Über die Briesen-Kaserne und Holzkrugweg für Weiche aktiv

| 28/07/2017

In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten.
In dieser Ausgabe kommt Gerhard Schmidt, Jahrgang 1949, zu Wort.

Gerhard Schmidt aus
Flensburg-Weiche

„Von der Luft ins Gefecht“ heißt es bei den Fallschirmjägern. Gerhard Schmidt machte mit 19 Jahren seine Grundausbildung beim Bund. Im Anschluss daran folgte seine Voll- und Sprungausbildung! Er war bei der Infanterie und gehörte damals zur Fallschirmtruppe Wildeshausen. Schmidt sagt: „Wenn man Respekt vorm Springen hat, läuft alles relativ angstfrei!“ Geflogen wurde mit der Nord Noratlas und der Transall, aus denen ein ganzer Zug mit 50 Soldaten springen musste. Das waren Automatiksprünge mit Reißleine aus 400 Metern Sicherheitshöhe. Abwärts ging es über die Seitentüren. Im Jahre 1979 kam Schmidt zum hiesigen Jägerbataillon in die Briesen-Kaserne. Seine Tätigkeit zwischen Himmel und Erde liegt längst hinter ihm. Er ist seit 15 Jahren im Ruhestand. Aber schon seit 38 Jahren zählt Schmidt zu den ehrenamtlich engagierten Bürgern, ohne die seine Wahlheimat Flensburg-Weiche sehr viel ärmer wäre!

Der Stadtteil Flensburg-Weiche, wo ehemals Eisenbahner ihre bescheidenen Häuschen bauten, ist durch die Handballmannschaft der SG Weiche-Handewitt (heute SG Flensburg-Handewitt) sowie durch die Fußballmannschaft des ETSV Weiche Flensburg weit über die Stadtgrenzen bekannt geworden, und nicht zuletzt auch durch die Briesen-Kaserne. Sie wurde im Jahre 1958 von den ersten Bundeswehreinheiten bezogen. Parallel dazu waren bis 1990 auch US-Truppen in Weiche stationiert. Einige Hinweisschilder in deutscher und englischer Schrift erinnern in Weiche noch heute an diese Zeit. Die Schließung der Briesen-Kaserne erfolgte 1997. In den umgebauten Kasernengebäuden entstanden Wohnungen. Auf dem umliegenden Gelände wurde die „Gartenstadt Weiche“ erbaut. Besonders auch die Heilandskapelle Weiche in der Sylter Straße sei hier erwähnt. An der Altarwand ist ein monumentales Gemälde der Flensburger Malerin Käte Lassen zu sehen. Es zeigt erkennbare Gesichter von Eisenbahnern und Zöllnern aus Weiche. Die Kapelle wird vielseitig genutzt, so ist sie seit 1994 für die Unesco-Schule Musik- und Begegnungsstätte. Dem Verein „Heilandskapelle Weiche e. V.“ dient sie der Förderung von Kultur, Begegnung und Stadtentwicklung. Das Stadtteilforum „Aktionsgemeinschaft Gesunder Stadtteil Weiche“ bringt alle zwei Monate eine Informationsschrift mit dem Titel „Weiche wo sonst“ heraus. Die Konfirmanden tragen sie in alle Haushalte. Die Aktionsgemeinschaft wurde in den 1990er Jahren gegründet. Die Heilandskapelle ist ihr Tagungsraum! Gerhard Schmidt verwaltet die Nutzung der Kapelle!

Ein Niedersachse
wird bekennender
Schleswig-Holsteiner

Gerhard Schmidt kam im März 1949 in Gifhorn in der Heimat seiner Mutter Ilse, geborene Stein, zur Welt. Sein Vater Kurt Gerhard Schmidt stammte aus Wriezen an der Oder. Als er 1948 aus der französischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, folgte er seinen Eltern, die als Flüchtlinge in Gifhorn gelandet waren. Der gelernte Kfz-Mechaniker stellte sich schnell auf die Bedürfnisse der Menschen ein und sattelte um. Er eröffnete eine Wäscherei und einen Laden für Eisen- und Haushaltswaren. Gerhards Mutter, Oma und die Tante halfen mit. Eine Wäschetrommel fasste 1 Zentner Wäsche. Die Wäsche der Kunden wurde abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Als Gerhard groß genug war, verdiente er sich sein erstes Taschengeld als Wäschebote.

Der berufliche Werdegang

Nach seiner Schulzeit in Gifhorn mit Abschluss der mittleren Reife machte Schmidt eine Lehre als Großhandelskaufmann für Eisen und Stahl. Er tat es im Hinblick auf das elterliche Einzelhandelsgeschäft. Daraus aber wurde nichts. Zeitgleich mit Abschluss seiner Lehre hatten die Eltern den Laden aufgegeben. Das Geschäft lief zu schlecht. Ein Glück für Gerhard. So konnte seine berufliche Laufbahn ganz nach seinen Wünschen und Fähigkeiten verlaufen. Er bewarb sich als Freiwilliger bei den Fallschirmjägern und gleichzeitig bei der Landespolizei Niedersachen. Er bestand beide Aufnahmeprüfungen und hatte die Wahl: Land oder Bund.
Da er seinen Wunsch, sich bei den Fallschirmjägern ausbilden zu lassen durchsetzen konnte, verpflichtete er sich bei der Bundeswehr. Von 1979 bis 1988 diente Schmidt als Kompaniefeldwebel beim Jägerbataillon in der Briesen-Kaserne.
Nach Auflösung seiner Einheit in Flensburg fand er weitere Verwendungen in Schleswig und Idstedt. Ein Wehrmutstropfen liegt über seinen Erinnerungen, wenn er als Zeitzeuge daran denkt, bei der Auflösung aller Kasernen, in denen er als Spieß gedient hat, mitgewirkt zu haben. Im März 2002 trat Schmidt mit 53 Jahren in den Ruhestand!

Ruheständler Schmidt
startet noch einmal
voll durch

Schmidts erste Ehe war nach 13 Jahren gescheitert. Seine zweite Frau Ingrid brachte ihre Söhne Matthias und Michael in die neue Ehe mit ein. Die neue Familie Schmidt trat alsbald geschlossen in den ETSV Weiche ein (Eisenbahner Turn- und Sportverein).
Der Pensionär Schmidt fühlte sich geradezu berufen, als neues Vereinsmitglied ehrenamtliche Arbeiten zu übernehmen. Durch seine beiden Jungs, die Fußball spielten, war er gleich mitten drin in der Jugendarbeit. Es dauerte nicht lange, bis er sich auch in der Vorstandsarbeit für den ganzen Verein nützlich machte. Von 1983 bis 1993 war er Beisitzer und Schriftführer. Seit 2002 bis heute ist er zweiter Vorsitzender.
Im Vergleich zu heute war es früher nicht ungewöhnlich, wenn die ganze Familie, Vater, Mutter und die Kinder im ETSV Weiche Sport machten. Jeder nach seinen Wünschen und Talenten. Schmidt denkt zurück. „Wir Mitglieder waren eine große Familie. Mein Auto war vollgeladen mit Kindern – egal, ob es zum Fußballplatz an der Bred-
stedter Straße ging oder quer durch Nordfriesland und Schleswig-Flensburg. Von begrenzten Mitfahrerzahlen oder Bereitstellung eines Kindersitzes war nie die Rede. Die Eltern schleppten die Tagesverpflegung mit. Wer in Weiche Fußball gespielt hat, war auch hier aufgewachsen!“ Schmidt bedauert, dass diese Zeit vorbei ist. Allgemein würden sich die Sportler heute eher einen für sie passenden Verein suchen. Aber es käme auch oft genug vor, dass sie von anderen Vereinen abgeworben würden. Heute zum Beispiel spielt Flensburg-Weiche in der Regionalliga (vierte Liga in Deutschland) mit Spielern aus allen Ecken Deutschlands. Schmidt hat über Generationen den natürlichen Abnabelungsprozess der 14- bis 15Jährigen erlebt. „Plötzlich wollen die Eltern nicht unbedingt immer dabei sein!“ So würde auch der Zusammenhalt unter den Eltern schwinden. Früher habe es nach den Spielen ein gemeinsames Abschlussprogramm gegeben. Durch den steten Wechsel der Mitglieder sei das kaum noch gefragt. Ungebrochene Vereinstreue ist in vielen Vereinen verlorengegangen. Eine dreißig- bis vierzigjährige Mitgliedschaft ist selten geworden. Viele planen ihren eigenen Sport oder gehen ins Fitnessstudio. So erklärt Schmidt den allgemeinen Mitgliederschwund in den Vereinen.
Der übrigens auch einer der Gründe dafür war, dass der ETSV Weiche und Flensburg 08 nicht nur die Jugendarbeit zusammengeführt haben, sondern gleich konsequent eine Fusion beider Vereine vorbereitet haben: Am 1. Juli 2017 ist der Traditionsclub Flensburg 08 dem ETSV Weiche beigetreten. Aus dieser Fusion wurde „SC Weiche Flensburg 08“ mit stolzen acht Männer- und fünfundzwanzig Jugendfußballmannschaften.
Die Vorstandsarbeit ist jetzt übergreifend. Training und Spiele finden überwiegend auf den ursprünglichen Plätzen statt. Wobei für die jungen Fußballspieler immer noch gilt: „Kurze Beine–kurze Wege“ – soll heißen: Sie werden dort Fußball spielen, wo sie zu Hause sind! Gerhard Schmidts besonderes Augenmerk gilt im Verein jetzt den Sportarten, die nicht Fußball sind. Zum Beispiel: Turnen (400 Mitglieder), Volleyball, Badminton. Im Judo hat der ETSV Weiche zahlreiche internationale Erfolge erzielt.
Gerhard Schmidt geht ganz in seiner Arbeit als 2. Vereinsvorsitzender auf. Mit seinem Organisationstalent und seinem Bekanntheitsgrad bewältigt er zeitaufwendige Laufereien für Absprachen mit Polizei, Ordnungsamt, Sicherheits- und Rettungsdiensten.

Damit im Ruhestand nichts in Vergessenheit gerät

Gerhard Schmidt ist Landeskameradschaftsleiter im „Bund Deutscher Fallschirmjäger“ (BDF). Hier kommen die ehemaligen und aktiven Fallschirmjäger der Wehrmacht und der Bundeswehr zusammen.
In ganz Deutschland gibt es rund 3000 Mitglieder. Davon gehören zu Flensburg und Kiel 30 Mitglieder im Alter von 47 bis 95 Jahren. Die Kameraden aus Norddeutschland treffen sich einmal im Monat in Kiel. Anlässlich des 95sten Geburtstags von Oberjäger Röhl aus Kiel fand am 8. Juli eine Grillveranstaltung statt. Bei offiziellen Anlässen tragen die Veteranen Uniform (dunkler Blazer mit den nationalen Abzeichen ihrer Fallschirmjägertruppe), das bordeauxrote Barett und einen passenden Schlips.
Schmidt hat den Vorsitz der „Kameradschaft ehemaliger Jäger und Schützen Flensburg von 1904 e. V.“ inne. Ihr gehören 109 Mitglieder der Jägertruppe aus der ehemaligen Briesen-Kaserne an. Darunter sind zehn Aktive! „Zusammenhalt auf Lebzeiten“ sagt man diesen Vereinsmitgliedern nach. Ihre monatlichen Treffs finden im Offiziersheim in der Swinemünder Straße statt.
Wo zieht Gerhard Schmidt die Reißleine zum Sprung
ins Privatleben?

Die Söhne sind mittlerweile erwachsen. Ehefrau Ingrid macht überall mit, wo sie gebraucht wird. Wo es um ehrenamtliches Tun geht, grenzen sie sich nicht ab. Seit der ETSV Weiche vor 10 Jahren seinen Sportplatz für das Sportfest der Down-Syndrom-Geschädigten zur Verfügung gestellt und auch das Fest ausgerichtet hat (Teilnehmer sind Bewohner aus etwa 15 Einrichtungen in ganz Schleswig-Holstein), engagieren sich Gerhard und Ingrid alljährlich bei der Betreuung der Männer, Frauen und Jugendlichen. Seitdem gehören sie fest zum Team! Ingrid ist inzwischen Expertin für das Messen beim Weitsprung, Gerhard kümmert sich ums Kugelstoßen. Wenn der Spar-Club vom ETSV Weiche unter dem Vorsitz von Gerhard Schmidt jährlich am 1. Samstag im Dezember bei Grünkohl, Tanzen und Verspielen Ausschüttung hat, feiern die rund 100 Sparer ein fröhliches Fest.
Und bei Heimspielen der Regionalliga-Fußballer hat Schmidt als Veranstaltungsleiter immer alle Hände voll zu tun. Ingrid verkauft Fan-Artikel, Trikots, Schals und Wappen.

Das Gespräch mit Gerhard Schmidt führte Renate Kleffel

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