In Deutschland feiert man das Ende des Krieges vor 70 Jahren. Für viele Menschen ist die Zeit des Leidens und des Suchens nie zu Ende gegangen. Die Kinder des Krieges sind die vielleicht schmerzlichsten Opfer. Die Suche nach ihren Vätern und Müttern bestimmte ihr Denken und Fühlen während der letzten sieben Jahrzehnte.
In dieser Dokumentarserie berichten wir von Schicksalen, die uns berühren und uns zur Überzeugung bringen: Nie wieder Krieg!

Die Geschichte der Edda P.











Alles begann mit einem Brief, einem Brief an den „Ev.-Luth. Kirchenkreis Flensburg“ in der Mühlenstraße 19 in Flensburg, „Tyskland“.
„Ich bin in Bergen. am xx.xx.1944 aus einem Deutsche vater und Norwegishe mutter geboren. Mein große wünsch ist mein Vater zu finden. Er ist in Flensburg xx.xx.1913 geboren. Sein Name ist Emil A.*. Mein Mutter hat mir erzält das er aus einer Bäckerfamilie kommt. In einen brief aus die Bundesarchiv (Norwegen, die Red.) in Bergen ist er angegeben als verheirated, das er war ein obergefreiter und sein feld Postfach war xxxxxx. Ich will sehr Dank verpflichtet sein vür alle Auskunft über mein Vater in Flensburg. Mit freundlichen Grüßen“

Absenderin des in holperigem Deutsch verfassten Schreibens war Edda P.* aus einem kleinen Ort nordöstlich von Oslo in Norwegen. Das war im Jahre 2006. Dieser Brief blieb einige Zeit unbeachtet liegen, bis er dem Flensburger Historiker und Archivpfleger Dr. Dieter Pust in die Hände fiel. Er erhält häufig Anfragen, in denen ehemalige Flensburger nach ihren familiären Wurzeln suchen. Und er hilft gerne, wühlt sich durch die alten Kirchenbücher und Archivunterlagen, sucht in Sterbeurkunden und Friedhofsbüchern nach Menschen, die mit den Fragestellern in einer familiären Verbindung stehen, oft Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte in der Vergangenheit.
Doch dieser ‚Fall‘ lag anders, ließ ihn aufmerken und neugierig werden und einen Dialog mit der Fragestellerin beginnen.

Norwegen 1945

Der Krieg neigt sich dem Ende entgegen, ein Ende mit Schrecken, nicht nur für die Soldaten an der Front, sondern auch für Besatzer und Besetzte in Norwegen.
Schon in einer frühen Phase des Krieges wurde Norwegen durch deutsche Truppen okkupiert, nicht so sehr, um Gebietsansprüche der Nationalsozialisten zu befriedigen, sondern um Zugang zu wichtigen Rohstoffen zu erlangen und einen strategisch wichtigen Standort gegen eine mögliche englische Invasion zu sichern. Das Mittel der Wahl war weniger die übliche militärische Gewaltausübung, sondern eine geschickt eingefädelte diplomatische Infiltration. Der Versuch der Nationalsozialisten, Norwegen „als Freunde“ zu gewinnen, scheiterte. König Haakon VII. hatte sich nach massiven Luftangriffen Deutschlands mit dem legitimen Kabinett unter Ministerpräsident Johan Nygaardsvold ins Exil nach London abgesetzt. Rechtsgerichtete Kräfte im Lande vermochten es, mit Hilfe des Obersten Gerichtshofes Norwegens ohne Wahlen eine Regierung unter dem deutschfreundlichen konservativen Politiker und Regierungspräsidenten von Oslo und Akershus, Ingolf Elster Christensen einzusetzen. Der deutsche Josef Terboven, zuvor Gauleiter in Essen, wurde Reichskommissar. Er übernahm die Kontrolle über die norwegische Regierung, deren Regierungschef durch den rechtsgerichteten ehemaligen Verteidigungsminister Vidkun Quisling ausgetauscht wurde.

Die Bevölkerung litt in den Kriegsjahren vor allem unter Mangelversorgung. Es kam zu Streiks, die mit Gewalt niedergeschlagen wurden. Trotzdem ließen die Besatzer stillschweigend zu, dass Dänemark und Schweden die Bevölkerung durch Hilfslieferungen unterstützten.

Wie bei jeder Besatzung wählten die Menschen ihren eigenen Weg, mit der Situation umzugehen. Sie übten Widerstand oder arrangierten sich mit den Gegebenheiten. Das traf auch für viele Mädchen und Frauen zu, die Freund- und Liebschaften mit den deutschen Soldaten eingingen.

Aus diesen Beziehungen, so schätzt man, gingen mehr als 10.000 Kinder hervor, alle zwischen 1942 und 1946 geboren, teilweise also Monate nach dem Abzug der deutschen Truppen. Kinder aus Besatzungsbeziehungen sind nichts Außergewöhnliches. Doch den Kindern der deutschen Soldaten und deren norwegischen Müttern stand ein besonders traumatisches Schicksal bevor.

Nach dem Abzug der deutschen Truppen richtete sich der Hass in der Bevölkerung gegen die tyskertøs (Deutschdirnen) und ihre tyskerbarna (Deutschkinder). „Eine große Anzahl dieser Kinder wurde misshandelt, sexuell missbraucht, psychiatrisiert und zwangsadoptiert, was nicht wenige in den Suizid getrieben hat. In Norwegen attestierte ein Oberarzt allen ‚Deutschkindern‘ aus den Lebensbornheimen nach Ende der Okkupation kollektiv die Diagnose ‚schwachsinnig und abweichlerisches Verhalten‘. Die Begründung: Frauen, die mit Deutschen fraternisiert hätten, seien im Allgemeinen ‚schwach begabte und asoziale Psychopathen, zum Teil hochgradig schwachsinnig‘. Es sei davon auszugehen, dass ihre Kinder dies geerbt hätten. ‚Vater ist Deutscher‘ genügte zur Einweisung.“

Die Opfer wurden zu Tätern erklärt, ausgegrenzt, verfolgt und letztlich bis in unsere Zeit stigmatisiert. Am schlimmsten sollte es die Kinder treffen, die im Jugend- und Erwachsenenalter keinen Ansprechpartner fanden, der ihnen ihr Schicksal erklären und ihnen Auswege aus dem Trauma zeigen könnte. Die norwegische Gesellschaft schaffte es im Allgemeinen nicht, sich der Verantwortung gegenüber diesen Opfern des Krieges zu stellen. 1998 lehnte eine Mehrheit des norwegischen Parlaments die Einsetzung einer Untersuchungskommission zum Thema als „unnötig“ ab. Im gleichen Jahr bat der damalige Staatsminister Kjell Magne Bondevik für die Diskriminierung der „tyskerbarna“ und ihrer Mütter in Norwegen um Entschuldigung. Für die Betroffenen ein später, halbherzig erscheinender Wiedergutmachungsversuch. Die Scham über das eigene Schicksal verhinderte bei der Mehrheit der Deutschkinder ihre Herkunft zu klären.

Flensburg 2006

Edda P. ist 1944 geboren, bei Abfassung ihres Briefes an die Flensburger Kirchengemeinde 62 Jahre alt. Erst nach dem Ableben ihrer Mutter wagte sie es, nach ihrem leiblichen Vater zu forschen. Dank ihrer Taufurkunde kannte sie den Namen und seine Herkunft aus Flensburg. Dr. Pust, dem die Kirchengemeinde den Brief der norwegischen Frau übergeben hatte, begann nach dem Vater Emil A.* zu forschen und wurde nach monatelangen Ermittlungen fündig. Nach einer ersten Rückmeldung nach Norwegen erreicht ihn ein Brief.

„Danke vür deiner schnelle antwort. Du frage ob ich mein Taufschein zu registrierungsbüro senden kann, aber ich habe nicht die adresse. Ich mochte gern von mein Vater Emil A. hören, ob er hatte mehr Kinder. Ob ich da habe einige Geschwister wie wohne in Flensburg. Hattest es vorhanden sein, konnte ich ein Bild von mein Vater haben.
Edda P.“

Aus diesem Schreiben spricht der innige Wunsch, Teil einer Familie zu sein, die ihr 60 Jahre lang verwehrt blieb. Edda P.s Vater ist 1913 in Flensburg geboren und hatte 1936 geheiratet. Nach dem Krieg lebte er mit seiner Familie wieder in seiner Geburtsstadt. Edda P. sollte ihren leiblichen Vater nicht mehr kennenlernen. Dreizehn Jahre vor ihrem ersten Brief ist er in Dänemark verstorben.

In Dänemark lebt eine Halbschwester, die Dr. Pust ermitteln konnte und in der Hoffnung ansprach, dass zwischen den beiden Frauen ein Dialog entstehen könnte. In einem Brief an Pust macht sie jedoch deutlich, dass sie keinen Kontakt mit ihrer norwegischen Halbschwester wünscht, gar trotz vorliegendem Taufschein die Vaterschaft in Bezug auf Edda P. anzweifelt. Jedoch legt sie der gleichen Post ein Bild ihres Vaters bei, um es Edda P. nach Norwegen schicken.

Sich mit der Vergangenheit, gar mit der eigenen auseinanderzusetzen, kann schmerzlich sein, aber auch befreiend. Edda P. schrieb an ihre Halbschwester in Dänemark auf Norwegisch. Hier die freie Übersetzung: „Meine Liebe, Tausend Dank für den Brief und das Bild, die ich von Dir erhielt. Das berührt mich wirklich. Für mich war das auch eine schwierige Sache und ich kann sehr gut verstehen, dass es für dich schwierig war, davon zu hören. Meine Mutter war erst bereit darüber zu sprechen, als ich ins Erwachsenenalter kam. Sie starb am x. Mai 2006. Ich schicke dir Bilder von mir als Konfirmantin, eins, das vor nicht allzu langer Zeit aufgenommen wurde und eins zusammen mit meinem Mann. Wenn du es wünschst, würde ich gerne etwas mehr über meinen Vater von dir hören.“

Edda P. schreibt nach dem Erhalt des Fotos ihres Vaters an Dr. Pust: „Ich möchte mich nochmals für Ihre Hilfe bedanken. Das Bild meines Vaters habe ich aufgestellt und mich sehr darüber gefreut. Von meiner Schwester in Dänemark habe ich leider nichts gehört. Ich möchte gerne einmal das Grab meines Vaters in Flensburg besuchen und deshalb frage ich Sie, ob Sie herausfinden können, auf welchem Friedhof mein Vater Emil A. begraben liegt? Edda P. – P.S. Anbei 15,- Euro für Ihre Bemühungen“
Dr. Pust forschte und konnte Edda P. die Ruhestätte ihres Vaters mitteilen. Doch damit nicht genug. Er schrieb an den damaligen Stadtpräsidenten Laturnus.
„Lieber Herr Laturnus, wäre eine Einladung nach Flensburg für zwei bis drei Tage als eine Art ‚Wiedergutmachung‘ möglich?“
Das war möglich, doch dann brach der Kontakt mit Edda P. ab.

Die Auswirkungen der deutschen Besatzung in Norwegen haben das Leben vieler Frauen, Kinder, aber auch der betroffenen Männer ein Leben lang gefangen gehalten. Dr. Pust berichtet von einem Familienvater, bei dem nach dessen Tod ein geheimes Konto auftauchte, von dem jahrzehntelang regelmäßig Geldbeträge nach Norwegen überwiesen wurden. Er hatte sich der Verantwortung gegenüber seiner Kriegsbeziehung gestellt.

*Namen dem Verfasser bekannt
1 Quelle: Wikipedia

Epilog

Nachdem die Klagen Betroffener auf Wiedergutmachung vor den höchsten norwegischen Gerichten letztinstanzlich wegen „Verjährung“ oder „mangels übergeordneten rechtlichen Interesses“ abgewiesen wurden, reichten 2007 159 Deutschenkinder beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gegen Norwegen Klage ein. Der EGMR hielt die Ansprüche der Kläger ebenfalls für verjährt.

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