MiF (01,16) Mahmoud El Ammar, Libanon2In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.

Mahmoud El Ammar











Ich traf Mahmoud, 27, am Bahnhof. Groß und schlank, mit Jeans und weißen Joggingschuhen bekleidet, den Temperaturen entsprechend warm verpackt, ragte er mit seiner leuchtend roten Signalweste aus der Menschenmenge. Mahmoud ist Deutscher mit libanesischen Wurzeln. Sein Deutsch ist ebenso perfekt wie seine arabische Muttersprache. Durch reinen Zufall hat er vor einigen Monaten am Bahnhof die Rolle des Dolmetschers übernommen. Das passierte eigentlich nur, weil sich seine Abfahrt mit dem Zug nach Hamburg um über eine Stunde verspätet hatte und wenige Minuten danach ein mit Flüchtlingen voll beladener Zug einlief. Überwiegend Afghanen und Iraner waren angekommen. Mahmoud sah die vielen verängstigten Menschen, für die nur zwei Dolmetscher zur Verfügung standen. Alle redeten oder schrien in ihren angeborenen Temperamenten wild durcheinander – auch die Dolmetscher – und kaum einer konnte den anderen verstehen. Weil die Muttersprachen dieser angereisten Flüchtlinge überwiegend Arabisch und Farsi waren, fühlte sich Mahmoud sofort aufgerufen, beruhigend auf sie einzuwirken. Damit hatte er ganz schnell eine Traube von etwa 150 Flüchtlingen hinter sich, die er zum Infostand und zur Essensausgabe in die Bahnhofshalle führte. Bei diesem ersten und zufälligen Einsatz hatte Mahmoud im Eifer seiner Hilfsbereitschaft sein eigentliches Reiseziel Hamburg total unterdrückt. Der verspätete Zug nach Hamburg, wo sein älterer Bruder auf ihn warten wollte, fuhr ohne ihn ab. Ab Hamburg sollte die Reise der beiden Brüder mit dem Auto weiter nach Frankfurt gehen, wo die Familie am Wochenende anlässlich der Verlobungsfeier des Bruders angereist war. Mahmoud ist Zeitsoldat. – Da er zum festen Dolmetscherteam gehört – was er auch leitet – kann er sich in Abständen für seine Einsätze vom Dienst befreien lassen. Inzwischen ist längst Verstärkung bei den Dolmetschern am Bahnhof eingetroffen. Wie Mahmoud betont, seien etwa 95 Prozent der Dolmetscher weniger als ein Jahr in Deutschland.
Die Arbeit am Bahnhof ist für Mahmoud längst nicht zur Routine geworden, obwohl fast jeder der Neuankömmlinge die gleichen Fragen hat. Der Begrüßungsruf kann „Hallo Farso, Hallo Arabisch“ oder ganz anders lauten! Die Flüchtlinge, die in Flensburg ankommen, wollen in der Regel weiter nach Skandinavien, weil dort an Bürokratie vieles schneller geht.
Mahmoud beantwortet mir die Frage, wie er all das Elend seelisch verkraftet? Am Anfang hätten ihn viele dieser schlimmen Schicksale um den Schlaf gebracht. Nachdem die Familien fürs Erste versorgt waren, habe er stundenlang zugehört. Das habe unheimlich an seinen Kräften gezehrt. Und weil es so nicht weitergehen konnte, habe er die Realität – nur helfen aber das eigentliche Drama nicht stoppen zu können – zugelassen. Jetzt würde er einfach nicht mehr zuhören.
Mahmoud El Ammar ist ein unpolitischer Mensch. Er war 1988 gerade mal ein Jahr alt, als seine Eltern mit ihren damals vier Kindern den Libanon verlassen haben. Über den Libanonkrieg von 1982, der vor dem Hintergrund des libanesischen Bürgerkriegs stattgefunden hat, spricht er nicht. Da war er ja auch noch nicht geboren. Er erwähnt nur, dass sein Vater als General an der Seite einer der Bürgerkriegsparteien gekämpft hat.
Als der Vater im Libanon keine Zukunftsperspektive für sich und seine Familie mehr sah, buchte er eine Urlaubsreise nach Frankfurt und beantragte für die ganze Familie Asyl. Weil der Schwager bereits einen dänischen Pass hatte, erstrebten die Verwandten eine Familienzusammenführung in Dänemark. Die dänischen Behörden aber lehnten den Asylantrag ab. Die Familie fand zunächst in Niebüll, in einem Heim für Migranten, Unterkunft. Hier musste die inzwischen siebenköpfige Familie zwei Jahre lang in einem Zimmer ausharren. Ohne Arbeit auf einen Asylentscheid warten zu müssen, sei zermürbend. Zum Trost stand in Westre bei Leck eine Haushälfte mit drei Zimmern zur Verfügung. Zuhause im Libanon hatte der Vater auf seinen eigenen Ländereien sehr erfolgreich Obstanbau betrieben. Jetzt waren seine Ländereien an Verwandte verpachtet. Als sich seine Kenntnisse im Obstanbau in Nordfriesland herumgesprochen hatten, blieben die Arbeitsangebote nicht aus. Nach viereinhalb Jahren zog die Familie nach Ladelund, wo der Vater in einem Schlachtereibetrieb Arbeit gefunden hatte. Eine Arbeitserlaubnis lag inzwischen vor. Über die Asylanträge war immer noch nicht beschieden worden. Weil in Deutschland nichts ohne Papiere läuft, war dieser Schwebezustand Stress pur.

Für eine bessere Zukunft ihrer Kinder haben sie hart geschuftet

Die Eltern sprechen neben Arabisch auch Englisch und Französisch. Hier in Deutschland haben sie für die Bildung ihrer Kinder alles getan. Sprachförderung, wie sie Migranten heute angeboten wird, gab es Ende der 1980er Jahre auf dem Lande noch nicht. Trotzdem gab es auch Vorteile. Da es weit und breit keine Arabisch sprechenden Menschen gab, musste einfach nur Deutsch gesprochen werden. Die Kinder hatten sich in Kindergarten und Schule schnell integriert.
Mahmoud berichtet von einem Schlüsselerlebnis, das ihn und seine Geschwister zu noch mehr Fleiß angespornt hat:
Um von Westre aus in Ladelund im Supermarkt einkaufen zu können, legte die Mutter einen Fußmarsch von
8 Kilometern zurück. Sie trug Kopftuch und lief am Straßenrand entlang, auch als sie mit ihrem fünften Kind schwanger war. Einmal hatte sie sich mit ihren gefüllten Einkaufstaschen auf eine Bank vor dem Supermarkt gesetzt und bitterlich geheult. Es ging ihr nicht gut. Sie wusste, dass sie den Rückweg zu Fuß nicht mehr schaffen würde. Sie saß lange auf der Bank! Dann stand plötzlich eine junge Frau vor ihr. Die wollte ihre Hilfe anbieten. Sie fragte nicht lange, packte die Einkaufstaschen in ihren Wagen und fuhr die Mutter zurück nach Westre. Während der Fahrt hatten sich die beiden Frauen einander vorgestellt. Der rettende Engel war die Chefin des Supermarkts. Als die Familie El Ammar am Abend wieder zusammen war, saß die Mutter weinend in der Stube. Sie wollte zunächst nicht erzählen, was passiert war. Für Mahmoud und seine älteren Brüder galt von diesem Tag an ein wichtiger Schwur, den sie tatsächlich auch eingehalten haben: Die Kinder wollten für einen guten Schulabschluss so fleißig lernen, dass ihnen ein Studium und eine gute Berufswahl eines Tages offenstehen würde. Das haben alle fünf Geschwister auch tatsächlich geschafft.

Wie sich ein Kind fühlt, als Migrant aufzuwachsen?

Mahmoud: „Gut! Spürbare Nachteile wegen der deutschen Sprache mussten wir durch Fleiß aufholen. Unsere Eltern haben alles getan, dass wir uns auf deutschem Boden sofort auch als Deutsche fühlen. Sie selbst aber haben tierisch gelitten, weil sie ihre Fähigkeiten hier nicht entfalten konnten. Ihren Kummer aber haben sie uns nie gezeigt.“
Mahmoud sagt, dass die Geschwister alles was sie vorwärtsgebracht hat, ihrer Mutter zu verdanken haben.
„Man stelle sich vor, dass die Einbürgerung meines Vaters 16 Jahre gedauert hat. Unsere Mutter und wir Kinder haben nach 14 Jahren unseren deutschen Pass bekommen. Vorher war ein Urlaub im Libanon für uns nicht möglich. Als wir am Ziel waren, mit Berufsausbildung und Studium, sind die Eltern auf ihre Scholle im Libanon zurückgekehrt. Mein Vater hat den Boden geküsst und vor Glück geheult. Er fühlt sich wie erlöst. Viel länger hätte er den Stress in Deutschland nicht verkraften können. Seinen Kindern aber erlaubt er nicht, in den Libanon zurückzukehren. Nur die Jüngste, die in Deutschland geboren ist, studiert im Libanon Zahnmedizin und wird dort auch bleiben.“

Das Gespräch mit Mahmoud führte
Renate Kleffel

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