Kleine Lach- und Sachgeschichten rund um die Demenz

| 31/03/2017

Zugegeben, es gibt sicher mehr Sach- als Lachgeschichten um die Demenz, die unsere Mütter und Väter entwickeln, die doch vor gar nicht so langer Zeit meist noch die liebevollen, freundlichen und für uns einsatzbereiten Großeltern waren. Diese wahren und doch unglaublichen Geschichten, die dabei passieren, muss man wohl nur selbst erlebt haben, um zu begreifen, dass sich da für einen Laien und Angehörigen Unbegreifliches abspielt. Die Vielfältigkeit von Mixturen und Konstrukten, die dieses erkrankte Gehirn produziert, kann ein normal funktionierendes Gehirn – selbst mit großer Phantasie – oft nicht nachempfinden. Ein nicht ganz leichter Lernprozess geht dem dann auch voran, damit aus den anfangs bittertraurigen „Sachgeschichten“ später auch eine freundlich verständnisvolle  „Lachgeschichte“ werden kann. Fassungsloses Staunen von mir als Tochter einer betroffenen über 90-jährigen Mutter: Warum war wohl das Hörgerät in der Mülltüte zwischen Kaffeefilter und Salatblättern gelandet? Na klar, die Batterien waren leer und ließen sich auch mit der Schere nicht mehr rausholen! Der nette Hörakustiker gibt einem einfach ein Neues! Ja, und wo waren denn wohl die 8000 Euro vom Sparbuch in den drei Monaten geblieben? Jetzt wurde es spannend!

Etwas flüsternd und mit vorgehaltener Hand plauderte sie ein wenig aus dem Nähkästchen: „Wir müssten dazu wohl mal ernsthaft bei ihrer Mutter nachhaken, die wäre ja schon immer ein wenig locker im Umgang mit Geld gewesen, wir bräuchten ja nicht zu erzählen, dass der Hinweis von ihr käme.“ Kann nicht ganz stimmen, meinten wir, gibt es noch eine andere Möglichkeit?

„Vielleicht habe ich ja auch jemandem ein Darlehen geliehen, aber im Übrigen möchte ich Euch ernsthaft bitten, (sie meinte mich, die Tochter mit Schwiegersohn) Euch aus meinen Privatangelegenheiten rauszuhalten!!!!!“

Na, klar, machen wir! Wo war der Ausweis, EC- und Versichertenkarte?

Kann man neu beantragen! Die 19 Tuben Wund- und Heilsalben in den Schubladen – waren nicht von ihr und ich sollte ihr in Zukunft keine fremden Männer ins Haus schicken! Ich hatte ihren langjährigen Hausarzt gebeten, einmal vorbeizuschauen.

Die Notwendigkeit eines Umzugs vom Betreuten Wohnen in eine Pflegeeinrichtung war unausweichlich, da wir nicht am gleichen Ort wohnen.

Der Umzugstag kam und auch die schonendste Vorbereitung dafür konnte nicht verhindern, dass unsere Mutter fassungslos und empört ihre Möbel wegwandern sah! Dass die nur in ihr neues Heim gebracht werden, und sie dort alles wieder vorfinden würde, erreichte ihren Geist nicht wirklich. Das Hier und Jetzt war bedrohlich und verletzend sichtbar, und wir – Tochter und Schwiegersohn – waren die Verursacher dieser Ungeheuerlichkeit.

Logistisch war es leider nicht anders möglich, dass wir sie für ca. zwei Stunden in der alten teilgeräumten Wohnung alleinlassen mussten, um das neue Heim schon etwas herzurichten. Mit Schimpf und Schande wurden wir entlassen und machten uns sogleich ans Werk. Sehr bald – und zunächst allein – kam ich wieder zurück, wieder böse Worte erwartend. Aber mit einem freudigen Ausruf begrüßte sie mich! „Wie schön, dass Du mich mal besuchst! Wollen wir Kaffeetrinken gehen?“ Eine Alarmglocke schlug bei mir an, so viel Freundlichkeit auf einmal war mir verdächtig. „Sag mal, wer bin ich denn wohl?“ Ich wurde als „Heidi“ erkannt, eine nette Dame, die sie hin und wieder begleitete. Da war dann auf einmal wieder dieses beklemmende Gefühl, was ich als eine Art Vakuum empfinde, wenn zwischen uns nichts Bekanntes mehr transportiert werden kann. Irrtum aufklären? Hat keinen Sinn, hatte ich gelernt. Mitspielen war angesagt! Jetzt trank also „Heidi“ mit ihr gemütlich Kaffee, als mein Mann auch wieder kam. Sie machte „Heidi“ mit ihm bekannt, brachte ein neues Gedeck und freute sich über nette Gesellschaft. Es war uns natürlich oft unmöglich, nicht in dieser komischen Situation zu lachen. Sie schaute mit diebischem Lächeln zwischen uns hin und her und amüsierte sich dabei offensichtlich köstlich, wie ihr Schwiegersohn mit ihrer netten Ausgehbegleiterin scherzte. Sie zog dann aber wohl ihre eigenen Schlussfolgerungen, denn mit einem verschmitzten Lächeln drohte sie uns mit dem Zeigefinger: „Na, na, Ihr Zwei… Ihr scheint Euch ja gut zu verstehen!“ Immerhin legte sie aber noch ein Gedeck für die „Tochter“ auf, die ja noch zu erwarten war. Liebe Mama, wer würde Dir das übelnehmen?

Bei einem der nächsten Besuche war ich aber dann plötzlich wieder die Tochter und ich schaute mit ihr alte Fotos an, um dem Gedächtnis ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. „Kennst Du den noch?“. „Nein…“ „Weißt Du noch, wer die war ?“…. „Nein.“ „Aber wie Dein  Mann hieß, mit dem Du 60 Jahre verheiratet warst?“ „Nein!“ Das gefiel ihr aber nun gar nicht. „So“, sagte sie zu mir. „Jetzt frage ich Dich aber mal was: Wie heißen Deine beiden Brüder?“ Ich war so verdattert, denn ich habe ja keine Brüder und wenn, wären es ja ihre Kinder. „Weiß ich nicht,“ fiel mir nur ein. „Siehst Du, so ist das,“ sagte sie mit triumphierendem Lächeln und sie war sichtlich zufrieden. Und so wollen wir das auch lassen!

Hannelore Seidl 

Isernhagen 

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