Trauer ist keine Krankheit

| 28/02/2017

Nichts ist so endgültig wie der Abschied von einem Menschen, der stirbt. „Wer es nicht selbst erlebt, kann sich nicht vorstellen, was sich in einem trauernden Menschen abspielt“, sagt Claudia Toporski, Geschäftsführerin des ‚Katharinen Hospiz am Park‘ in der Flensburger Mühlenstraße. Sie berichtet von einer Frau, Jahrgang 55, die ihren Mann, der an Krebs erkrankt ist, eineinhalb Jahre begleitet. Ein ständiges Wechselbad der Gefühle, Bangen und Hoffen, schließlich der Tod des Partners. Während dieser Leidenszeit habe die Frau immer „funktioniert“, sei über die Grenzen ihrer Kräfte gegangen, dann der Absturz in „ein tiefes, schwarzes Loch“. So beschreiben es viele, die einen Lebenspartner, Verwandten, Freund oder verehrten Menschen verloren haben.

Die Psychologin Dr. Doris Wolf definiert die Phasen einer Trauer so:

  1. Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Der/die Trauernde steht unter Schock und bewegt sich wie in Trance.
  2. Phase der aufbrechenden Gefühle. Der/die Trauernde hat die Hoffnung aufgegeben, spürt den vollen Schmerz und die Verzweiflung. Der Körper ist völlig aus dem Gleichgewicht. Er/sie glaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Die Gedanken kreisen nur noch um den schmerzlichen Verlust. Das Leben „draußen“ erscheint wie ein Film.

Trauernde durchleben diese Anfangsphasen oft mehrere Jahre. Sie sind aber nur eine mögliche Erlebnisform. Es gibt auch Menschen, die das Trauma „wegzustecken“ scheinen, sich nach außen „normal“ verhalten, sich in die Arbeit oder den Haushalt stürzen. Die Umwelt, Freunde, Familie und Nachbarn reagieren verwundert, verständnislos bis anklagend. Man erwartet, dass der/die Betroffene die Trauer sichtbar auslebt. In unserer Eltern- und Großelterngeneration wurde erwartet, dass eine Witwe ein Jahr lang schwarz trägt als Zeichen der Trauer und Achtung vor dem Toten. Es war ein gesellschaftlich erwartetes Ritual, dessen Verstoß geächtet wurde. Die Ausgestaltung des Sarges, die Größe des Grabsteines, die Menge des Blumenschmucks standen symbolisch für den Respekt vor dem Toten und der „Größe“ der Trauer.

Die Rituale beginnen sich zu wandeln, die individuelle Verarbeitung des Verlustes eines Menschen, so stellt Claudia Topolski fest, hat sich dagegen kaum verändert.

Nach Dr. Wolfs Typologie der Trauerphasen folgt nun oft

  1. Phase der langsamen Neuorientierung. Der/die Trauernde beginnt sich wieder nach außen zu orientieren, kann sich an etwas erfreuen. Trauer und Hadern lassen langsam nach. Aber immer noch bestimmen Stimmungsschwankungen den Alltag.
  2. Phase des neuen Gleichgewichtes. Man empfindet zuweilen immer noch Wehmut, aber der Blick ist wieder in die Zukunft gerichtet.

Diese Trauerbewältigung mag die Norm sein, gilt jedoch nicht für alle Menschen. Vielen gelingt es aus eigener Kraft nicht, sich aus dem „tiefen, schwarzen Loch“ zu befreien. Der logische Schritt wäre, sich Hilfe bei Familie, Freunden oder Nachbarn zu holen. Aber Gefühle folgen nur selten der Logik. Oft ist es Scham, die verhindert, anderen Menschen die Tür zur eigenen Gefühlswelt zu öffnen. Scham, dass man Schwäche eingesteht, nicht vermag, das Leben in den Griff zu bekommen. Scham aber auch, wenn man keine typischen Trauermerkmale nach außen trägt, den gesellschaftlichen Erwartungen an einen Trauernden nicht gerecht zu werden glaubt.

Trauer muss gelebt werden

Nur wenige Menschen sind dem Tod und der nachfolgenden Trauer so nahe wie die Mitarbeiter des ‚Katharinen Hospiz‘. Seit 25 Jahren bemühen sie sich „das Sterben und die Trauer ein Stück erträglicher zu machen und diese Themen in das Leben und in unsere Gesellschaft zu integrieren“.

Das Hospiz wurde auf Initiative von Wiebke Thomsen, damals Leiterin des Pflegedienstes der Diakonissenanstalt Flensburg, gegründet. Heute sind DIAKO (evangelisch) und das St. Franziskus-Hospital (katholisch) Träger des Hospizes.

Die Mitarbeiter des ‚Katharinen Hospiz am Park‘ bieten schwerstkranken, sterbenden und trauernden Menschen eine umfassende Begleitung und Unterstützung an. Dies beschreibt in kürzester Form das Ziel der Arbeit in der Mühlenstraße. Hinter dem Leitgedanken verbirgt sich ein umfangreiches Paket von Angeboten und Leistungen, ambulante wie stationäre Hospiz-, Palliativberatung und -betreuung, Leistungen also für schwer kranke und sterbende Menschen und deren Angehörige. Die Trauerberatung ist ein wesentlicher Teil des seit 25 Jahren aktiven Dienstes.

„Trauerwege sind Lebenswege“ sagen die drei hauptamtlichen und elf ehrenamtlichen Trauerbegleiter. Jeder Betroffene kann sich an die Trauerberatung des Hospizes wenden, auch lange nach dem Verlust des Partners, Freundes, Familienmitgliedes. Nicht selten, so berichtet Claudia Toporski, kommt die Trauer nach Jahrzehnten bei den Betroffenen hoch, nachdem sie verdrängt und vergessen geglaubt wurde. Auch dann wird Hilfe gewährt, kostenlos übrigens.

Da Trauer unterschiedlich erlebt wird und verarbeitet werden kann, passen sich die Angebote den Bedürfnissen an. Zu Beginn steht eine persönliche Beratung, in der besprochen wird, welches Angebot für den Betroffenen die bestmögliche Hilfe leisten kann. Möglich ist eine Einzelberatung und -begleitung, die in der Regel 8-mal erfolgt. Oft ist das schon der Schlüssel, um die Trauer bewältigen zu können.

Danach kann bei Bedarf eine geschlossene Trauergruppe weiterhelfen, in der sich Menschen mit ähnlichem Schicksal austauschen können. Auch hier trifft man sich in der Regel 8-mal. Es werden allerdings auch offene Trauergruppen, d. h. ohne festes Schema, angeboten oder das „Lebenscafé“, das jeden 1. Sonntag im Monat zum Austausch einlädt. Ein besonderes Angebot ist „Die offene Trauergruppe in der Natur“. Jeden 3. Sonntag im Monat treffen sich Menschen, die einen Verlust erlitten haben, für drei Stunden mit Allwetterkleidung und Trinkbecher und verleben einen gemeinsamen Nachmittag mit Gesprächen in der freien Natur. Alle Veranstaltungen werden durch geschulte Betreuer begleitet. Dabei werden, so die Teilnehmer, Texte gelesen, Lieder gesungen, Tee getrunken, gelacht und geweint. Es wird über die Verstorbenen geredet, Erfahrungen besprochen und Erlebnisse geteilt.

Die Erfahrungen der Begleiter sagen, dass es für die Bewältigung der Trauer ein Zeitfenster gibt. „Trauernde spüren meist sehr gut, wenn sie wieder selbstbestimmt und ohne professionelle Unterstützung ihr Leben regeln können.“

Auch Kinder trauern –

aber anders

Einer besonderen Herausforderung haben sich die Trauerbegleiter des Hospizes mit der Betreuung von Kindern gestellt, die einen Elternteil oder Geschwister verloren haben. Kinder entwickeln ganz eigene Strategien, mit solchen Verlusten umzugehen, berichtet Claudia Toporski. Sie verarbeiten oft spielerisch das Trauma des Verlustes. Das wird von vielen Erwachsenen, voran den Eltern, nicht immer richtig gedeutet und unterstützt. Kinder zwischen 6 und 13 bekommen vom Katharinen-Hospiz Hilfe auf ganz besondere Weise. Zuhause oder in der Gruppe treffen sie sich und verarbeiten gemeinsam über ein Jahr verteilt ihre Trauer. Rituale spielen hier eine große Rolle. Zu Beginn etwa gestalten sie eine Kerze für die Verstorbenen, ein Ritual, dass wir aus Beileidsbekundungen für die Opfer von Gewalttaten oder Unfällen gut kennen. Später kommen andere Gestaltungsrituale dazu, etwa eine „Schatzkiste“ mit Erinnerungsstücken des Verstorbenen oder eine „Lebensbühne“, auf der schöne und traurige Zeiten inszeniert werden. All diese Aktivitäten ersetzen das, was Kinder in der Regel zuhause nicht tun, nämlich über ihren Verlust reden. Kinder, so Claudia Toporski „werden auf diesem Weg der Trauerverarbeitung oft erwachsen“.

Jetzt plant das Hospiz eine Erweiterung seines Angebotes, Trauerbearbeitung für Jugendliche zwischen 15 und 20. Sie sind für Einzel- oder Gruppenberatung besonders schwer zu erreichen. Die Lösung aus Sicht der Mitarbeiter:  Ein Anfangsgespräch mit den Betroffenen und dann ein Online-Angebot in Form etwa eines Blogs, mit dem sich die jungen Leute zeitgemäß über ihre Empfindungen austauschen können, verbunden mit einer professionellen Begleitung.

Ohne Hilfe keine Hilfe

Die Trauerarbeit des Katharinen-Hospizes braucht professionelle hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter und sie braucht Geld. Während die traditionelle Hospizbetreuung durch die Krankenkassen mitfinanziert wird, ist die Betreuung der trauernden Angehörigen auf Spenden angewiesen. Eine halbe Million Euro jährlich müssen durch Zuwendungen von Privatpersonen und Unternehmen, einem Förderverein und einer Stiftung aufgebracht werden. Ansonsten „können wir Angebote wie ambulante Dienste und Trauerbegleitung kaum aufrechterhalten“, macht Elke von Hassel, die Vorsitzende des Fördervereins, deutlich.

Den Apell haben in der Vergangenheit viele gehört und haben sich engagiert. Die Mitglieder des Fördervereins werben nicht nur um Spenden, sondern sind vielfach als ehrenamtliche Mitarbeiter direkt tätig. Ohne sie wäre weder die klassische Hospiz- und Palliativarbeit, noch die Trauerbegleitung langfristig zu sichern. Trotz der massiven zeitlichen und emotionalen Belastung sagen sie aber auch: „Es ist eine intensive, bereichernde Arbeit.“

Jeder, der den Verlust eines Nahestehenden erlebt hat, wird das kleine Gedicht der Dichterin, Autorin und Kabarettistin Mascha Kaleko (*1907, †1975) nachempfinden können.

„Vor meinem eigenen Tod 

ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, 

wenn sie nicht mehr da sind.

Allein im Leben tast ich todentlang

Und lass mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb 

so wie das Bleiben,

Er weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr;

Und die es trugen, mögen es vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, 

den stirbt man nur,

doch mit dem Tod der andern 

muss man leben.“

Bericht: Dieter Wilhelmy 

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