Süßes aus Harrislee

| 31/03/2017

Es gibt wohl mehr Menschen, Kinder wie Erwachsene, die Süßes lieben, als solche, die sich nichts daraus machen. Andernfalls hätte es sicherlich keine Bonbonfabrik in Harrislee gegeben.

Selbst ältere Flensburger wissen nichts von einer solchen Produktionsstätte in Harrislee. Zur Zeit der Gründung der Fabrik hieß die Produktionsstätte noch Harrisleefeld.

Wilhelm Neuen, geb. 1868 in Köln, war viele Jahre Schokoladenmachermeister in der Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck. Irgendwann zog es ihn nach Flensburg. In einer Flensburger Bonbonfabrik war er bis 1929 als Werkmeister angestellt. Um 1930 kaufte er in Harrisleefeld ein Haus mit Grundstück in der Thomasstraße Nr. 16. Hinter dem Haus baute er 1930 ein Stallgebäude zu einer kleinen Bonbonfabrik um. Er baute maschinen- und handgetriebene Walzwerke und Bonbonstanzer sowie zwei Drageekessel zur Herstellung von Dragees aller Art ein. Schwerpunkt war die Herstellung von Brustbonbons, die sehr beliebt waren. Vermutlich hat Wilhelm Neuen das Rezept dafür aus der Firma Stollwerck mitgebracht. Stollwercks Brustbonbons waren damals in ganz Deutschland ein Begriff. Im Norden hatten Neuens Brustbonbons einen vergleichbaren Bekanntheitsgrad.

1932 starb Wilhelm Neuen. Sein Sohn Peter Neuen, gelernter Bonbonkocher, übernahm die Fabrik.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Bonbonfabrikation eingestellt und Peter Neuen musste zu den Soldaten. Er hatte Glück und kam 1945 aus dem Krieg zurück.

An eine Bonbonfabrikation war nach Kriegsende nicht zu denken. Nach der Währungsreform 1948 nahm Peter Neuen die Bonbonherstellung wieder auf. Zucker blieb zunächst noch bis April 1950 rationiert, aber dann gab es wieder reichlich. Es wurden die beliebten Brustbonbons und Sorten der Vorkriegszeit produziert. Große Renner wurden Lolli-Lutscher, auch „Schlickepinns“ genannt, die für 10 Pfennig reißend weggingen. Sie wurden an Kiosks und Lebensmittelgeschäfte in Flensburg und Umgebung bis nach Eiderstedt sowie an Großhändler geliefert. Peter Neuen produzierte mit zwei bis drei Mitarbeitern den großen Bedarf zu der Zeit. Seine Frau und eine seiner Töchter machten die Buchführung, halfen aber auch bei der Bonbonfabrikation. Dieter Todt, ein Urenkel Wilhelm Neuens, half als zwölf- bis fünfzehnjähriger Schüler ebenfalls im Betrieb als Laufjunge. Für eine Mark pro Nachmittag brachte er nach der Schule mit dem Geschäftsrad Ware zu Kunden in ganz Flensburg.

Dieters Mutter musste sich und drei Kinder ernähren und versorgen. Der Ehemann und Vater war im Krieg in Russland gefallen. Was das in der Nachkriegszeit bedeutete, können nur Menschen mit ähnlichem Schicksal nachempfinden. Dieter sparte eisern das Botenjungengeld für einen Konfirmationsanzug zu seiner Konfirmation 1951.

Peter Neuen wurde Mitte der 1950er Jahre sehr krank und fand keinen Nachfolger für die Bonbonfabrik. 1955 wurde sie daher stillgelegt. Ende 1960 verstarb Neuens Witwe. Das Wohnhaus wurde verkauft, die Fabrikräume abgerissen.

Heute erinnert nichts mehr an die Harrisleer Bonbonfabrik.

Historisches zum „Bonbon“

Schon im alten China und Römischen Reich sowie im antiken Griechenland gab es süße Köstlichkeiten, die man aus Blüten oder Früchten – gemischt mit Honig – herstellte.

Um 600 n. Chr. entdeckten die Perser, wie aus Zuckerrohrsaft Zucker gewonnen werden konnte. In Arabien stellte man um 700 n. Chr. aus Zucker und Fruchtsaft eine Bonbonmasse, genannt „Fanid Chsai“ her. Apotheker in Europa mischten bittere Kräuter mit Zucker, um sie schmackhaft zu machen.

Zucker war sehr teuer und nur Fürsten- und Königshöfe konnten sich Süßigkeiten leisten. Nach einer Erzählung ließ König Heinrich der IV. (1553-1610), von 1589-1610 König von Frankreich, zu seiner Hochzeit im Jahr 1572, Zuckerwaren anbieten. Kinder sollen ausgerufen haben: „Bon“ (auf Deutsch „gut“), als Steigerung „Bon, Bon!“ Daraus soll die Bezeichnung Bonbon entstanden sein. Durch den Zuckerrübenanbau begann die Industrialisierung der Zuckerproduktion. Zucker wurde immer preiswerter.  Die Bonbonherstellung wurde durch Franz Stollwerck industrialisiert. Er gründete 1839 eine Mürbebäckerei in Köln. Franz Stollwerck hatte in Paris das Karamellisieren, das Vermischen von Zucker mit Kräutern, erlernt. Er erweiterte seine Bäckerei 1841 um eine Bonbonfabrik und produzierte „Stollwercksche Brustbonbons“. Durch seinen Verkaufserfolg geriet Stollwerck in einen Rechtsstreit mit den Apothekern, die sich die Herstellung solcher „Arzneien und Heilmittel“ vorbehielten. Nach zahlreichen Prozessen wurde durch einen Ministerialerlass vom 2. Januar 1846 den Konditoren im Preußischen Staat erlaubt, Bonbons, Karamellen und andere Waren herzustellen und diese zu verkaufen.

Ende 1846 hatte Stollwerck 44 Verkaufsstellen in Deutschland und 1000 Vertreter. Konditoren, Krämer, Delikatessenhändler, Restaurants, Theater- und Bahnhofsgaststätten verkauften Stollwercks Bonbons. Aufgrund seiner Verkaufserfolge wurde er in Köln und Umgebung „Karamellennapoleon“ genannt.

Auch heute noch kennen Kinder und Erwachsene die Karamellbonbons von Stollwerck und lassen sie sich schmecken!

Text: Kurt Tomaschewski,

Fotos von Dieter Todt (privat) und aus dem Archiv der Gemeinde 

Harrislee Saml III 8.129 

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