Von der Schreibmaschine zum Personal Computer (PC)

| 31/03/2017

Wenn mein Computer und ich uns mal wieder nicht einig sind und keiner das macht, was man von ihm erwartet, denke ich über die alten Zeiten mit meiner Schreibmaschine nach.

Es fügte sich alles wunderbar. Schon meine Großmutter, geboren Ende 1900, hat als Witwe ihren einzigen Sohn mit Klavierstunden und Maschinenschreib-
unterricht über die Runden gebracht. Eigentlich war sie Organistin. Sie meinte: Tasten sind Tasten. Das erwirtschaftete Geld reichte sogar für ein Ingenieursstudium meines Vaters.

Mein Vater arbeitete während des Krieges bei der Radio- und Röhrenfabrik „VALVO“, die später von der Besatzungsmacht demontiert wurde. Durch die Verbindung zum Stenographen Verein Hamburg und seinen Kenntnissen der Stenographie und des Maschinenschreibens war er in der Lage beim Arbeitsamt Hamburg Lehrgänge in diesen Fächern zu geben.

Die Lieblingsschülerin meiner Großmutter wurde als Frau für meinen Vater ausgesucht.  Sie hat später als eine der Ersten die Prüfung als „staatlich geprüfter Lehrer für Stenographie und Maschinenschreiben“ abgelegt.

Was blieb mir nach dem nicht sehr erfolgreichen Besuch der Handelsschule am Holzdamm in Hamburg also anderes übrig?

Ich wurde staatlich geprüfter Lehrer für das Maschinenschreiben. Ich landete später bei der Marineversorgungsschule in List auf Sylt an. Um den Unterricht lebendig zu gestalten habe ich voll Eifer und Elan immer neue Methoden entwickelt, um den reichlich trockenen Maschinenschreibunterricht aufgelockerter vermitteln zu können. Dies geschah u. a. mit Musik, z. B. dem Radetzkymarsch oder mit der Neuen Deutschen Welle: Da, da, da …, was ein rhythmisches Schreiben zur Folge hatte. Das hat die Automatisierung des sicheren 10-Finger-Tastschreibens enorm gefördert. Die deutsche Tastenbelegung war durch die DIN 2137 (Deutsche Industrie Norm) festgeschrieben. Für das sichere Erlernen wurden seinerzeit 120 Unterrichtsstunden angesetzt. Manchmal kam ein elektrisch gesteuertes Gerät zum Einsatz, das dem Metronom für das Klavierspielen ähnlich war. Es konnte die Schreibgeschwindigkeit schrittweise erhöhen und durch einen Lautsprecher, der in einem Koffer eingebaut war, den Takt laut und leise vorgeben. Diesen Taktgeber hatte mein Vater mit seinem Ingenieurswissen entwickelt und gebaut. Meine Tochter hat das Gerät auf ihrem Dachboden wiedergefunden, ebenso wie eine alte Schreibmaschine der Firma Grosser aus Merkersdorf/Chemnitztal, die ehemals Strickmaschinen hergestellt hat (siehe Bilder).

Die Tasten der Schreibmaschinen wurden mit Farbe ein- oder mehrfarbig übermalt, entsprechend den vorgegebenen Tastenfeldern der Lehrbücher. Überwiegend waren das Bücher vom Heckners- oder Winklersverlag Gebrüder Grimm, die für die Schulen benutzt wurden. Diese haben mich über 40 Jahre von der Handelsschule bis zum Unterricht an der Marineversorgungsschule  begleitet.

Zwischenzeitlich habe ich einmal für das Gericht in Westerland Schriftstücke, die bis zu 12 Durchschläge haben mussten, mit der mechanischen Schreibmaschine geschrieben. Das war eine enorme Anstrengung für Finger und Hände. Ich habe mir auch prompt eine Sehnenscheidenentzündung eingehandelt. Ganz schlimm war es, wenn Fehler korrigiert werden mussten. Jeder falsche Buchstabe oder jedes falsche Wort musste auf den 12 Blättern entweder einzeln radiert oder es mussten weiße Tipp-Ex Blättchen zwischen die Bögen gelegt und neu überschrieben werden. Eigentlich verrutschten die Zeilen immer, so dass das ganze Dokument noch einmal geschrieben werden musste.

Ich habe Schreibmaschinen gereinigt, die Typen mit Knetgummi von Verschmutzungen befreit, Typenhebel, mangels richtiger Ersatzteile, mit Büroklammern wieder in das Segment eingehängt, sowie Farbbänder oder Farbkassetten gewechselt. Danach sah ich wie ein echter Mechaniker aus, nämlich schmutzig an Händen und im Gesicht. Nur gut, dass ich einen Kittel anhatte, sonst hätte ich meine Bekleidung auch noch eingeschmiert.

Ich habe die gesamte Entwicklung über mechanische, halbelektronische, elektrische Schreibmaschinen bis hin zum Computer mitgemacht.

An meinen ersten PC kann ich mich noch gut erinnern. Der Rechner war ziemlich groß und klobig. Irgendwie lief er immer gerade dann nicht, wenn man ihn ganz dringend brauchte. Mein Mechaniker war Pole und kam aus Flensburg. Er hatte seine Werkstatt im Förde Park, der schon damals Gewerbegebiet war. Sein Weg über den Hindenburgdamm nach Sylt war aufwendig und teuer. Häufig waren die Reparaturen für einen Fachmann auch eher unbedeutend. Irgendwann hatte er die Nase voll und gab mir telefonisch Reparaturanweisungen. Ich sollte die Abdeckung des Rechners abschrauben und Kaugummi kauen. ???? Hiermit musste ich eine von ihm benannte Platine wieder festkleben. Und? Es funktionierte für das ganze nächste Jahr. Nun gehe ich mal in mich. Schreibmaschine oder Computer? Ich kann am PC mit einer leichten Tastenberührung schreiben, Fehler über die Rechtschreibkontrolle problemlos korrigieren, Zeilen oder Absätze rausschneiden und woanders wieder einsetzen. Alles speichern und später wieder aufrufen. Ich kann sogar mein Geschriebenes mit anderen Menschen teilen, indem ich meine Texte im Anhang per Mail weiterleite. Ich kann Briefe über ein bestimmtes Format an Behörden weiterleiten. Wenn es bloß nicht immer neue Betriebssysteme und Benutzeroberflächen gäbe, an die ich mich neu gewöhnen müsste.

Das Erlernen des 10-Finger-Tastschreibens war allerdings von großem Vorteil. Ich schreibe heute noch ohne auf die Tasten zu sehen, ich kann schreiben und lesen. Damit kann ich formulieren und gleichzeitig mein Gedächtnis trainieren.

Die neue Technik in Verbindung mit Tastschreiben ist für mich eine gute Mischung, meine Gedanken schnell und sauber zu Papier zu bringen. Inzwischen bin ich ein begeisterter Anhänger meines Computers, auch wenn ich dann und wann verzweifelt bin und Hilfe benötige.

Brigitte Wolff 

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