Zwischen Glücksburg und Flensburg

| 25/11/2016

„Nichts darf mir egal sein“, ist Mahlers Grundeinstellung. Der Kinderarzt im Ruhestand hatte schon immer Visionen. Er legt den Finger in offene Wunden – gemeint sind Unterlassungssünden und Missstände im sonst so schönen Glücksburg. Mahler will seine kleine Stadt aus dem Dornrös-
chenschlaf erwecken und dazu beitragen, sie regional und überregional unverwechselbar zu machen. Er setzt seine Ideen oftmals spontan um. Mal als Einzelkämpfer – am liebsten aber an der Seite von Mitstreitern – natürlich im Einklang mit der Stadt Glücksburg! Einige Projekte sind im Kurpark sichtbar und auf kleinen Grünplätzen und an Gehwegen. Über einige seiner Aktionen soll hier berichtet werden.
Als evangelischer Christ hat sich Mahler längst auch Gedanken darüber gemacht, wie der christliche Glaube in seiner Kirchengemeinde, in der Auferstehungskirche Glücksburg, ein Stück lebendiger gestaltet werden könnte.
Anlässlich des bevorstehenden Weihnachtsfestes legt er uns ein „Drehbuch“ über eine von ihm 2006 verfasste Weihnachtsgeschichte vor, die sich während eines Familiengottesdienstes am heiligen Abend in Glücksburg abgespielt haben könnte.

Hans-Hartmut Mahler, in
dritter Generation Mediziner

Großvater Dr. Andreas Mahler, Jahrgang 1867, gründete und leitete als Chefarzt die Klinik der Inneren Mission in Breklum; ein Krankenhaus für Innere Krankheiten und Nervenleiden. Angedacht war ursprünglich, an diesem Standort ein Sanatorium für aus Indien heimkehrende Missionare zu eröffnen. Später im Ruhestand praktizierte der ehemalige Chefarzt noch über zwei Jahre in Flensburg in der Neustadt. Sein Kliniknachfolger wurde Sohn Peter, Jahrgang 1898. Der erweiterte das Haus in Breklum und eröffnete parallel dazu in Bred-
stedt eine Praxis für Allgemeinmedizin. Dr. Peter Mahler ist der Vater unseres Chronisten Hans-Hartmut Mahler.

Unter vier Geschwistern in Bredstedt aufgewachsen

Hans-Hartmut Mahler denkt an eine glückliche Kindheit zurück. Er war einer der fünf Mahler-Kinder. Vier haben Medizin studiert. Die jüngste Schwester ist Lehrerin geworden.
Dr. Peter Mahler hatte im Jahre 1935 – also bereits drei Jahre vor Hans-Hartmuts Geburt – eine der lautstarken Hitler-Reden mit den Worten „Dieser Mann will Krieg!“ unmissverständlich gedeutet! Und weil der Vater davon überzeugt war, dass es den Bauern in Kriegszeiten besser geht als allen anderen, kaufte er 7 Hektar Land. Er schaffte Kühe, Schweine und Geflügel an und setzte einen Verwalter ein. In der Küche halfen depressive Langzeitpatienten und Alkoholabhängige. Die Hausfrau hörte sich zwischen Herd und ihren spielenden Kindern die Geschichten der Patienten an. Künstler verkehrten im Haus. Hans-Hartmut erinnert sich an die schönen Stunden, wenn einige der Gäste auf Großvaters Steinway-Flügel spielten. Nach eigener Darstellung war Hans-Hartmut das „Schwarze Schaf“ in der Familie. Er gehörte einer Jungensbande an und betrieb Höhlenbau. Im Gegensatz dazu galt er mit seinen eigenen Vorstellungen die natürlich nicht immer den schulischen Gegebenheiten entsprachen als versponnen. Seine Neigung zum künstlerisch Kreativen und zum Musizieren spielen in seinem Leben bis heute eine große Rolle. Hans-Hartmut hat 50 Jahre im Posaunenchor Trompete und später Zugposaune gespielt.

1981 eröffnet Mahler seine Kinderarztpraxis im
Ärztehaus in der Neustadt

Nach Promotion und Staatsexamen in Kiel, nach seiner Zeit als Ober-
stabsarzt bei der 3. Schnellbootflottille, nach zweijähriger Assistentenzeit (PJ) an der Diako, Wehrdienst beim Bund und Fachausbildung zum Kinderarzt in Uelzen und Heide, eröffnete Hans-Hartmut Mahler eine Kinderarztpraxis in der Neustadt. Damit war er der erste niedergelassene Kinderarzt im Norden Flensburgs. Seine kleinen Patienten und Patientinnen, die Heranwachsenden und Jugendlichen unter ihnen stammten zum großen Teil aus kinderreichen Familien. Fünf bis sechs Kinder waren nichts Ungewöhnliches und deren wirtschaftliche Verhältnisse zum Teil armselig. Die Eltern waren wenig präsent. Die Väter arbeiteten auf der Werft oder waren arbeitslos. Die Mütter gingen bei Danfoss einer Beschäftigung nach. Die Alten hielten die Familie zusammen. Glücklich konnte sich preisen, wo die Großmutter zur Stelle war! Mahler erinnert sich in vielen Fällen, mehr mit familiären, schulischen und Eheproblemen zu tun gehabt zu haben als mit reiner ärztlichen Betreuung. Die vielen türkischen Kinder, mit denen er sehr gut zurechtgekommen ist, waren zunächst in Begleitung von Vater und Mutter gekommen. Der Vater wollte sich erst einmal davon überzeugen, was das denn für einer ist, dieser Kinderarzt. Bei späteren Besuchen wurden die kleinen Patienten von der Mutter oder von den älteren Geschwistern begleitet. Mahler musste oft feststellen, dass diese Familien im Allgemeinen besser strukturiert waren als unsere sozialschwierigen. Die Russlanddeutschen waren sehr zuverlässig, wenn auch recht altmodisch. Sie kamen mit gepflegten, braven Kindern in die Praxis. Die Mädchen trugen Haarschleifen und Zöpfe. Mahler war bemüht, möglichst jedes Kind in seiner Muttersprache anzusprechen. Er hat Türkisch gelernt und sich in einigen anderen Sprachen geübt. Kroatisch zu lernen, hat er zu seinem Bedauern nicht geschafft. Später traten auch die älteren Geschwister von Migrantenkindern zum Dolmetschen auf. Bei verhaltensgestörten Kindern mit psychischen Problemen wie z. B. Bettnässen oder Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) aber wären die Geschwisterkinder überfordert gewesen. Wenn es allein ums Kindeswohl ging, suchte Mahler die nötigen Ansprechpartner auch unter den Lehrern. Lösungen auf diesem Weg zu finden, war ihm manchmal wichtiger als Datenschutz.
Durch den kinderärztlichen Notdienst in anderen Stadtteilen Flensburgs hatte Mahler besonders in Mürwik und auf der Westlichen Höhe den Vergleich ziehen können, dass er in der Neustadt im Armenhaus Flensburgs praktizierte. So war die damalige Situation. Aber, er habe dort gern gearbeitet.

Lehrbeauftragter an der
Pädagogischen Hochschule (PH)

Über sechs Jahre hat Mahler neben seiner Praxis als Lehrbeauftragter an der PH in Flensburg Vorlesungen gehalten. Seine Themen kreisten um „die körperliche und seelische Entwicklung des Kleinkindes“. Das in den 1980er Jahren – ausgerechnet während der großen Handarbeiten- Häkel- und Strickwelle. Wo sich Frauen in Klassenräumen und Hörsälen niederließen, klapperten Stricknadeln und rollten Wollknäule über die Tische. Diese Seuche hatte auch in der PH um sich gegriffen. Kaum eine unter den Studierenden konnte ihre Hände für wenige Augenblicke stillhalten. Dieses geschäftige Tun war Mahler ein Dorn im Auge. Er wünschte Aufmerksamkeit, erwartete lebendige Diskussionen. Er wollte, dass die Studierenden den Stoff begreifen und sprach Strickverbot während seiner Vorlesungen aus!

Wohnen auf dem Thingplatz in Glücksburg

Hans-Hartmuts Vater, Peter Mahler hatte in den 1960er Jahren das Haus in der Siedlung am Thingplatz 26 gekauft. Vierzehn Jahre später zog unser Chronist mit Ehefrau, drei Töchtern und einem Sohn ein. Die Kinder besuchten die Schule auf dem Kegelberg. Seit dieser Zeit engagiert sich Mahler ehrenamtlich für ein aufstrebendes Glücksburg.
Wie er betont, sei statistisch erwiesen, dass Glücksburg im Vergleich zu Flensburg noch in den 1960er und 1970er Jahren im Alterungsverlauf der Bewohner 10 Jahre voraus war.
Mahler war Gründungsmitglied und Vorsitzender des Seniorenbeirats. Der Beirat erwies sich später für Glücksburg als nicht mehr erforderlich. Es entstanden unter Dr. Rolf Glawischnig und der langjährigen Bürgervorsteherin Elke von Hassel Initiativen wie Reisen, Tanznachmittage und Vortragsreihen für ältere Bürger. Diese Veranstaltungen haben bis heute regen Zulauf, wenn inzwischen auch unter anderer Leitung!
Im Rahmen „Schönes Glücksburg“ holte Mahler in den 1980er Jahren die von dem Glücksburger Bildhauer und Zeichner Siegbert Amler gearbeiteten Schachfiguren aus dem Keller des Wellenbades wieder hervor. Dazu musste er im erweiterten Kurgarten das in den Rasen eingewachsene Schachbrett freilegen und neu beleben. Nach Jahren wurde das Schachspiel in den Kurgarten verlegt. Im Zuge der Belebung des Kurparks entstand auch ein Boule Platz. So dauerte es nicht lange bis sich eine Boule Gruppe gründete, die sich formlos an der neun Meter langen Sandbahn zum Spielen trifft. In Erfüllung des Programms „Schönes Glücksburg“ entstanden zirka 19 verschiedene Projekte. Kleine und größere Hingucker, wie z. B. das Projekt „Rotes Herz“ am Mühlenteich mit seinen vielen kleinen Anhängeschlössern.
Wo Mahler mit seinen Ideen zur Verschönerung von Glücksburg im Alleingang antritt, kann es auch passieren, dass er auf Widerstand bei Verwaltungen und auch bei der Bevölkerung trifft. So passierte es ihm auf dem Friedhof – mit Blick von der Bahnhofstraße auf die zwei knorrigen toten Eschen die wie Skulpturen in die Höhe ragen. Um die Phantasie der Betrachter anzuregen, schnitzte Mahler zwei Köpfe und setzte sie den Bäumen auf. Die Beschreibung zu seinem Kunstwerk hing in einem Glaskasten vor den Bäumen. Diese Kunstaktion war ein Zugeständnis des Kirchengemeinderats auf Probe. Pastor Norbert Siemen war auf Reaktionen aus der Gemeinde gespannt. Die kamen zwar nicht zahlreich, allerdings überwiegend kritisch. Ihn selbst hatte das Kunstwerk nicht überzeugt. Der Einspruch ließ nicht lange auf sich warten. Mahlers Köpfe wurden wieder entfernt.

Chronist Mahler
als Querdenker

Vor vier Wochen musste Mahler mit einer seiner zündenden Denkansätze zurückrudern. Es geht darum, dass er sich Sorgen um den großen Abstand zwischen Kanzel und theologischem Volksglauben macht. Diesen zu verkürzen ist seine Forderung. Dazu schrieb er zehn Punkte in einem von ihm benannten „Glücksburger Thesenpapier“ nieder, das er der Gemeinde am Reformationstag zur Diskussion vorlegen wollte. In diesem Thesenpapier bringt Mahler die Befürchtung zum Ausdruck, „dass nach fast 500 Jahren unsere Glaubensgemeinschaft – die Volkskirche in ihrem Bestand bedroht ist. In Sorge darum werden die Grundlagen neu ausgelegt.“ Zum Beispiel heißt es in Punkt Zwei seiner Thesen: Jesus ist als Mensch geboren und hat Gottes Geist in einem Maße empfangen, dass er in Worten und Handlungen wirken konnte, wie es in der Bibel beschrieben ist. Mahler erhofft sich zu seinem Thesenpapier – auch einige Wochen nach dem Reformationstag – eine lebendige Diskussion in seiner Kirchengemeinde.

„Zukunftsforum Glücksburg“ will Internationale Kunst in die Stadt holen

Die Idee, ein Zukunftsforum zu gründen, hatte Hans-Wolfgang Bracht. Er ist der Direktor der Firma Digikett in Glücksburg. Das „Zukunftsforum Glücksburg“ gründete sich aus Sorge um den derzeitigen ‚beklagenswerten’ Zustand um das Ostseeheilbad Glücksburg. Der Schuldenberg, der zunehmende Leerstand der Ladengeschäfte, das Zentrum des Ortes ein Parkplatz anstelle eines Marktplatzes, das geschlossene Intermar Hotel und vieles andere. Aus der Gruppe Stadtentwicklung, ursprünglich ein Organ der Stadtvertretung, ist eine neue Initiative entstanden. Unter dem Namen ‚Zukunftsforum’ entwickeln Bürger ein Gesamtkonzept für Glückburg. Eine neue Identität soll den Ort bekannter machen, neue und viele Besucher anlocken und die Saison für Touristen verlängern sowohl im Frühjahr wie auch im Herbst.

Was ist angedacht
und geplant?

Unter breiter Mitwirkung der Bevölkerung soll aus dem Leerstand der Einzelhandelsgeschäfte eine Kette von Galerien entstehen. Künstler (Maler, Bildhauer und andere) stellen ihre Werke aus und schaffen neue in den Räumen, bieten Seminare zum Mitmachen an oder führen die Besucher in ihr Kunstverständnis ein.
Der Besucher kann mit einem besonderen Stadtplan die Galerien aufsuchen und sich im Anschluss in einem speziellen Café zu Meinungsaustausch und Erholung einfinden.
Die Künstler sollen überregional bekannt sein und jeweils 2 – 3 Monate ihre Ausstellung betreuen. Der Name der verbundenen Galerien wird „Internationale Kunst Glücksburg“ (IKG) heißen. Eine weitere Gruppe wird sich mit Stadtgestaltung, Bauleitplanung und Stadtbild beschäftigen und Einfluss nehmen auf Glücksburg von morgen. Eine dritte Gruppe hat Ziele für Nachhaltigkeit im Natur- und Umweltschutz im Auge. Der Verein „Schönes Glücksburg“ wird die hier genannten Ziele unterstützen. Alle Einwohner sollen sich angesprochen fühlen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitmachen und mitgestalten. Sie könnten Quartiere für Künstler bereitstellen und die Galerien betreuen. Die Vernissage ist zum 1. Mai 2017 angedacht.
Unter dem Vorsitz von H. W. Bracht engagieren sich im Zukunftsforum Glücksburg H.H. Mahler, M. Weiß, U. Bohr und W. Kiwitt.

Weihnachten bei Mahlers

Am Ende unseres Gesprächs berichtete Mahler, wie bei ihm zu Hause der heilige Abend nach hundertjähriger Familientradition mit Kindern und Enkelkindern gestaltet wird: Eines der Kinder führt die Familie mit einem Licht in das geschmückte Weihnachtszimmer. Wenn alle um den Baum versammelt sind, trägt die älteste Enkelin (sie ist heute 17 Jahre alt) die Weihnachtsgeschichte vor. Danach werden die Geschenke verteilt. Damit jeder an der Freude des Anderen teilhaben kann, werden die Päckchen nie gleichzeitig geöffnet. Wenn die Bescherung zu Ende ist wird gemeinsam gegessen. Traditionell gibt es seit über hundert Jahren bei Mahlers am heiligen Abend Deutsches Beefsteak aus Rinderhack mit Ei und kleinen braunen Zwiebeln. Dazu werden Prinzessböhnchen und Kartoffeln gereicht. Zum Nachtisch gibt es Eis!
Dann ist es schon Zeit für den Weihnachtsgottesdienst, an dem die Mahlers geschlossen teilnehmen. Und weil Pastor Norbert Siemen am 24. Dezember Geburtstag hat, wird ihm im Anschluss an den Gottesdienst draußen am Ausgang vom Kirchenchor und den Gemeindemitgliedern ein Ständchen gebracht. Alle singen gemeinsam!
Wenn die Kirchenbesucher dann nach Hause gehen, feiern die Mahlers nach alter Tradition mit befreundeten Ehepaaren zu Hause weiter. Ebenso wie die Heilige Nacht früher mit Mahlers Kindern abgelaufen ist, dürfen die Enkel heute so lange wie sie möchten aufbleiben. Das Besondere dabei ist, dass sie ihr Schlaflager je nach Belieben im ganzen Haus aufschlagen dürfen.
Am 1. Weihnachtstag findet die traditionelle Filmvorführung aus dem vorjährigen Weihnachtsfest der Familie Mahler statt. Das Drehbuch dazu hat eine der Mahler-Töchter geschrieben. Favorisiert sind Märchenstücke. Rund 18 Familienmitglieder nehmen aktiv an den Dreharbeiten teil. Entscheidend dabei ist die Freude am Spiel – nicht allein die Aufmachung der Kostüme. Einer der Enkel (23), hat den Film vom Vorjahr geschnitten und führt ihn vor.

Das Gespräch mit Hans-Hartmut
Mahler führte Renate Kleffel

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