringen die Entscheidung für den Bau gefällt. Hans-Friedrich Kroll erinnert sich noch an jedes Detail der umfangreichen Planung. „Einer meiner Nachbarn, der im Tiefbauamt tätig war, hat sich 30 Jahre, während seines gesamten Berufslebens, mit der Osttangente beschäftigt.“
Zuvor, so Kroll, fing man alle fünf Jahre von vorne an zu planen. Ständig wurden neue Ideen und Konzepte eingebracht, die aber nie eine Mehrheit fanden. Gefragt, wie man das ertragen könne, sagt er: „Von zehn Planungen, die man macht, kommt eine durch. Von diesem Erfolg lebt man dann.“ Dann fügt er schmunzelnd hinzu: „Dann hat man natürlich auch 9 Planungen in der Schublade. Während der nächsten Ratsversammlung zieht man dann eine davon aus der Schublade und stellt sie als neue vor.“
Seine Schilderung macht deutlich, wie komplex und nicht zuletzt emotionsgeladen das Projekt Osttangente war. Die Angst herrschte vor, dass die Stadt durch die Straßenführung in zwei Teile zerschnitten würde. Die kuriosesten Lösungen wurden angedacht, von einer doppelstöckigen Trassenführung bis hin zu einem Tunnel. Schließlich erarbeiteten die Planer und beauftragten externe Büros eine Lösung zu finden, mit der heute alle leben können. Durch die meist ebenerdige Straßenführung bleiben die Sichtachsen etwa zwischen den Kirchen St. Johannis und Adelby erhalten. Die alten Wegverbindungen wurden fast ausnahmslos eingebunden, etwa durch die Fußgängerbrücke des Adelbyer Kirchenweges. Dazu verzichtete man, mit Rücksicht auf die Erhaltung der Landschaft, in Teilen auf eine Bebauung, die ansonsten hohe Lärmschutzwälle erfordert hätte.
Hans-Friedrich Kroll war an diesen Planungen maßgeblich beteiligt.

Bodenständiger Theoretiker











Das Bodenständige bekam Hans Friedrich von seinen Eltern in die Wiege gelegt. Sein Vater war Verwalter, „Inspektor“, auf mehreren schleswig-holsteinischen Gütern, dem Gut Louisenberg in Kellinghusen und dem Augustenhof bei Gettorf. Nach der Schule machte er in Angeln eine Ausbildung zum Landwirt. Bauer jedoch wollte er nicht werden und begann ein Ingenieurstudium in Rendsburg, mit erfolgreichem Abschluss. Der Weg von der landwirtschaftlichen Praxis zur Theorie ging weiter. Er studierte in Kiel Agrarwissenschaften. Die Verbindung von Theorie und Praxis sollte sein weiteres Wirken ein Leben lang bestimmen. Mehrere Jahre arbeitete er beim Raiffeisenverband in Kiel in verschiedenen Funktionen als Berater der landwirtschaftlichen Genossenschaften, schließlich als Pressereferent. Damit verbanden sich drei Talente, die später seine Arbeit in Flensburg bestimmen sollten. Praktische Kenntnisse von Fauna und Flora, Theoriewissen über Landwirtschaft und Landschaftsplanung und schließlich die Fähigkeit mit den Menschen darüber zu kommunizieren.
„Die Liebe“ führte ihn 1982 nach Flensburg und 1984 das Angebot, für die Stadt in der Umwelt- und Landschaftsplanung tätig zu werden.
Das Thema „Umwelt“ bestimmte in jener Zeit zunehmend die öffentliche Diskussion. Die Stadt nicht nur als urbane Wohnstätte, sondern auch als Lebensraum für Arbeit und Freizeit. So merkwürdig es erscheint, waren doch die „grünen Schätze“ Flensburgs kaum systematisch erfasst. Dies wurde zur ersten großen Aufgabe für den neuen Mitarbeiter im Umweltamt.
Welche Naturausstattung hatte Flensburg zu bieten? Fauna (Tierwelt), Flora (Pflanzenwelt), Bodenbeschaffenheit und Geologie (Gesteinsformationen) sollten erfasst, „kartiert“ werden. Jetzt konnte Kroll aus dem Vollen schöpfen, auf sein Wissen aus dem Agrarstudium in Kiel zurückgreifen. Wie bei jeder Projektplanung sollte er erfassen, was gibt es (IST), was wollen wir erreichen (SOLL) und wie soll das geschehen (AKTION). Verbunden damit war die Frage, welche Bedeutung dies für den Bürger hat oder in Zukunft haben könnte. Wie etwa kann er sich ortsnah erholen, Natur erleben und Natur nutzen? Der erste Schritt nach der Kartierung war die Erstellung eins Parkpflegewerkes. Danach wurden über 50 Bürgerversammlungen in den betreffenden Stadtteilen durchgeführt. Dabei ging es teilweise sehr emotional zu. „Aber Emotionalität“, meint Hans-Friedrich Kroll, „ist normal. Auch ich bin emotional, wenn ich meine Ideen vorstelle. Emotionalität zeigt, dass man hinter einer Sache steht.“ Um die Menschen über die reine Information solcher Veranstaltungen hinaus „mitzunehmen“, startete Kroll Begehungen. Er wanderte mit Interessierten durch die grünen Lungen der Stadt und diskutierte mit ihnen den Zustand und die wünschenswerten Ziele für die Zukunft. Genauso wichtig, so erinnert er sich heute, war es, Ortstermine mit den Entscheidungsträgern, den Politikern zu veranstalten. Vor Ort wurde manche Diskussion am „grünen Tisch“ vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Praxisnähe versachlichte die Diskussion, weckte aber auch positive Emotionen und förderte die Bereitschaft, die Flensburger „Landschaft“ bürgerfreundlich zu gestalten und, nicht zuletzt Geld dafür bereitzustellen. Hans-Friedrich Krolls Talent, freundlich, aber auch zielorientiert zu verhandeln, half über manche Hürde von Bedenkenträgern hinweg, Politikern wie Bürgern, und führte zu praktischen Lösungen.
Dabei hatte, so Kroll, Flensburg ein ungeheures Potential an Grünflächen und Naherholungsmöglichkeiten. Aber vieles war vernachlässigt, zugewachsen und für potentielle Nutzer nicht zugänglich und attraktiv. Er bedauert, dass das noch heute für das Lautrupsbachtal gilt.

Mit Auge, Hand und Herz

Zu den anfänglichen Bürgerversammlungen, so erinnert er sich, kamen gerade mal zehn Interessierte. Als er seine „Wanderungen“ anbot und die Pläne vor Ort diskutierte, wuchs die Zahl der beteiligten Bürger stetig. Die Stadt hatte für die Grünflächen keine fertigen Konzepte in der Schublade. Sie entstanden gemeinsam mit den Bürgern, internen und externen Planern Schritt für Schritt.
„Umwelt und Landschaft“, sagt er, „muss mit Auge, Fuß und Hand erfahren werden, gefühlt, gesehen, gerochen und erfasst werden. Damit ergibt sich auch eine Identifikation, weil man es mit allen Sinnen erfahren hat.“
„Vom grünen Tisch in die freie Natur“, war sein Konzept. Und es war nachhaltig erfolgreich. Verwaltung und Politik mussten mit dem Bürgerwillen in Einklang gebracht werden. Kein, wie man täglich erfährt, leichtes Spiel. Krolls Begeisterung und Hartnäckigkeit bewirkten im Laufe der nächsten Jahre, dass die Stadt viel in ihre Naturflächen investierte, Zeit, Geld und Manpower. Das Umwelt-
interesse hatte inzwischen alle politischen Parteien erreicht. Nicht nur die „Grünen“, auch „Rote“, „Schwarze“ und „Gelbe“ setzten Umweltthemen ganz oben auf ihre To-Do-Liste. Die Vorgaben der EU sorgten in der Folge dafür, dass Umweltrichtlinien in jede Planung eingehen mussten, nicht immer zur Freude der Initiatoren. Heute werden, so sagt Kroll, 90% der gesamten Planung durch Umweltvorgaben der EU bestimmt. Ein umfangreicher Wust von Unterlagen begleitet jedes Vorhaben. Dazu die Bürgerbeteiligung, die fast immer in einem Konflikt endet. Zum einen die Forderung, Planungsvorhaben schnell umzusetzen und gleichzeitig die Bürger intensiv an der Lösungsfindung zu beteiligen. Doch Hans-Friedrich Kroll sieht das in der Rückschau gelassen. „Ich finde Bürgerbeteiligung gut“, sagt er. „Es ist eine Frage der Beharrlichkeit, die Dinge auszudiskutieren und dann aber auch zu Ende zu bringen.“ Bei der Osttangente, für die neben anderen Planungsunterlagen ein „riesiger“ Umweltbericht angefertigt wurde, kam nach 50 Jahren Planung und Diskussion schließlich das „Go“ mit einer (!) Stimme Mehrheit in der Ratsversammlung.
Krolls Schaffen zieht sich wie ein grünes Band durch das 5000 Hektar große Flensburger Stadtgebiet. Volkspark und Ostseebad, Osbektal und Scherrebektal. Wanderwege und Streuobstwiesen entstanden, Landschaftsachsen und Grünringe im Stadtgebiet wurden eingerichtet. Bundeswehr-Liegenschaften konnten neu genutzt werden. Aus dem Truppenübungsplatz Mürwik wurde das Naturschutzgebiet Twedter Feld, aus dem Übungsplatz Weiche das Stiftungsland Schäferhaus. Der Christiansenpark und der Alte Friedhof haben es ihm besonders angetan. Deren historische Aufbereitung bis hin zur Rückkehr des Idstedt-Löwen haben ihn viele Jahre beschäftigt.

Wohnen und Leben vereinen

Das Ziel, jeder Bürger soll in 15 Minuten im Grünen sein, ist vorangekommen. Die Prioritäten allerdings ändern sich im Laufe der Jahre. Jetzt steht der „soziale“ Wohnungsbau wieder im Mittelpunkt. Wohnen für verschiedene Generationen zu zumutbaren Preisen steht ganz oben auf der Planungsliste der Stadt. Auf keinen Fall aber „zupflastern“, sondern einbinden in die grüne Umwelt, keine leichte, aber doch machbare Aufgabe. Hans-Friedrich Kroll kann das von seinem „Grünland“ in Ruhe beobachten. Ganz abgegeben hat er den grünen Löffel noch nicht. Immer noch lädt er zu Stadtwanderungen ein, macht sich Gedanken über die Naturraumgestaltung in seinem Wohngebiet, die Anlage von Spiel- und Aktionsplätzen für Kinder und Jugendliche und organisiert seit siebzehn Jahren viertägige Reisen durch Deutschlands Parkanlagen. Englische Landschaftsgärten haben es ihm angetan. Historische Konzepte, die auch für die Parkgestaltung in Flensburg Vorbild sein können.
Hans-Friedrich Krolls Garten bleibt ganz natürlich. Im Herbst kann er sich, wenn Sonne und Regen gnädig sind, an dem grünen Biotop und seinen Trauben erfreuen.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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