Wir, der neue 6. Seniorenbeirat, der bereits im Frühjahr 2018 seine kurze zweijährige Amtszeit beenden wird, widmete sich dem Thema Wohnen als einem sozialen Grundbedürfnis. Wohnen heißt, ein Zuhause und einen Raum für gelebte Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Neben der altersgerechten Gestaltung des Wohnraums wurde in vielen Sitzungen zur Sprache gebracht, dass Wohnungspolitik sich in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen neuen Herausforderungen stellen muss.
Zwei Aspekte in Bezug auf das Wohnen und die gesellschaftlichen Veränderungen standen im Zentrum unserer Überlegungen:

1. Gemeinsam statt einsam











Deutschland altert, aber geht nicht am Stock! – wie es Horst W. Opaschowski provozierend in seinem 2016 erschienenen Buch „Das Abraham Prinzip“ formuliert.
Die Lebenserwartung der Menschen wächst weiter. Wer heute 65 Jahre alt wird, hat noch ein Viertel seines Lebens vor sich. Und wer heute um die 50 ist, hat gute Chancen 90 zu werden. 20 Jahre Lebenszeit in relativer Fitness haben wir geschenkt bekommen (siehe Hajo Schumacher: Restlaufzeit, Köln 2012).
Doch Gesundheit allein reicht nicht aus für ein gutes Leben oder für Lebensqualität. Wir dürfen die soziale Komponente und ihre Auswirkung auf unsere Gesundheit nicht vergessen. Vereinsamung, Anregungsarmut, nicht mehr gebraucht werden, die Welt nicht mehr gestalten können, das alles sind ungünstige Bedingungen und nicht geeignet, die normalen Abbauprozesse im Gehirn zu kompensieren. Doch die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren und sogar neue Nervenzellen zu bilden, ist bis ins hohe Alter unter günstigen Bedingungen möglich. Die Häufigkeit dementieller Erkrankungen wird nachgewiesen dann abnehmen, wenn es immer mehr Menschen gelingt, ihr Leben als zusammenhängend mit dem Leben der anderen Menschen zu erfahren. Ein Ansatz besteht im solidarischen Miteinander der Generationen, wenn Senioren ihre Zeit und Erfahrung aktiv für die nachwachsenden Generationen einsetzen, z. B. sind junge Familien häufig auf Unterstützung bei der Betreuung der Kinder angewiesen, die von älteren Menschen oft mit Freude geleistet wird. Die eigenen Kinder und Enkel leben heute oft weit weg, doch es gibt Familien in der nächsten Nachbarschaft (siehe Gerald Hüther: Raus aus der Demenzfalle, München 2017).
Unser Fazit: Wir brauchen solidarisches und selbstbestimmtes Wohnen in engem Kontakt mit anderen Menschen!

2. Mieten statt kaufen

In den kommenden Jahren wird das Rentenniveau stetig sinken. Bereits jetzt befinden sich 5 Prozent in Altersarmut und weitere 8 Prozent sind davon bedroht. Eine echte Lawine der Altersarmut, wird ab 2020 erwartet. Dann wird sich die Zahl der Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, von 465.000 auf weit mehr als eine Million verdoppeln (Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes).
Zugleich ist es eine große Errungenschaft der Bundesrepublik Deutschland, dass sie bisher manchen Bürgern Wohnen in einem angemessenen Standard zu bezahlbaren Mieten ermöglicht. Bei steigender Nachfrage und einem knappen Wohnungsangebot kann dies jedoch nicht mehr allein dem Markt überlassen werden. Wenn Wohnungsanbieter die Mangelsituation besonders in Ballungsgebieten ausnutzen, um Mieten ohne entsprechende Gegenleistung in die Höhe zu treiben, muss der Staat gegensteuern.
Unser Fazit: Wir brauchen Wohnraum mit bezahlbaren Mieten (frei finanziert und sozialer Wohnungsbau) und nicht vermehrt Eigentumswohnungen!

Die Menschen leben immer länger, vielfach fit, gesund und aktiv. Viele davon machen sich Gedanken, wie sie denn in Zukunft leben möchten…Muss es immer die „Betreute Wohnanlage“, die Seniorenresidenz oder das Servicehaus sein? Sie fragen sich vor allem auch, ob und wo es für sie die Möglichkeit gibt, alternative Wohnformen zu verwirklichen.
Für diese Gruppe von Menschen ist es erstrebenswert, sich die Annehmlichkeiten der früheren Wohngemeinschaft als neue Wohnform zu wünschen, ohne dabei die damaligen Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. An die Stelle der früher und auch heute oft problematischen verwandtschaftlichen Bindungen treten ideelle Bindungen. Deshalb entstanden in den letzten drei Jahrzehnten Wohnprojekte mit den verschiedenartigsten Ausprägungen.
Gemeinsam zu leben, sich gegenseitig zu unterstützen und die Nachbarschaft und das Stadtviertel zu beleben, gewinnen für die gesunden, aktiven Älteren zwischen 50 und 80 Jahren an Bedeutung, und das nicht nur aus Eigennutz, sondern aus Solidarität zu anderen Menschen. Gemeint ist mit diesem wichtigen Begriff einfach nur
hinsehen, sich kümmern, sich verantwortlich fühlen für andere, …darauf hoffend, wenn es einen selbst betrifft, ebenfalls nicht allein gelassen zu werden
(Henning Scherf, Gemeinsam statt einsam, Breisgau 2012).

Um diese Möglichkeiten auch hier in Flensburg zu befördern, führten Mitglieder des Seniorenbeirates Gespräche mit Stadtplanern, den Ratsfraktionen und den im Wohnungsbau aktiven Baugenossenschaften. Dabei tauchte immer wieder das Argument auf, dass die in Flensburg lebende Bevölkerung in keiner Weise mit der Hamburger, Berliner, Münchner, Tübinger, Freiburger Bevölkerung zu vergleichen sei.
Um dieses Argument zu überprüfen, entwarfen wir in der Arbeitsgruppe des Beirates einen Fragebogen zum Thema Wohnen. Wir wollten uns einen Eindruck verschaffen, ob die Wohnwünsche der in der nördlichsten Stadt Deutschlands lebenden Menschen andere sind als sonst irgendwo in der Republik.

„Wir wollen gerne eine
Zeitreise mit Ihnen in die nächsten 5 oder 10 Jahre machen“

Unter dieser Überschrift haben wir die Einwohner befragt, wie sie in den kommenden Jahren wohnen möchten.
Diesen Satz hörten oder lasen Flensburger in den vergangenen Monaten während der „Bunten Innenstadt“ oder beim samstäglichen Einkaufsstress, die Studenten bei besonderen Uni-Veranstaltungen, u. ä. Ausschließlich Einwohner Flensburgs wurden befragt, wie sie sich in den kommenden Jahren Wohnen vorstellen.
Ein herzliches Dankeschön an alle, die sich aufhalten ließen, die innehielten, sich in ein Gespräch verwickeln ließen, von sich aus auf uns zukamen und sich mit unseren Fragen auseinandersetzten.
Wer uns nicht über den Weg gelaufen ist und den Fragebogen noch ausfüllen möchte, wende sich bitte an giselaleonhardt@gmx.net. Wir freuen uns über jeden und jede, der/die sich beteiligt.
Die bisher ausgefüllten Fragebogen sind noch nicht ausgewertet, da wir immer noch auf weitere beantwortete Fragebogen hoffen.
Es besteht kein Zweifel daran, dass viele Flensburger um andere gemeinschaftliche Wohnformen wissen. An ihren Antworten konnten wir erahnen, dass der Wunsch nach gemeinschaftlichen Generationen übergreifenden Wohnformen bei jüngeren als auch bei älteren Flensburger EinwohnerInnen durchaus besteht, jedoch wenig Vorstellung vorhanden ist, wie sie selbst diese Wohnform umsetzen könnten.
In gleichem Maße bedanken wir uns bei den für die Stadtplanung und das Bauen verantwortlichen Menschen und bei den Fraktionen im Rathaus, die Termine mit uns verabredeten, um sich unsere Sichtweise und Wünsche anzuhören, die unterstützende Bereitschaft signalisiert haben oder sich aktiv für das Thema Wohnen zum Wohle unserer Gesellschaft einsetzen werden.

Wir als Seniorenbeirat sind dabei, einen Infotag
am 10. Februar 2018
im 360° Servicehaus‘
um 11.00 Uhr

speziell mit dem Blick auf die Aspekte „Gemeinsam statt einsam“ und „Mieten statt kaufen“ mit verschiedenen Impulsreferaten, u. a. mit
Referentin Frau Dr. Baumgarten – TING Projekte, Kiel
Peter Finke – Bauverein der Elbgemeinden eG
GaGa Wohnprojekt, Stade
vorzubereiten. Dazu werden wir über die Presse informieren und Sie als interessierte EinwohnerInnen, die örtliche Wohnungswirtschaft, Vertreter der Verwaltung und der Politik zu einer moderierten Veranstaltung einladen.

Die Arbeitsgruppe Wohnen
des 6. Seniorenbeirates:
Karin Hesse, Eckehard Kordts, Gisela Leonhardt, Vera Lipton-Wurzler

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