Erfolgsgeschichten von Integration (57)

| 31/03/2017

In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.
Katarina Okova-Hauschild
kommt aus Bulgarien

Katarinas bulgarischer Familienname Okova bedeutet so viel wie „Auge“. Auf diesen Namen ist sie stolz. Zählen doch die Augen zu den Sinnen, die uns die Welt erschließen. Katarinas Augen sind tiefbraun. Typisch bulgarisch? Nicht unbedingt. Auf dem Standesamt in Sofia hielt sie an ihrem Mädchennamen Okova fest. Sie trägt ihn seit 1997 vor dem Nachnamen ihres deutschen Ehemannes Norbert Hauschild. Der verstarb im September 2004.
Die Geschichte von Katarina Okova-Hauschild könnte – wie sie sich zum Teil in Deutschland abgespielt hat – eine Geschichte von enttäuschten Hoffnungen sein. Ist sie aber nicht. Denn die heute 48Jährige kämpft weiter und wird nicht aufgeben. Ihre Träume sind realistisch. Sie will und wird ihr Restaurant in der Friesischen Straße 31, die Gaststätte Alte Apotheke Flensburg, zum Laufen bringen.
In Deutschland herrscht oft die Auffassung, als würde jedes Problem für und mit Migranten verschwinden, wenn sie nur erst einmal gut Deutsch sprechen. Möglichst gute Bildung und Ausbildung wird natürlich auch erwartet. Diese Voraussetzungen erfüllt Katarina.
Sie wurde in die kommunistische Ära Bulgariens hineingeboren – mit Schule, Ausbildung und Wirtschaftsstudium. Diese Ära war 1990 mit der in Bulgarien anwachsenden Oppositionsbewegung zu Ende. Das war gleich im Anschluss an die friedliche Revolution in der damaligen DDR. Bulgarien wurde parlamentarische Republik.

Katarina wuchs mit zwei
Geschwistern in Sofia auf

Sie interessierte sich für Wirtschaftswissenschaften und besuchte neben ihrer praktischen Ausbildung zur Buchhalterin in einer Fliesenherstellerfirma abends vier Jahre die Fachhochschule für Ökonomie. In dieser Zeit waren die Menschen noch alle in Lohn und Brot. Jeder ging einer Beschäftigung nach. Und zwar unbefristet. Nach Beendigung ihrer Berufsausbildung und Abschluss der Fachhochschule war Katarina als Buchhalterin im Hotel Europa in Sofia beschäftigt.
Katarinas Muttersprache ist Bulgarisch mit kyrillischer Schrift. Im Schulunterricht wurde ab der 7. bis zur 12. Klasse neben Russisch wahlweise Deutsch, Englisch und Französisch angeboten. Es war Pflicht für jeden Schüler, wenigstens eine dieser Fremdsprachen zu wählen. Katarina lernte Deutsch. Dafür musste sie die lateinische Schrift lesen und schreiben lernen. „Nichts ist beim Erlernen einer Fremdsprache leicht, wenn der Zugang zur Praxis fehlt“, sagt Katarina. Erschwerend sei hinzugekommen, dass es keinen Muttersprachler unter den Sprachlehrern gegeben habe. Die Mehrzahl der Schüler und Schülerinnen hatte sich damals für Englisch, die Business-Sprache, entschieden. Katarina hatte gute Chancen, Deutsch zu lernen. Ihr Vater, ein Betonbaumeister, war in den 1970er Jahren im Auftrag einer bulgarisch-deutschen Firma in Nord- und Süddeutschland und auch in Ostdeutschland beruflich tätig gewesen. Er war mit gesetzlich festgeschriebenen Jahresverträgen als Spezialist unterwegs, nicht als Gastarbeiter! Er sprach Deutsch. So hatte er auch schon seine Kinder mit der lateinischen Schrift und mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Ohne jemals den Gedanken zu hegen, mit seiner Familie in ein kapitalistisches Land überzusiedeln. Aber mit Sprachkenntnissen in der Heimat das berufliche Spektrum zu erweitern, vielleicht als Dolmetscherin in einem in Bulgarien niedergelassenen deutschen Unternehmen zu arbeiten, hätte sich der Vater für seine Tochter damals schon vorstellen können.

Der Übergang zur
parlamentarischen Republik

war für die Bürger schwierig und schmerzlich. Staatliche Firmen wurden privatisiert und die Mitarbeiter entlassen. Um eine gerechte Versorgung der Menschen zu sichern, mussten Lebensmittelcoupons ausgegeben werden. Der bulgarische Lev war im Keller. Es herrschte Inflation. Zu der Zeit des Umbruchs war Katarina am Sozialamt in Sofia beschäftigt. Ihre Aufgabe war, Menschen in ihrer schwierigen Situation in Alltagsfragen zu beraten. Die politische Lage hatte viele der Bürger unvorbereitet in ein Dilemma gestürzt. Ihr persönlich waren Weiterbildungskurse im Sozialbereich zugesagt worden. Sie sollte Abteilungsleiterin werden. Doch Bürgerkrieg und soziale Verwerfungen machten alle Hoffnungen auf wirtschaftlich geordnete Verhältnisse in Bulgarien zunichte.

Katarina hält Rückblick auf eine glückliche Kindheit

Bis zum Zusammenbruch lebten die Bulgaren in sicheren Verhältnissen, was ihre Ausbildung, Arbeitsplätze, Familie, die eigene Wohnung und den Besitz von Grund und Boden betraf. Die Menschen hatten Ziele! Die Frauen gingen mit 55 Jahren, die Männer mit 60 in Rente. So konnten die relativ jungen Großeltern im Haushalt ihrer Kinder mit anpacken. Außerdem waren die Kindergärten nicht nur in Sofia rund um die Uhr geöffnet. Katarinas Großeltern betrieben in der Berglandschaft von Südbulgarien ihre eigene Landwirtschaft. Sie hatten Ziegen und Schafe und bauten Obst und Gemüse an. Da reiften Kirschen, Feigen und Aprikosen. Oma und Opa fuhren mit ihrer kleinen Kutsche, die von einem Esel gezogen wurde, durch die Gegend. „Wir hatten gute Zeiten“, sagt Katarina.

Katarina heiratet
einen Deutschen

Wenn Katarinas Vater, Betonbaumeister Okova, einen Auftrag über mehrere Monate in Deutschland zu erledigen hatte war es möglich, dass ihn seine Familie besuchte. Ein Visum zu bekommen, war nicht schwierig. Im Jahre 1996 lernte Katarina auf einer dieser Besuchsreisen in Stade ihren späteren Ehemann Norbert Hauschild kennen. Ihr Vater und Norbert kannten sich aus der Bautätigkeit. Katarina sprach schon so gut Deutsch, dass sich die beiden problemlos unterhalten konnten. Es stand nichts Fremdes zwischen den beiden. Mit seinen dunklen Haaren hätte Norbert auch ein Bulgare sein können. Sie heirateten in Sofia und gründeten in Stade eine Familie. Hier wurden ihre drei Töchter geboren. Norbert hatte sich als Fliesenleger selbständig gemacht.

Katarina und Norbert führten gemeinsam ein Restaurant

Als sich für Katarina und Norbert die Gelegenheit bot, in der Nähe von Grömitz ein Restaurant zu pachten – mit der Option, die Immobilie auch kaufen zu können, war für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Das Haus verfügte über einen Festsaal für über 200 Gäste, einen Speiseraum mit 40 Plätzen, es gab einen Clubraum, zwei Biergärten und eine Terrasse. Der Parkplatz wurde vornehmlich von Busreisegesellschaften angesteuert. Zwei Wohnungen in den Ausmaßen von insgesamt 240 Quadratmeter liegen über dem Restaurant. Katarina und Norbert eröffneten das Restaurant als Familienbetrieb. Ihr Fleiß war grenzenlos. Katarinas Eltern und weitere Familienangehörige waren zuverlässige Mitarbeiter. Die Busse rollten an. Das Restaurant lief gut. Alle waren zufrieden. Das ging zwei Jahre gut. Dann erkrankte Norbert und verstarb. Da waren die Töchter 5, 6 und 10 Jahre alt!

Zurück nach Bulgarien

Nach Norberts Tod kehrte Katarina in ihre Heimat zurück. Sie hat bis heute die bulgarische Staatsbürgerschaft. Um den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Töchter in Bulgarien zu sichern, eröffnete sie in Sofia ein kleines Café. Katarinas Kinder haben die deutsche Staatsangehörigkeit.
In ihrem deutschen Umfeld mit Kindergarten und Schule waren sie in Deutschland voll integriert. Da die Kinder aber nur Deutsch sprechen, war für sie der Besuch einer bulgarischen Schule wenig erfolgsversprechend. Katarina musste ihre drei Töchter auf die deutsche private Erich-Kästner-Schule in Sofia geben. Das Schulgeld betrug für jedes Kind 400 Euro.
Die Fahrkosten und das Schulessen kamen noch oben drauf. Diese hohen, finanziellen Belastungen konnte Katarina auf Dauer nicht mit ihrem kleinen Café erwirtschaften. Sie kehrte nach zwei Jahren wieder zurück nach Deutschland! Von Neumünster aus entdeckte sie dann im Internet die damals schon über vier Jahre leerstehende Gaststätte Alte Apotheke in der Friesischen Straße in Flensburg.
Ihr eiserner Wille, sich wieder selbständig zu machen, war ungebrochen. Sie wollte diese kleine, längst vergessene Gaststätte in der Innenstadt wieder aufleben lassen. So ging sie mit viel Liebe zum Detail an die Restaurierung der Räumlichkeiten. Vorn zur Straße befindet sich eine gemischte Bierstube mit der Gemütlichkeit zum Verweilen auf eine Tasse Kaffee oder Tee. Den in den hinteren Räumlichkeiten des Hauses liegenden Sitzungsraum für etwa 18 Personen hat Katarina mit einem geschmackvollen Ambiente ausgestattet. Wenn der Umbau ihrer Küche fertig ist, wird dieser Raum als Gaststube eröffnet. Katarina möchte ihren Gästen Hausmannskost wie Eintöpfe und Suppen servieren und einen Mittagstisch anbieten. Darauf freut sich die Wirtin von der Gaststätte Alte Apotheke schon jetzt!

Das Gespräch mit Katarina Okova-
Hauschild führte Renate Kleffel

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