Flensburger Köpfe: Axel Stosberg

| 31/03/2017

Es bräuchte schon mehr als einen Psychologen, um den Erfolg von „Santiano“ zu erklären, dieser Midlife-Band, die mit rockigen Seemanns-Schunkelliedern Jung und Alt von den Sitzen reißt und sie in Sturmwellen maritimer Seligkeit ertrinken lässt.
Szenenwechsel! Sehen wir sie nicht alle vor uns, diese Shanty-Männerchöre, die zum Hafengeburtstag, von allen unter 50 mitleidig belächelt, zwischen Tenor, Bariton und Bass „Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn“ schmachten?
Dem Bayern sein „Und a Waldbua bin i“ ist dem Küstenbewohner sein „Frisch auf ihr Matrosen“. Damit konnte man schon seit langem keinen oberen Platz in den Platten-Charts gewinnen.
Dann kam Santiano, dieser zusammengewürfelte Haufen von Rockmusikern und einem singenden Schauspieler, und fegte den Staub aus den zweireihigen Seemannsjacketts mit den Goldknöpfen, mischte mit harten
Beats und irischem Gefiedel, markigen Texten und ebensolchen Stimmen zeitgemäßes Feeling ins verkrustete Küstenliedgut und gewann Herzen, Plattenverträge und Goldene Schallplatten.

Einer von ihnen

Den „Echo“, die Trophäe für besondere Musikleistungen, zieht Axel Stosberg aus seiner zerknitterten Sporttasche. Ein schweres Metallteil, das wir für das Fotoshooting ein wenig von Staub und Fingerabdrücken befreien. Dafür haben andere Bands Jahre und Jahrzehnte gebraucht. Santiano hat den Markterfolg in Rekordzeit hingelegt. Und keiner kann so richtig erklären warum. Auch Axel Stosberg, neben Hans-Timm Hinrichsen, der von 1988 bis 1994 mit Jack McTiger and the New Deal Blues- und Rockmusik spielte, Björn Both, von 1990 bis 2003 Frontmann der Band Late September Dogs, Andreas Fahnert, in den 1980er Jahren Mitglied der Band Rockwork und Pete Sage, lange als Begleitmusiker tätig, bleibt eine abschließende Erklärung für deren Erfolg schuldig.
Ein Schlagwort, das sich wie ein Mantra durch die Songtexte von Santiano zieht, ist „Freiheit“. Frei von Konventionen, immer auf der Suche nach neuen Küsten, sich nicht von anderen einnorden lassen, Brüche zulassen. Das passt auch zur Vita des fast 50-Jährigen.

Tür auf – Tür zu – Tür auf

In Flensburg geboren, in Fruerlund aufgewachsen, ein „richtiger“ Junge, Fußball gespielt.
„Damals konnten wir noch auf der Straße kicken“, sagt er. Mit der Schule lief es weniger gut als mit dem Ball. Von der Realschule „wurde er gegangen“. Mit einzelnen Lehrern jedoch ist er heute noch befreundet. Bis zum Einzug zur Bundeswehr hat er auf Butterschiffen gejobbt. Und nach dem „Bund“ folgte er den Fußspuren des Vaters und ließ sich zum Masseur und Bademeister ausbilden. Er erinnert sich, dass man dabei nicht nur körperlich den Kunden nahekam, sondern die unter seinen knetenden Händen oft ihre Seele entleert haben. Dann kam die Erkenntnis, dass dieser Job nur eine „Projektion“ war, um dem Vater nachzueifern.
Da wurde die Tür geschlossen, eine neue geöffnet. Axel Stosberg wechselte von der kraftvollen Handarbeit zur Feinmotorik und machte eine Uhrmacherlehre bei Kurt Ohlsen, Juwelier Peter Jürgensen, in der Großen Straße. Sechs Jahre reparierte er dort nicht nur wertvolle Uhren, sondern lernte seinen Chef noch von einer ganz anderen Seite kennen. Der nämlich spielte Gitarre. Axel Stosberg sang dazu, Coversongs, u. a. von James Taylor und Tom Waits, abseits des Mainstreams. Zu Anfang, so erinnert sind Stosberg, waren das noch Wohnzimmerkonzerte. Dann kamen noch ein Schlagzeuger und ein Bassist dazu, bis die Band „NIGHTHAWKS AT THE DINER“ komplett war. Den Kontakt zu denen, so Axel Stosberg, gibt es noch heute.
Eine neue Tür wurde geöffnet, zu einer Kulturinstitution in Flensburg, dem „Orpheus“-Theater. Axel Stosberg entdeckte sein Bühnentalent, sang und spielte auf der kleinen Kammerbühne unter Leitung von Conny Meesenburg. Mit der Brecht-Weill-Revue begeisterte das Ensemble nicht nur fünfzigmal die Zuschauer, sondern weckte das Interesse des Intendanten der Niederdeutschen Bühne (NDB), Christoff Bleidt. „Tod im Apfelbaum“, ein poetisches Märchen von Paul Osborn, galt es zu besetzen. Axel Stosberg bekam eine Rolle und spielte auf der NDB Bühne mehrere Jahre. Dessen ungeachtet blieb er dem „Orpheus“ treu, indem er im zugehörigen Lokal „Porticus“ halbtags jobbte.
Die „Niederdeutsche Bühne“ zog Schauspieler vom „Ohnsorg Theater“ in Hamburg an. Sie führten zuweilen Regie auf der Flensburger Bühne, vielleicht auch mit dem Hintergedanken, neue Talente für das renommierte „niederdeutsche“ Theater an der Elbe zu entdecken. Deren Auge fiel auf Axel Stosberg. Damit öffnete sich für ihn erneut eine Tür. Die Gestrengen von St. Pauli testeten sein schauspielerisches Vermögen bei einem Casting auf ihrer Probebühne.
Mit märchenhaften Aufführungen war er seit dem „Tod im Apfelbaum“ vertraut. So konnte er sich schnell in die Hauptrolle des Weihnachtsmärchens „Der Froschkönig“ hineindenken.
Heute resümiert der rückblickend: „Ich habe nie die Schauspielerei gesucht. Sie hat mich gefunden.“ Und weiter stellt er für seine Karriere fest: „In der Absichtslosigkeit liegt die Kraft. Ich habe immer im Jetzt gelebt, nie weit vorausgeplant, mich aber immer jeweils zu 100% auf eine Sache konzentriert.“
Im Alter, so muss er zugeben, wird das schwieriger, vor allem, wenn man verheiratet ist und drei Kinder, ein Haus und einen Hund zu versorgen hat. Über zwölf Jahre gehörte er zum festen Stamm des „Ohnsorg-Theaters“. Doch dann hatte ihm die Festanstellung „die Kehle zugeschnürt.“

Durchgestartet

Wie schon so oft schloss er eine Tür, um eine neue zu öffnen. Er entließ sich in die Freiheit, aber auch in die Unsicherheit eines Schauspielers ohne festes Engagement. Er trat bundesweit auf, in Frankfurt, dann wieder in Hamburg im „Winterhuder Fährhaus“, dem renommierten Komödientheater der Hansestadt. Daneben sang er mit einigen Kumpels Seemannslieder, laut und kraftvoll, so zum Spaß. Die in die Jahre gekommene „Boygroup“ blieb nicht ungehört, nicht in Flensburg, wo Mark Nissen und Hardy Krech von „Elephant Music“ nach neuem Sound für ihre Produktionen suchten. Die waren von den kraftvollen Männerstimmen beeindruckt, insbesondere weil sie zu einem Projekt passten, das in ihren Schubladen schlummerte und auf Erweckung wartete.
Sie riefen die fünf „Jungs“ an, luden sie ein und spielten einige Songs ein. Sie schickten die Aufnahmen zu „Universal-Music“, dem größten der drei Major-Label neben Sony Music und der Warner Music Group. „Universal“ besitzt die Rechte aller Großen dieser Welt, von „ABBA“ bis „Lady Gaga“. Ein Vertrag mit diesem Giganten ist für jeden Musiker und Produzenten ein Ritterschlag.
2012 wurde die erste „Santiano“ Platte veröffentlicht. Nach sechs Wochen waren 100.000 verkauft und hatte damit „Gold“ erreicht. Inzwischen sind 3 Millionen Scheiben auf dem Markt und Santiano füllt die größten Konzerthallen mit bis zu 20.000 Besuchern. Dort nehmen sie die Menschen mit auf eine Abenteuerreise, holen sie aus ihren engen Stuben hinaus auf stürmische Meere, gefahrvoll aber mitreißend. „Generationen- und sozial übergreifend“, wie Axel Stosberg mit Genugtuung feststellt. Seit November sind sie im Studio zu Aufnahmen für ihr nächstes Album, das im Herbst erscheinen soll. Trotz aller Termine, sagt er, hat er jetzt mehr Zeit für die Familie als je zuvor, denn „ich bin nicht gerne lange weg“. Seine drei Kinder im Alter von 7, 16, und 24 werden das zu schätzen wissen. Als Essenz seiner Erfahrungen hat er für sich erkannt: „Glück ist, wenn Zufall auf Bereitschaft trifft.“
Dieses Motto ist ihm und ist er ihm seit einem halben Jahrhundert treu geblieben.
Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte und
Archiv Axel Stosberg

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