Flensburger Köpfe Eiko Wenzel – Arbeit und Leben

| 31/12/2017

Weder behindertengerecht noch barrierefrei ist der Weg zu Eiko Wenzels Domizil. Wohnung wäre das falsche Wort, untertrieben und tiefgestapelt. Es hat schon etwas von einem Schloss, einem Gut, einem Herrenhaus, einer Residenz, dieser „Margarethenhof“ in der östlichen Altstadt. Ein Kulturdenkmal ersten Ranges, angemessen also für Flensburgs obersten Denkmalschützer und Stadtbildpfleger. Eine Hälfte dieses über der Stadt thronenden, sie überschauenden Komplexes gehört ihm. Seit 1988 wohnt er dort mit seiner Familie, erst zur Miete, dann im Eigentum. Nach umfangreicher Sanierung zog er 2002 in die modernen, aber die Geschichte des Hauses respektierenden weitläufigen Räumlichkeiten.
Das Haus hat eine bewegte Geschichte. Ein Buch soll entstehen, gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Thomas Messerschmidt und dem Stadthistoriker Dieter Pust. Zu Beginn ein barockes Adelspalais. Ein Aquarell davon findet sich im dänischen Reichsarchiv. An das Haus schloss sich zur Förde hin ein barocker Garten an. Aus dem Adelspalais wurde nach 1760 der Zuckerhof. Die Westindische Handelsgesellschaft errichtete eine Zuckersiederei, die bis nach 1820 bestand. Danach wurde das Anwesen eine der Keimzellen der Industrialisierung in Flensburg. Eisen beherrschte das 19. Jahrhundert. Nicolaus Jepsen schuf auf dem weitläufigen Gelände eine Eisengießerei, dazu kam auch eine Maschinenfabrik. 1844 erwarb er auch das stattliche Haus, das nun zur Fabrikantenvilla wurde. Zu Ehren seiner Schwiegermutter Margarethe Funke bekam das Haus seinen bis heute erhaltenen Namen „Margarethenhof“. Von den Fenstern der Westfront des Hauses konnte Nicolaus Jepsen sein Werk überblicken, allerdings nur fünf Jahre. 1849 starb er und der Betrieb ging an seine Witwe und seinen Sohn über: Firma „N. Jepsen Sohn“. Dort wurden alle Arten von Eisengussteilen, aber auch landwirtschaftliche Maschinen, Dampfmaschinen und, man staune, Leuchttürme, hergestellt. Drei wurden an der Förde errichtet. Vielleicht war es das Wissen um diese Historie, die Eiko Wenzel veranlasst hat, sich eine respektable Sammlung von Leuchtturmmodellen anzulegen.
Die Lage des Werkes war nicht zufällig gewählt. Die steile Hanglage hatte neben Nachteilen auch einen entscheidenden Nutzen: Wasserkraft. Die reichte allerdings für den Betrieb der Maschinen nicht mehr aus und wurde 1872 durch eine Dampfmaschine ersetzt. Sie trieb fortan die Maschinen an, die gebraucht wurden, um von der Bratpfanne bis zum Eisengitter alles herzustellen, was die Metallverarbeitung möglich macht. Ein Schmuckstück aus der Produktion der Fabrik von N. Jepsen Sohn steht heute in Eiko Wenzels Esszimmer, ein „Kanonenofen“, der, wie er sagt, mehr dekorativen als Heizwert hat. Bis 1928 bestand die Eisengießerei, dann machte die Wirtschaftskrise dem Wirken ein Ende.
Die Gebrüder Klaus führten den Betrieb noch bis in die Nachkriegszeit fort, ein Teil der Familie richtete auf dem Fabrikgelände die „Flensburger Grossgaragen“ ein, aus dem die noch heute vorhandene Firma Klaus & Co hervorging. In den 1970er Jahren wurden die Gießereigebäude abgerissen. Ein neues Stadtquartier entstand ab 1995, nachdem das Areal lange als Parkplatz gedient hatte.

Eiko Wenzels Domizil zeigt, dass er Leben und Arbeiten kaum trennen kann. Er lebt seine Passion für Architektur und die Erhaltung baulicher Denkmäler, Denk-mäler im weitesten Sinne.
Geboren in Hannover, studierte er Architektur und interessierte sich für Denkmalpflege und Baugeschichte. Das Interesse des Vaters, der Lehrer war, an alten Kirchen hat ihn geprägt. Nach dem Studium lernte er nach der norddeutschen Backsteingotik die eher barocke Baukultur Bayerns kennen. Er wurde Volontär beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, erhielt den Titel eines Regierungsbaumeisters bei der Bayerischen Staatsbauverwaltung und arbeitete beim staatlichen Hochbauamt im fränkischen Coburg. Dort allerdings konnte er seine Passion für Stadtentwicklung und Denkmalpflege nicht ausleben.
„Das war nicht meine Welt“, sagt er heute. „Ich wollte mich mit einer Stadt identifizieren und auf kommunaler Ebene arbeiten.“
Was die fränkische Provinz nicht bieten konnte, versprach eine Stellenanzeige aus Flensburg.
Schon 1982 hatte ihn die Stadt auf einem Fahrradurlaub fasziniert. Sechs Jahre später war die Stelle des Leiters des Bauordnungsamtes und der unteren Denkmalschutzbehörde vakant. Er griff zu.
Was andere als Verlust definiert hätten, war für ihn die letztendliche Erfüllung seines Traumes. 2013 „lobte“ ihn Oberbürgermeister Faber aus seiner Position weg zum Fachbereich Entwicklung und Innovation. Hier fand er die Aufgabe, die ihn bis heute fesselt. Neben den Aufgaben der Denkmalpflege kam dort noch die Zuständigkeit für Stadtbildpflege und auch für die Städtebauförderung hinzu. Seit 25 Jahren arbeitet er im Rathaus mit dem dänischen Kollegen Henrik Gram zusammen. Die beiden ergänzten sich auf ideale Weise. 2015 veröffentlichten sie gemeinsam einen Architekturführer, der die herausragenden Bauwerke und Kulturdenkmäler Flensburgs darstellt, Eiko Wenzel mit den Augen des deutschen und Henrik Gram mit dem Blick des dänischen Architekten. Die Kaufmannshöfe und die Villenarchitektur der Stadt hatte es ihnen besonders angetan. Beispiele dafür die Villa der 1842 gegründeten Eisengießerei Dittmann & Jensen in der Neustadt, die 1856 erbaute, zur Hefefabrik und Brennerei gehörige Villa C. C. Christiansen. Mit neuem Leben erfüllt, das 1899 von Alexander Wilhelm Prale errichtete Direktorenhaus der Walzenmühle. Natürlich auch der nun als Heimstatt Wenzels dienende Margarethenhof, vormals Adelssitz der Familie Reventlow, errichtet um 1717 und im 19. Jahrhundert als „Margarethenhof“ umgebaut.
Im kommenden Jahr endet die Zusammenarbeit, Henrik Gram geht in Ruhestand, ein schmerzlicher Verlust für Eiko Wenzel.
Flensburg als Stadt mit geringem finanziellem Spielraum und einem Etat, der vorwiegend durch Ausgaben für soziale Maßnahmen geprägt ist, braucht andere Quellen zur Finanzierung städtebaulicher Maßnahmen und Denkmalpflege.
Hilfe kam 2015 durch ein Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus.“
„Nationale Projekte des Städtebaus sind national und international wahrnehmbare, größere städtebauliche Projekte mit deutlichen Impulsen für die jeweilige Gemeinde oder Stadt, die Region und die Stadtentwicklungspolitik in Deutschland insgesamt“, so die offizielle Beschreibung.
Hinter der sperrigen Definition verbirgt sich die Chance, erhebliche Mittel für den Erhalt und die Gestaltung der Flensburger Gebäude und Stadtteile zu erhalten. Nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern gezielt für Objekte mit „Premiumqualität“. Das herausragende Projekt für Flensburg ist die „Deutsch-dänische Kulturachse.“
Profitieren werden vor allem die in der Wahrnehmung immer noch unterbewerteten Kaufmannshöfe. Ihr Bautyp ist einzigartig und ein historisches Zeugnis der deutsch-dänischen Geschichte der Stadt. Einige der Höfe sind in ihrem Bestand akut gefährdet. Das Förderprojekt soll für die Eigentümer einen Anreiz bieten, in denkmalpflegerische, energetische und ökologische Sanierung sowie Modernisierung zu investieren, ohne das historische Bild zu gefährden. Ganz konkret geht es um zwei Kaufmannshöfe in der Großen Straße, Nr. 73 und 75. Da es in der Altstadt noch einen viel größeren Sanierungsbedarf gibt, wird dort zurzeit das Sanierungsgebiet „Westliche Altstadt“ vorbereitet.
Ein besonderes städtebauliches und kulturelles Erbe, das in dem zukünftigen Sanierungsgebiet liegt, will Eiko Wenzel noch anpacken, das Eckener Haus. Nach langem Hin und Her erwarb 2016 die Stadt den Komplex. Als das Haus in privaten Händen war, gab es keine Perspektive für eine neue Nutzung. Jetzt soll mit Hilfe von Bundes-, Landes- und städtischen Mitteln ein „Bürgerhaus“ entstehen. Das genaue Konzept wird gerade diskutiert.

Freizeit, was ist das?

Auch ehrenamtlich bleibt Eiko Wenzel seinem beruflichen Thema treu. Seit 25 Jahren ist er im Vorstand des Fördervereins Salondampfer „Alexandra“ e.V. Das Flensburger Vorzeigeschiff verschlingt immer wieder Gelder für die Instandhaltung. Zuletzt musste der Kessel erneuert werden. Dank öffentlicher Mittel, vor allem aber auch der Sponsoren kann das Schiff wieder auf der Förde agieren. Die neue, heftig diskutierte Schiffssicherheitsverordnung macht auch der „Alexandra“ zu schaffen. Die Anforderungen sind mit Ehrenamtlern kaum noch zu erfüllen, sagt Eiko Wenzel. Die Zukunft ist also ungewiss. Dass es den in Hannover geborenen und vormals nach Bayern verschlagenen letztlich doch immer wieder an die See zieht, meint er seinem Vater verdanken zu können, der aus Danzig stammend, mit der Familie immer Urlaub an der Ostsee verlebt hat. Seine Frau müsste den Urlaub nicht immer an der See verbringen. Vielleicht sind es aber auch die „Staubfänger“ Leuchttürme in der gemeinsamen Wohnung, die sie Wenzels Begeisterung fürs Maritime manchmal kritisch sehen lässt.
Ein zweites Hobby, nicht weniger historisch orientiert, ist die „Europäische Route der Backsteingotik“. Er ist im Vorstand des gleichnamigen Vereins. Und, um das Bild abzurunden, ist Eiko Wenzel Vorsitzender des Vereins „Flensburger Baukultur.“ Gerade mal 16 Mitglieder hat der Verein, damit aber bemerkenswerte Initiativen angestoßen. Am bekanntesten ist die Einladung prominenter Vordenker im Rahmen des Projektes „Flensburger Stadtdenker“.
„Da haben wir unabhängig denkende und nicht mit der Region verbundene Persönlichkeiten nach Flensburg eingeladen und gebeten, ohne Vorgaben die Stadt, den Landschaftsraum sowie die Menschen zu erkunden und ihre Eindrücke in einer öffentlichen Veranstaltung mitzuteilen.“ Darunter Architekten, Stadtplaner, aber auch Schauspieler wie den Münchner Tatortkommissar Udo Wachtveitl. Der Historie verhaftet, aber auch Mut zum Neu- und Querdenken zeichnen Eiko Wenzel aus. Aus seinem Haus in der östlichen Altstadt und im Technischen Rathaus behält er auch in Zukunft den Überblick über die Entwicklung der Stadt.
Bericht: Dieter Wilhelmy,
Fotos: Benjamin Nolte

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