Mitsubishi_Azubi_20150010Vor wenigen Jahren noch standen die Schulabgänger Schlange, um einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Heute hat sich das Blatt gewendet. Viele Betriebe suchen dringend nach gut ausgebildeten Fachkräften. Die besten Arbeitskräfte findet man unter denjenigen, die man selbst ausgebildet hat. Nur, Bewerber sind rar geworden oder sie erfüllen nicht die Mindestvoraussetzungen für eine Ausbildung. Es gibt einen weiteren Grund für den Mangel an Azubis. Viele Jungen und Mädchen strömen in die Standardberufe, Mechatroniker und Bürokauf-
leute. Dabei gibt es so viele interessante Ausbildungsgänge mit besten Berufs- und Aufstiegschancen. Eines dieser chancenreichen Berufsbilder stellen wir heute vor, das des Papiertechnologen, bzw. der Papiertechnologin.

Papier lebt











Nicht wenige sagten der Papierindustrie den nahen Tod voraus. Die Vision vom ‚papierlosen Büro‘ machte die Runde. Zeitungen, Zeitschriften und Bücher würden ersetzt durch E-Mail, Onlinedienste und E-Book–Reader. Für einige Branchen traf das zu, andere boomen. Weder sind die Zeitschriften aus den Regalen verschwunden, noch verschwanden die Bücher auf bedrucktem Papier. Der E-Book Anteil am Gesamtbüchermarkt beträgt gerade einmal 4,3%, bei einem nur leichten Rückgang des Gesamtmarktes.
Richtig ist, die Papierindustrie verändert sich. Einem starken Rückgang bei den grafischen Papieren (Büropapier, Zeitungen, Bücher, Plakate, etc.) steht ein Wachstum bei Verpackungs- und Hygienepapieren (Taschentücher, Toilettenpapier, etc.) gegenüber. Umsatzstark sind auch Unternehmen, die sich mit Spezialpapieren an die Nachfrage des Marktes angepasst haben. Einer dieser Spezialisten produziert in Flensburg, Mitsubishi HiTec Paper Europe GmbH.

Die Ausbildungschance

Und genau hier haben junge Männer und Frauen die Chance, einen zukunftssicheren Ausbildungsplatz als Papiertechnologen zu finden.
Was die zukünftigen Papiertechnologen am Arbeitsplatz erwartet, können sie bei einem Praktikum in Flensburg erleben. Im Gegensatz zur Zellstoff­industrie wird in Flensburg weitgehend ohne geruchsintensive Chemie produziert. Der Grundstoff für die Spezialpapiere kommt in Form von kartonartigen, bereits gebleichten Zellstoffmatten ins Werk. Der Papiertechnologe oder die Papiertechnologin bedient zunächst eine Anlage, die das Zellstoffmaterial in Wasser auflöst, mit Zusatzstoffen versieht, um es dann auf die riesige Papiermaschine zu verbringen. Sie stellt, im wahrsten Sinne des Wortes, am laufenden Band unterschiedlich dicke Papierbahnen her, die für die Weiterverarbeitung auf meterdicke Walzen gewickelt werden. Papiertechnologen sind für das reibungslose Funktionieren der Anlage verantwortlich, bedienen und überwachen von einem computergestützten Steuerstand aus alle Funktionen und sind schließlich für die Qualitätskontrolle des Endproduktes mitverantwortlich.
Im Flensburger Werk lernen wir Sabri Oguz kennen. Er stammt aus einer türkisch-deutschen Familie, ging in Flensburg zur Hauptschule, dann zur Handelslehranstalt. Jetzt ist er im zweiten Lehrjahr. Er kam durch einen Zufall zu Mitsubishi Paper. Kfz-Ausbildung, Metallbau. Das hätte es auch werden können, doch dann stieß er im Internet auf das Berufsbild Papiertechnologie. Was ist das denn? fragte er sich, Freunde und Bekannte. Sie konnten ihm die Frage nicht beantworten.
Er ließ sich von der fremdartigen Berufsbezeichnung nicht abschrecken, sondern bewarb sich für ein zweiwöchiges Praktikum. Der Kontakt mit den Kollegen im Flensburger Papierwerk, die Gespräche mit ihnen haben ihn schließlich überzeugt. Er traf seine Wahl: Er bewarb sich um die Ausbildung zum Papiertechnologen.
Der Beruf ist vielseitig und abwechslungsreich. Von der Werkhalle mit der gigantischen Papiermaschine geht es ins Labor, schließlich ans Mikroskop zur Kontrolle der Papieroberfläche. Grob- und Feinmotorik liegen nahe beieinander, Kopf- und Handarbeit wechseln sich ständig ab. Nicht zuletzt arbeiten Papiertechnologen im Team – es ist kein Beruf für Einzel­gänger.
Entsprechend vielseitig und anspruchsvoll ist die praktische und theoretische Ausbildung.
Die Theorie wird nicht vor Ort, sondern in der Papiermacherschule in Gernsbach im baden-württembergischen Landkreis Rastatt vermittelt. Nicht der schlechteste Ort für die jeweils 16-wöchige Theorieausbildung. Gernsbach ist ein anerkannter Luftkurort mit historischer Altstadt, Tor zum Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord, und ein Zentrum der Papierindustrie. Hier kommen alle Papiertechnologen-Azubis aus Deutschland zusammen. Die Schule ist Teil des Ausbildungszentrums der deutschen Papierindustrie. Die Auszubildenden treffen auf alle Berufsgruppen der Papierindustrie bis hin zu Bachelorstudenten und den Führungskräften der Branche.
Der theoretische Unterricht setzt Interesse und Grundfertigkeiten voraus. Ein Blick auf die Stundentafel zeigt die Vielfalt der Ausbildungsthemen.
Den Ausbildungsbetrieb einordnen, Primärfaserstoffe gewinnen und prüfen
Hydraulische und pneumatische Anlagenkomponenten betreiben
Chemische Prozesse der Papiererzeugung anwenden
Erzeugnisse prüfen und anwendungsbezogen einsetzen
Produktionsabläufe mit Prozessleittechnik steuern
Rohwasser und Primärfaserstoffe aufbereiten
Sekundärfaserstoffe aufbereiten
Maschinenstoff herstellen
Blattbildungssysteme betreiben
Pressen- und Trockenpartie betreiben
Erzeugnisse veredeln und ausrüsten
Dazu kommen Kenntnisse in Wirtschaft und Soziales, Mathe, Physik, Chemie und Informatik.
Hört sich schlimmer an als es ist. Vieles wird beim praktischen Tun im Betrieb gelernt. Und, der Stoff verteilt sich auf drei Jahre.
In jedem der drei Ausbildungsjahre steht der 16-wöchige Blockunterricht in Gernsbach an. Bis auf die Wochenenden, an denen der Ausbildungsbetrieb eine Heimfahrt finanziert, sind die Azubis auf dem Schulgelände untergebracht. Das müssen die Bewerber für diesen Ausbildungsgang wissen und einrichten können. Dafür erhalten sie eine von der Papierindustrie finanzierte bestmögliche Bildung, die sie fit macht für eine nicht nur regionale, sondern weltweite Tätigkeit in der Papierindustrie.
Beste Chancen jedoch findet der Jugendliche zunächst in der heimischen Produktion. Viele ältere Papiertechnologen gehen in den nächsten Jahren in Rente und müssen durch junge ersetzt werden. Bei erfolgreichem Abschluss stellt der Flensburger Betrieb einen sicheren Arbeitsplatz in Aussicht.

Wer darf – wer sollte – wer kann?

Ein guter Hauptschulabschluss, ein Realschulabschluss oder auch ein Abitur sind die Basis. Technisches Verständnis, Pünktlichkeit und Teamfähigkeit unverzichtbar.
Der beste Weg, um ein Gefühl für diesen Beruf zu bekommen, ist die Bewerbung um einen Praktikumsplatz.
Damit startete auch Sabri Oguz in den Beruf. Er ist überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben. Seine Ausbildungsleiter lassen schon einmal durchblicken, dass er bei einem erfolgreichen Abschluss in Flensburg mit einer Festanstellung rechnen kann.
Wer jetzt neugierig geworden ist, ruft an und fragt nach Frau Bendixen oder Herrn Höfer, beide zu erreichen unter der Sammelnummer 0461/ 86950.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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