Hinter der Jahrmarktbude

| 31/03/2017

Anfang April ist wieder Jahrmarkt in Flensburg – ein Highlight im Veranstaltungskalender. Dann bauen Schausteller ihre Buden und Fahrgeschäfte auf der Exe auf. Einer von ihnen ist Frank Dörksen, der auf dem Markt aufgewachsen ist. Er weiß, wie es täglich an dem Ort ist, den andere nur einmal im Jahr besuchen.
Zuckerwatte, Autoscooter und bunte Lichter – eine unverwechselbare Mischung, die die Herzen von Jahrmarktfreunden höherschlagen lässt. Und das nicht nur, weil sie Lebkuchenherzen um den Hals tragen. Allein schon weil der Jahrmarkt nicht so häufig stattfindet wie Wochen- oder Flohmärkte, ist er etwas Besonderes. Auch das Angebot der Freizeitgestaltung ist in diesen Tagen deutlich höher als sonst. Viele junge Familien besuchen mit ihren Kindern den Stand von Frank Dörksen, an dem in großen Buchstaben „Zuckerwaren“ steht. Der 43-Jährige ist begeistert von dem Konzept Kirmes: „Was gibt es schon so lange?“ Auf diese Konstanz setzt er, denn mit seinen fünf süßen Wagen sind er und sein Team sonst unregelmäßig auf Jubiläen und Firmenfesten unterwegs. „Der Jahrmarkt hat einige Trends überlebt.“
In den 70 und 80er Jahren waren Jahrmärkte die Hauptattraktion, weil es noch nicht viele Feste gab und nicht jeder eine Veranstaltung durchführen durfte. Im Unterschied dazu haben heutzutage viele Kinder schon mehrfach große Parks besucht und fahren regelmäßig in den Urlaub. Das bringt dem Jahrmarkt nicht mehr Zulauf, da jeder sein Geld nur einmal ausgeben kann und viele von Attraktionen übersättigt sind.
Seit Dörksen 18 Jahre alt ist, engagiert er sich im Vorstand des Landesverbandes der Schausteller und Marktkaufleute. Dieser wählte ihn zum Sprecher, sodass er lange vor der Veranstaltung die Städte besucht. Denn die Schausteller helfen den Städten dabei, Jahrmärkte zu organisieren. Dörksen ist gerne in Flensburg, ist es doch eine der Städte, in der er seine Kindheit verbracht hat. Die Altstadt und die belebte Innenstadt gefallen ihm. Für Besuch aus Dänemark legte er sich bereitwillig EC-Karten-Lesegeräte zu.
Auf der Exe

Für zwei Wochen kommt Dörksen nach Flensburg. Eine Woche lang hat der Markt geöffnet und insgesamt eine Woche lang dauern die Auf- und Abbauarbeiten. Dass die Schausteller sich seit letztem Jahr den Platz auf der Exe mit dem Flüchtlingscamp teilen müssen, stellt für sie kein Problem dar. Ein Kollege von Dörksen hat sein Leben sogar einem Flüchtlingslager zu verdanken. Denn dort lernten sich seine Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg kennen, als es ebenfalls auf der Exe aufgeschlagen wurde. Mit solchen positiven Erfahrungen gehen die Schausteller auf die Bewohner zu und erklären ihnen, was vor ihrer Wohnungstür passiert. Sie wiederum begrüßen den Trubel und genießen das Schauspiel.
Dörksen will anderen die Angst nehmen, die vor dem Fremden entstehen könnte. Er sieht sich selbst ein bisschen wie einen Flüchtling. Denn er kommt aus einer Schaustellerfamilie: Seine Eltern und schon seine Großeltern waren mit ihrem mobilen Gewerbe unterwegs – immer da, wo etwas los war. Dadurch war er als Kind jede Woche in einer anderen Stadt, in einer anderen Schule. Für die Klassenkameraden war er der bunte Vogel, der ein- und wieder ausfliegt. „Man gewöhnt sich daran“, erzählt Dörksen, „aber ich war froh, wenn die anderen mich aufnahmen.“

Familiengeschichte

Seine Großeltern verkauften nach dem Ersten Weltkrieg Kokosnüsse am Hamburger Hafen. Das war etwas Besonderes für die Zeit, sodass der Handel erfolgreich lief. „Es hat gereicht, um satt zu werden und nicht zu frieren“, berichtet Dörksen. Damals sei es darum gegangen, ein Dach über dem Kopf zu haben. „Um Schnickschnack ging es nicht“, sagt er und zeigt auf sein Smartphone. Seine Großeltern entwickelten ein Reisegewerbe, bei dem sie mit einem Trecker und angehängtem Wohnwagen von Ort zu Ort fuhren und dort ihre Bude aufbauten. Von Kiel nach Magdeburg brauchten sie fünf Tage, scheinbar lohnte es sich aber, den Weg auf sich zu nehmen. In Brokstedt bei Neumünster erwarben sie ein Grundstück für eine Lagerhalle und ein Wohnhaus. Noch heute wohnen alle am Familienbetrieb Beteiligten in der gleichen Straße.
Von den zwei Buden, die sich die Großeltern erarbeitet hatten, übernahm Frank Dörksens Vater eine. Ihm war es wichtig, an mehr Veranstaltungen teilnehmen zu dürfen. „Die Plätze werden vergeben und wenn sie voll sind, sind sie voll.“ Er engagierte sich für die Allgemeinheit und baute über die entstehenden Beziehungen seine Tour aus. Darüber machte die zweite Generation das Familienunternehmen kommerziell erfolgreicher. Dörksen hat Respekt vor seiner Mutter, die mit vier Kindern ihre Arbeit fleißig erledigte. Er stand als Junge schon auf einem Hocker hinter dem Mandel-
blech. „80 Gramm kosteten eine Mark, das konnte ich mir merken.“ Zwischen Wohnwagen und Verkaufsstand wuchs er in den Beruf hinein.

Berufseinstieg als Teenager

Mit 15 Jahren und Hauptschulabschluss übernahm Frank Dörksen den Betrieb seiner Großmutter. Seine Eltern kümmerten sich um das Geld und er führte den Laden, bis er sich 1999 selbstständig machte. Früher stellten sie alle Süßwaren selbst her. „Das war Maloche bis zum Geht-nicht-mehr“, erinnert sich Dörksen, vor allem die benötigte Hitze zur Bearbeitung des Zuckers sei anstrengend gewesen. Inzwischen ist es günstiger, viele Waren beim Großhändler zu kaufen und nur noch einige Produkte selbst zu produzieren. Ein Renner seien die Früchte, die sie frisch mit belgischer Schokolade überziehen. Dabei ist es Dörksen wichtig, nicht mit unnötigen, billigen Zutaten zu strecken. Das habe natürlich seinen Preis, aber es schmecke viel besser als aus dem Supermarktpäckchen, in dem Konservierungsstoffe den Geschmack beeinflussten.

Erfolgsrezept abgeluchst

Eine Familienlegende ist die Geschichte um den Türkischen Nougat. Großvater Dörksen wollte unbedingt diese Süßigkeit herstellen können. Darum machte er seinen türkischen Kollegen betrunken und ließ ihn das Rezept aufsagen. Anschließend benötigte er zwar einige Versuche, bis das Ergebnis wie das Original schmeckte – schließlich waren die Sinne des Autors beim Diktat benebelt gewesen. Doch es gelang ihm und der Nougat wurde zum Hauptartikel seines Geschäfts. Der Mann, der die Familie heute damit beliefert, nutzt noch immer dieses Rezept.
Jahrelang lebte Dörksen von März bis Dezember in einem amerikanischen Wohnwagen, der von einem LKW gezogen werden musste. Durch ausschiebbare Erker und eine umlaufende Veranda war der Wohnraum geräumig und mit normalen Wohnungen vergleichbar. Inzwischen fährt Dörksen abends nach Hause – in ein fest stehendes Haus, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern wohnt. Der Standort in Brokstedt liegt für ihn gut erreichbar in der Mitte seiner Läden und der Jahrmarktplätze.

Entspannt sein

Vom Leben im Wohnwagen lernte er, vieles entspannt zu sehen und flexibel zu sein. Es kann vorkommen, dass er einige Stunden ohne Wasser und Strom auskommen muss. Dafür ist er gerüstet und weiß damit umzugehen. Seine Großmutter erlebte beide Weltkriege mit und erzählte ihm davon. Weil sie gläubig wurde, war sie gelassen und hatte keine Angst. „Im schlimmsten Fall muss sie zum lieben Gott“, zitiert sie ihr Enkel. Dieser übernahm die entspannte Grundeinstellung und fragt in kritischen Situationen gerne, was das Schlimmste wäre, was passieren könnte. Solange er bei seiner Familie sein kann, ist für ihn alles im grünen Bereich. Ein bisschen Regen vermiest ihm nicht die Laune, wie es bei manchen Kollegen der Fall ist. Sie ärgern sich über schlechte Wetterbedingungen, weil dann weniger Besucher auf die Märkte unter freiem Himmel kommen.

Lebenskünstler

„Es muss immer weitergehen“, sagt Dörksen über das Geschäft. Seine Familie, er und seine Schaustellerkollegen bleiben ständig dran, den Jahrmarkt attraktiv zu gestalten. Sie versuchen, sich immer wieder etwas einfallen zu lassen, damit ihre Läden weiterlaufen. Keiner möchte nur nach der Leistungskurve entscheiden und das Unternehmen einfach aufgeben, wenn es nicht mehr nach Zielsetzung abwirft. Jeder strukturiert seinen Laden so, dass es funktioniert. „Der Jahrmarkt ist unser Leben. Was da passiert, ist überlebenswichtig“, sagt Dörksen. Dabei gehe es nicht nur ums Einkommen, sondern auch um die Leidenschaft.
Schausteller und Schauspieler zu sein liege nicht sehr weit auseinander. So sprüht ein Kollege Bananen kreativ an und bewirbt sie als Picasso-Bananen. Das mache er nicht aus Profit, sondern weil es ihn glücklich macht. Ein anderer sammelt alte Exponate von Jahrmärkten und zeigt sie in Sonderausstellungen. Viele Schausteller seien Lebenskünstler, bodenständig und abenteuerlustig. Zudem wachsen die Strukturen und Arbeitsverhältnisse über Jahre, sodass sich ein Netz bildet. Das Vertrauen wachse, wenn sie sich regelmäßig auf den Veranstaltungen begegnen. Hinter jedem Laden steht zwar ein eigener Chef, aber im Härtefall hielten sie zusammen und hülfen sich gegenseitig aus.

Störende Bürokratie

„Wer jahrelang gedient hat, wird nicht auf die Straße gesetzt“, erklärt Frank Dörksen. Als einem Kollegen der Laden abbrannte, bot ihm ein anderer einen Platz bei ihm an, bis er wieder auf eigenen Beinen steht. Allerdings muss auch ein solch gut gemeinter Handel bürokratisch geregelt werden. Ein rotes Tuch für Frank Dörksen. Denn die wachsende Bürokratie nehme seinem Zuckerwarenhandel die Leichtigkeit. Sein Geschäft ist dem mobilen Gewerbe untergeordnet, weshalb er gesetzlich verpflichtet ist, zeitnah abzurechnen. Problematisch, wenn seine Stände auf fünf Veranstaltungen gleichzeitig stehen und er es gerne persönlich machen möchte. Zudem habe der Saisonbetrieb andere Regeln als ganzjährig geöffnete Läden. So kauft Dörksen im September für Dezember ein – dieses System ist nicht für alle übersichtlich.
Vor zwei Jahren klagte Dörksen gegen das Finanzamt, das ihm Betrug vorwarf. Er musste einer Prüferin mühsam erklären, warum er etwa weniger Zucker an seine Mandeln wirft. Alles musste plausibel sein. Während dieser Phase boten viele ihm Hilfe an und er fühlt sich getragen. Das nahm ihm die Angst: „Es konnte nichts passieren, außer dass mir mein Geld weggenommen wird.“ Letztendlich wurde er freigesprochen, doch einige Schram-
men hat er davongetragen.

Standort beibehalten

Entgegen der Erwartungen vieler sei Langfristigkeit ein hohes Gut in dem Gewerbe. Wer möchte, dass seine Kunden wiederkommen, muss sie zufriedenstellen und einen vernünftigen Eindruck hinterlassen. Wichtig sei es, auf den Märkten immer am gleichen Platz zu stehen, um von seinen Kunden wiedergefunden zu werden. Da Frank Dörksen seit Jahren auch auf dem Flensburger Weihnachtsmarkt dabei ist, kennen ihn die Besucher schon, suchen ihn und seine Süßigkeiten. Lässt es die Zeit zu, unterhält er sich gerne mit ihnen. Das leiste kein Discounter, bei dem man die Süßigkeiten günstiger erhalten könnte. Qualität, Atmosphäre und Miteinander kauft man auf dem Jahrmarkt mit.
In seinen Bart grinst sich Dörksen, wenn ihm Besucher erklären, dass es ihnen bei dem Laden 50 Meter weiter besser schmeckt. Denn er weiß, dass dort seine Eltern stehen – mit den gleichen Lollis, die er zusammen mit seinem Vater gekocht hat. Er hat Spaß daran, sich immer weiter zu verbessern. In diesem Jahr hat er sein Sortiment um Süßes in Form von Emojis und Einhörnern erweitert. Und er ist gespannt, wen er damit glücklich machen kann.Lisa Dauth

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