Auf Jürgensby und weiter quer durch die Stadt

| 31/03/2017

In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten.
In dieser Ausgabe hält der gebürtige Flensburger Einar Rasmussen, Jahrgang 1945, Rückblick.

Ein seltener Name wie Einar hat Vorteile. Einar Rasmussen konnte vor Verwechslungen mit Namensvettern bis heute sicher sein. Auch dem bekannten norwegischen Biathleten Ole Einar Björndalen ist er nie persönlich begegnet.

Wenn Einar Rasmussen Rückblick hält – er ist hier aufgewachsen und hat während seines fast 40jährigen Berufslebens an den Erschließungsplanungen ganzer Stadtteile, größerer Wohn- und Gewerbegebiete, an großen Umbaumaßnahmen z. B. ZOB und Schiffbrücke mitgewirkt sowie an der Fertigstellung der Osttangente, fühlt sich für ihn seine Heimatstadt Flensburg wie ein Teil von sich selber an.

Als Gravenstein noch Deutsch war

Einars Vater, Hans Rasmussen, wurde im Jahre 1911 als Deutscher in Gravenstein geboren. Er kam noch vor der Abstimmung 1920 mit seinen Eltern nach Flensburg und besuchte hier die Schule. Nach seiner Ausbildung arbeitete der Vater zunächst als Bauingenieur bei der Stadt. Später machte er sich als Baumeister in der Jürgensgaarder Straße 62 selbständig. Dort übernahm er den Lehrbetrieb „Zimmerei Staats & Jensen von 1890“. Aus der Ehe von Hans und Regina, sie stammte aus der Eifel, sind die Söhne Hans-Henrik und Einar hervorgegangen.

Mit Blick auf den Alten
Holzsender

Als Einar im August 1945 geboren wurde, lebte die Familie in der Heinrich-Hertz-Straße 5 mit Blick auf den Alten Holzsender. Ursprünglich war für diese Wohngegend eine Verbindung von der Glücksburger Straße bis zum Adelbyer Kirchenweg geplant. Dieses Vorhaben wurde um 1960 wegen des Neubaus der Käte-Lassen-Schule aufgegeben. Ihre Adresse der Schule lautet Mommsenstraße 45. Die heutige Mommsenstraße wurde damals in Höhe Käte-Lassen-Schule durch die damaligen Schrebergärten geführt. Einars Schulweg zur St. Jürgen-Knabenschule ging durch die Gärten und über die Bismarckstraße. Schon als Fünfjähriger fuhr Einar mit dem Bus ab Haltestelle Heinrich-Hertz-Straße direkt (mit der heutigen 11) bis zum Südermarkt. Am Südermarkt 8 betrieb Einars Onkel Franz Sonntag das Café Sonntag und die im Parterre liegende Eisdiele Nöbbe. Auf dem Hinterhof war die Backstube der Konditorei. Sein Onkel Peter war der Konditor. Er ließ seinen kleinen Neffen Einar beim Kuchen- und Tortenbacken tüchtig mitmischen. Das Eis wurde maschinell direkt in der Eisdiele hergestellt. So war für alle Leckermäuler das Café Sonntag und die Eisdiele Nöbbe, Südermarkt 8, erste Adresse.

Oma Lundt wohnte an der Ballastbrücke

Für Einar war der Fußmarsch zu Oma Lundt reinstes Abenteuer. Sein Weg führte ihn über die Jürgensgaarder Straße an der St. Jürgen-Knabenschule vorbei. Dort ging es die Treppe abwärts, dann über die Gleise der Kleinbahn (auf dem Niveau der Nordstraße) und weiter runter zur Straße am Lautrupsbach. Wenn er die Straße am Lautrupsbach überquert hatte, lag auf der linken Seite der Lautrupsbach in größerer Tiefe als heute. Er wurde von Fischern mit ihren kleinen Booten befahren. Die Fischer fuhren in Höhe des ehemaligen Schuppens (heute Klarschiff Flensburg) aus der Förde und gelangten durch einen unterirdischen Kanal in den offenen Teil des Lautrupsbachs. Oben an der Ecke befand sich eine Teepunschbude in einem kleinen, roten Backsteingebäude. Hier wärmten sich die Fischer auf. Dieser untere Teil des Lautrupsbaches wurde um die Jahrtausendwende zum Teil wieder geöffnet.

1955 Umzug von der
Heinrich-Hertz-Straße
in die Beselerstraße

Einars Vater kaufte das Grundstück an der Beselerstraße, das rückwärtig an seinen Zimmereibetrieb an der Jürgensgaarder Straße anschloss, wo er in der Beselerstraße 5 ein Spitzdach-Einfamilienhaus erbaute.

1956 Besuch der dritten
Mittelschule auf dem
Museumsberg

Die dritte gemischte Mittelschule befand sich im Gebäude des heutigen Christiansen-Hauses auf dem Museumsberg. Das war für Einar ein weiter Schulweg, den er zu Fuß zurücklegen musste. Mit der Einweihung der Käte-Lassen-Schule wurden alle Klassen der gesamten dritten Mittelschule vom Museumsberg in die Käte-Lassen-Schule zur Mommsenstraße 45 verlegt. Damit war die Schule glücklicherweise ganz nah zu Einar gekommen!

Einars Freizeit gehörte dem Segelsport

Die Tanzstunde hatte Einar neben der Nikolai-Kirche bei Jule Carstensen absolviert. Sein ganzes Interesse aber galt dem Segeln beim Flensburger Segel-Club.
Das Boot seines Vaters lag in Glücksburg. Bei Rasmussens wurde jedes Wochenende zu viert in Familie gesegelt! Vater, Mutter und die beiden Söhne. Einar erinnert sich noch genau an den weiten Weg, der bergauf bergab im Zickzack zum Boot führte. Zunächst ging es mit dem Bus bis Solitüde.
Die Fördestraße gab es noch nicht. Dann ging es zu Fuß weiter durch die Kasernenanlagen in Meierwik und runter durch den Wald bis nach Quellental. Das damalige Café Quellental war beliebtes Anlaufziel.
In Rinkenis-Bucht kam
manchmal der König vorbei

Einar berichtet, dass die Familie von Glücksburg aus meistens fünf bis sechs Seemeilen bis nach Egernsund gesegelt und dort an den Brücken der Kümos festgemacht hat. Dort wurde an Bord übernachtet. Am Sonntag ging es mit dem Boot wieder zurück. Bei sehr gutem Wetter wurde auch mal in der Rinkenis-Bucht geankert. Wenn dann zufällig der König, Frederik IX. von Dänemark (1947-1972) mit seinem schicken kleinen Mahagoni-Motorboot vorbeikam, bekam er mit Vater Rasmussen immer mal einen kurzen Schnack. Als gebürtiger Gravensteiner Junge sprach er natürlich perfekt Dänisch. Weil König Frederik IX. nicht nur an Bord ganz normal ausgesehen, und in Gravenstein auf der Straße einen Kleppermantel getragen hat, fand Einar die Begegnungen mit dem König ziemlich seltsam. Die Verbindung zwischen Einars Vater und dem König war durch Einars Onkel, Peter Andersen in Gammelgab bei Broager entstanden. Der hatte die königlichen Pferde in Obhut. Wenn Ringreiten in Gravenstein war, spielten Einar und sein Bruder Hans-Henrik mit den jüngeren Königskindern. Das sei total locker gewesen. „Die waren wie wir!“ (Frederik IX. ist der Vater der heute amtierenden Königin Margarethe II.)

Zimmerer-Lehre, Bundeswehr und Studium

Einar machte seine 3jährige Zimmerer-Lehre im elterlichen Betrieb. Für ihn war es selbstverständlich, immer auf der Seite der Mitarbeiter zu stehen. Er gehörte zu denen. Und das sei immer sehr gut gelaufen.
Der Stammtisch war im Börsenkeller am Nordermarkt. Parkprobleme gab es kaum in der Innenstadt. So hatte Einar Vaters Transporter – ein VW-Pritschenwagen – in der Nähe des Börsenkellers geparkt. Etwas zu schlampig allerdings. Er hatte die Durchfahrt der Straßenbahn mit seinem Fahrzeug behindert. Daraufhin waren der Schaffner und einige Fahrgäste ausgestiegen, um den Pritschenwagen zur Seite zu heben. Einar packte kräftig mit an ohne zu sagen, dass er der Verursacher des Hindernisses gewesen ist.
Als nach Abschluss seiner Lehrzeit der Einberufungsbescheid zum Bund eingegangen war – Einar sollte nach Pinneberg – durfte er auf Anforderung des Flensburg Segel-Clubs seinen Dienst bei den Fernmeldern in Flensburg-Weiche antreten. Einar erinnert sich an eine glückliche Zeit. Er hatte ein Moped, auf dem er die über 10 Kilometer weite Strecke nach Weiche oftmals laut singend zurückgelegt hat. Das war auch seinen Kameraden und seinem Vorgesetzten aufgefallen. Die fanden das gut.
Anschließend hat Einar sein dreijähriges Studium zum Bauingenieur auf der Fachhochschule in Eckernförde absolviert. Für die auf ihn zukommenden Studienkosten hatte er während seiner Lehrzeit gespart und auch einen großen Teil seines Solds aufs Konto gebracht. Nur das erste Semester haben Einars Eltern finanziert. Schon während der Semesterferien konnte er als Student bei der Stadt im Tiefbauamt arbeiten. Nach Studienabschluss im Jahre 1970 bekam der junge Diplomingenieur im Tiefbauamt eine feste Anstellung!
Erschließungsplanungen quer durch Flensburg

Wenn Einar an seine aktive Zeit im Planungsamt (1971-1975) und beim Tiefbauamt bis 2008 zurückdenkt, war für ihn immer entscheidend, seine Heimatstadt Flensburg mitgestalten zu dürfen. Sein beruflicher Einstieg war die Planung „Sternenviertel“ auf der Grundlage des Bebauungsplans. Seine Aufgabe war die Bauzeichnung für die Straßen und Kanäle dieses Wohnviertels auf ehemals landwirtschaftlichen Flächen. In der neueren Zeit waren es die Baugebiete in Sünderup, Flensburg-Weiche und auch Gewerbegebiete wie Sophienhof und Westerallee. Spektakulärer hingegen waren die Osttangente, ZOB und Schiffbrücke. Am Beispiel der Osttangente bringt Einar seine emotionalen Gefühle in Erinnerung. Ihm ging es stets um das Verständnis für betroffene Bürger im Nahbereich, deren Ängste und Sorgen er sich angehört hat. Oftmals habe er sich gefragt, ob er sich selbst in gleicher Situation auch einen saftigen Protestbrief schreiben würde. Das Wichtigste für ihn sei das Gespräch mit den Betroffenen gewesen, um ihre Bedenken zu verstehen und die Menschen wirklich ernst zu nehmen. Er habe es immer geschafft, zu seinen Ansprechpartnern ein gutes Verhältnis aufzubauen – jeder aus seiner Sicht! Einar erklärt, dass die Planer die Aufgabe haben, unter den Gegebenheiten ein Optimum zu schaffen. Planen und wieder umplanen. Denn entscheidend sei die Politik, die ständig neue Voraussetzungen schaffen würde. Das typische Beispiel dafür sei die Osttangente gewesen: Mal vierspurig mit kreuzungsfreien Bauwerken, dann planungsgleiche Knotenpunkte mit Signalanlagen (wie heute).

Schon 1930 begannen die ersten Planungen für die
Osttangente

Einars Vater Hans Rasmussen war unter dem damaligen Stadtbaurat Martin als Bauingenieur tätig. Martin und seine Mitarbeiter im Tiefbauamt hatten schon die grobe Trasse um die Stadt abgeschritten. Der Radius war enger gefasst. Wegen des zweiten Weltkriegs kam es nicht zur Ausführung. Nach dem Krieg war Wiederaufbauzeit und eine Umgehungsstraße nicht wichtig.
Einar denkt mit Schrecken an das nach dem „Wehner-Plan“ vor 1970 angedachte Hochstraßensystem in der Innenstadt. Das war vor Einars Zeit. Als er seinen Arbeitsplatz bei der Stadt einnahm, waren die Pläne allerdings noch warm! Es sollte eine Hochstraße von der Neustadt sechs Meter über die Eisenbahnlinie bis runter zum Hafendamm und zur Schiffbrücke gebaut werden. Abgesehen von der zerstörerischen Kraft jeder ästhetischen Vorstellung wären die großräumigen Flächen für die Zu- und Abfahrt der Hochstraße zum zusätzlichen Ärgernis geworden. Einar sieht den Ring West- und Osttangente, der 70 bis 80 Jahre bis zu seiner Geburt gebraucht hat, heute für leistungsfähig. „Es ist gut so wie es heute ist“, sagt der Bauingenieur, dessen kompetentes Wissen auch im Ruhestand noch von der Stadt abgerufen wird.
Das Gespräch mit Einar Rasmussen
führte Renate Kleffel

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