Leises Plätschern der Wellen an den Strand, permanent wechselndes Licht über dem Meer, Wolken, die in einem Moment zart wie Federn am Horizont entlang schweben und sich ein anderes Mal bedrohlich auftürmen, grüne Laubwälder und geduckte Reetdachhäuser, Boote, die auf dem Wasser dümpeln, Fischer bei der Arbeit: Das Szenario würde auch heute noch Balsam für die Seelen gestresster Städter darstellen. Vor  rund 150 Jahren bildete es einen wohltuenden Kontrapunkt zur zunehmenden Hektik in den Ballungszentren der schnell fortschreitenden Industrialisierung. Ekensund (dän: Egernsund), ein kleiner, damals deutscher Ort auf der heute dänischen Seite der Flensburger Förde stand für all diese Eindrücke und entwickelte eine magische Anziehungskraft  für Maler aus nah und fern. Ungefähr ab 1870 entstand daraus die heute fast vergessene Künstlerkolonie Ekensund. An sie erinnert bis Ende April eine umfangreiche Ausstellung im Schloss Brundlund (Brundlund Slot) in Apenrade (Aabenraa), an deren Zustandekommen die Mannschaft des Museumsbergs Flensburg maßgeblich beteiligt war. „Ohne die dänisch-deutsche Zusammenarbeit wäre sie nicht zustande gekommen“, freut sich Museums-Oberinspektorin Katrine Kampe.

Auf dem Flensburger Museumsberg ist laufend über die Künstlerkolonie geforscht worden, und das Museum hat im Laufe der Jahre eine laut Kampe „ansehnliche, repräsentative Sammlung“ der wichtigsten Kunstwerke dieser Zeit aufgebaut. Kein Wunder also, dass Kampes Kollege in der deutschen Fördestadt, Dr. Michael Fuhr, auch an dem zweisprachig gefassten Ausstellungskatalog über „Egernsund, den glemte Kunstnerkoloni“ (Ekensund, die vergessene Künstlerkolonie) mitgewirkt hat. Im weißen Schloss von Apenrade, nur wenige Schritte vom Stadtkern entfernt, werden gegenwärtig zahlreiche Arbeiten der Vertreter der Ekensunder Künstlerkolonie gezeigt. Es sind nicht nur Werke aus dem Fundus des Museumsbergs darunter, sondern auch Leihgaben von Privatpersonen und der Flensburger Galerie Messerschmidt. Zugleich gibt die Ausstellung einen faszinierenden Überblick über  Leben und Wirken der Künstlerkolonie. Deren Mitglieder gehörten damals zu den führenden deutschen Vertretern der so genannten Freiluftmalerei, die sich aus Frankreich gen Norden ausgebreitet hatte. Anders als bei der dänischen Künstlerkolonie Skagen oder seinem deutschen Pendant Worpswede ist die Ekensunder Künstlerkolonie weder im deutschen noch im dänischen Bewusstsein verankert. Schuld daran ist die wechselvolle Geschichte mit ihren kriegerischen Auseinandersetzungen im deutsch-dänischen Grenzgebiet bis hin zur Volksabstimmung von 1920, bei der der heutige Grenzverlauf festgelegt wurde.











Seither ist Ekensund dänisch, doch die Dänen maßen der Künstlerkolonie, die dort zwischen 1870 und 1920 ihre Blütezeit erlebte, Jahrzehnte lang keine Bedeutung bei. Denn die Mitglieder von damals waren fast ausnahmslos Deutsche – mit einer Ausnahme: Der Kopenhagener Louis Jensen wurde als Einziger als Mitglied in die Künstlerkolonie aufgenommen, die sich als Zeichen der Exklusivität sogar eine eigene Fahne zugelegt hatte.  Dänische Maler waren gemeinhin lediglich als Gäste vertreten. Gleiches galt für Frauen. Nur eine einzige, Emmy Gotzmann-Conrad, fand Zugang zum elitären festen Kreis der Ekensunder Künstlerkolonie – und das auch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die malenden Männer blieben bis dahin unter sich und duldeten nur hin und wieder eine Künstlerin vorübergehend in ihrer Gesellschaft. Im allgemeinen sprachen sie leicht herablassend von „Malweibern“, wenn sich eine Frau mit Skizzenblock, Pinsel und Farbpalette sehen ließ. Frauen durften ihnen beim Malen gelegentlich bewundernd über die Schulter schauen, wie alte Fotografien von Wilhelm Dreesen belegen, der zu dem Kreis der Maler gehörte. Weibliche Konkurrenz war dagegen nicht gefragt, obgleich die patriarchalischen Strukturen in einer sich drastisch und anhaltend verändernden Lebensweise langsam aufzuweichen begannen. Denn die Industrielle Revolution, die in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in Schleswig-Holstein einsetzte, verursachte einen bis dahin nicht gekannten wirtschaftlichen Aufschwung.

1867, einige Jahre vor Gründung der Künstlerkolonie von Ekensund, war das Land in den Deutschen Zollverein eingetreten und hatte so seine Märkte beträchtlich erweitert. Bereits 1871 wurden in Flensburg und Kiel Handelskammern gegründet. Doch nicht nur Handel und Gewerbe erlebten damals einen beträchtlichen Wandel, auch die Infrastruktur veränderte sich rasant: Das Eisenbahnnetz wurde seit 1844, seit der erste Zug zwischen Kiel und Altona gefahren war, kontinuierlich ausgebaut. Das gleiche galt für das Netz befestigter Straßen, der so genannten Chausseen. Der technische Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten, auch wenn er im Land zwischen den Meeren wegen dessen Randlage langsamer vonstatten ging als im übrigen Deutschen Kaiserreich. Nicht nur die Wirtschaft, auch die Gesellschaft wandelte sich grundlegend. In der damaligen Zeit wachsenden Wohlstandes und einer sich rasant verändernden Lebensweise waren die Werke der Ekensunder Freiluftmaler ausgesprochen beliebt. In den Metropolen boomte die Kunst, und das Großbürgertum schmückte sein Zuhause gern mit den unterschiedlichsten Szenarien der Fördelandschaft. Dazu wurde nicht nur die dortige Natur möglichst stimmungsvoll naturgetreu wiedergegeben. Auch die damals zahlreichen Ziegeleien mit ihren dampfenden Schloten entlang der Küste zwischen Ekensund und Brunsnaes übten eine seltsame Faszination auf die Maler aus, die sich mit dem Malen in freier Natur – en plein air, wie die Franzosen zu sagen pflegten – allesamt dem neuen Realismus verschrieben hatten. Er stellte eine nahezu revolutionären Kunstrichtung dar, verglichen mit der bis dahin praktizierten klassischen Akademie-Malerei in den Ateliers.

Der Ruf der Ekensunder Künstlerkolonie drang damals in alle Kunstmetropolen. 1895 stellte Otto Heinrich Engel in München aus. Heinrich Petersen-Angeln war in Berlin vertreten, Eugen Dücker in Düsseldorf, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Werke der Maler machten neugierig auf die Landschaft an der Flensburger Förde, von der ein zeitgenössischer Schriftsteller schwärmte: „Wer sich durch ein meist trübseliges Zwischenland plötzlich in dem lebhaften Flensburg in seiner anmutigen Lage, an seinem Hügelhange und seiner wunderschönen Föhrde wiederfindet, möchte schier an Zauberei glauben, so außerordentlich ist der Wechsel.“ Ein Karlsruher Professor der Landschaftsmalerei empfahl seinen Schülern sogar, Studienreisen nach Ekensund zu unternehmen. Während die Industrialisierung Teile der Landbevölkerung in die Großstädte zog, wo es immer lauter, unruhiger und dreckiger zuging, wurde das Leben auf dem Land und am Wasser romantisiert. Dem Lärm der Fabriken wurden beruhigende Stimmungen entgegengesetzt, und die Eken-
sunder bedienten mit ihren Bildern von Sonnenuntergängen über der Ostsee, hereinbrechender Dämmerung, Sommernächten am Meer und Booten auf der Förde die zunehmende Sehnsucht nach Stille und Frieden. Die Künstler trafen sich – vornehmlich im Sommer – draußen an den Ufern der Förde, übernachteten tage- oder wochenweise in einer Gaststätte oder sogar im eigenen kleinen Sommerhaus. Es wurde zusammen gefeiert, man tauschte Neuigkeiten aus und begutachtete und kommentierte gegenseitig die vor Ort entstandenen Werke. Einer dieser Künstler war übrigens der Flensburger Jacob Nöbbe, der auch als Zeichenlehrer arbeitete und den später zu weltweiter Berühmtheit gelangenden Emil Nolde unterrichtete.

Doch nicht nur Maler aus nah und fern zog es nach Ekensund und zum Nübel Noor: Wer einem einträglichen bürgerlichen Beruf nachging und es sich leisten konnte, gönnte sich im Sommer mit Frau und Kind(ern) eine Dampfschifffahrt auf der Förde. Die „Sommerfrischler“ gingen in Ekensund von Bord, um Künstler und Objekte einmal selbst in Augenschein zu nehmen. Sie konnten sogar Ansichtskarten mit Fotos und „Gruss aus Ekensund“ von dort verschicken. Auf Karten von damals wurde die Förde übrigens noch „Föhrde“ geschrieben. Die Blütezeit der Künstlerkolonie in dem beschaulichen Ort an Flensburger Förde und Nübel Noor bestand ungefähr von 1880 bis 1910. Erst mit der Grenzziehung von 1920 geriet die Künstlerkolonie in der öffentlichen Wahrnehmung in Vergessenheit – völlig unverdient, wie Museums-Oberinspektorin Katrine Kampe, meint: „Darum möchten wir Wissen über diese besondere Zeit dänischer und deutscher Grenzlandgeschichte vermitteln.“

Die Ausstellung „Mit Schirm und Pinsel – Ekensund, die vergessene Künstlerkolonie“ (Med Parasol og Pensel – Egernsund, den glemte kunstnerkoloni) ist bis zum 1. Mai geöffnet. Die Öffnungszeiten bis einschließlich
31. März: Dienstags bis sonntags von 12 bis 16 Uhr, ab April von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 50 Kronen. Obendrauf gibt es eine Karte mit etlichen Standorten der Schauplätze von damals. Wen das zu einem Ausflug nach Ekensund  animieren sollte, der kann die angeführten Stellen nicht verfehlen: Vor Ort sind Bilderrahmen  aufgestellt, die einen Blick auf die Landschaft von heute gewähren.

Edith Lund 

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