Erfolgsgeschichten von Integration (55)

| 25/11/2016

In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.

Julia Döring kommt
aus Weißrussland

Zum Jahresende 2016 präsentieren wir unseren Leserinnen und Lesern die 55. Folge dieser Artikelserie. Soll heißen: An dieser Stelle haben wir bereits 54 Migrantenschicksale einzelner Menschen beschrieben und über deren Integrationsbemühungen berichtet. Damit haben wir sie in ihrer Persönlichkeit aus der Anonymität der Zugewanderten herausgeholt und Beispiele von gelungener Integration aufgezeigt.
Mit unserer heutigen Interviewpartnerin Julia Döring feiern wir insofern eine Premiere, als wir die gebürtige Weißrussin nach vier Jahren zum zweiten Mal in dieser Artikelserie zu Wort kommen lassen. Wir schreiben die Fortsetzung ihrer Erfolgsgeschichte von Integration fort, indem wir Julia als Kommunalpolitikerin und Ratsfrau im Ehrenamt bei „Bündnis 90/Die Grünen“ und in ihrer beruflichen Tätigkeit als ‚Projektleiterin Campusmanagementsystem’ an der Hochschule Flensburg vorstellen dürfen.
Als sich im Jahre 2000 die damals 25jährige Weißrussin Julia Kashynskaya und Jens Döring auf dem Standesamt in Flensburg Das „Ja-Wort“ gaben, besaß sie einen weißrussischen Pass und eine Arbeitserlaubnis für Deutschland. Julia sprach noch kein Wort Deutsch – nur Russisch und Englisch. Es war eine Liebesheirat, für die sie in Minsk eine große wissenschaftliche Karriere aufgegeben hat. Zu der Zeit leitete sie die Internationale Abteilung im „Nationalen Zentrum für Rechtliche Informatik“. Parallel dazu war sie Dozentin für Rechtsinformation an der „Belorussischen Staatlichen Universität“(BSU), Minsk. Julia hatte gemeinsam mit ihrem Vater (Lehrstuhlinhaber) den Studiengang „Rechtsinformatik für Jura“ entwickelt und dort zwei Jahre studiert und gleichzeitig gelehrt.
In Deutschland angekommen, erlernte Julia die deutsche Sprache in einem atemberaubenden Tempo, fegte den Einbürgerungstest in drei Minuten vom Tisch und tauschte ihren belorussischen Reisepass gegen ihren deutschen Pass ein. Aufgrund ihrer Arbeitserlaubnis betätigte sie sich als Informatikerin und ließ neben Familie, Erziehung ihrer zwei Töchter, keine Möglichkeit aus, Weiterbildungszertifikate und Qualifizierungen in Wirtschaft und Wissenschaft zu erarbeiten.

Wie Julia in die Politik
gekommen ist und
ihre Vorbilder

Julia war von August 2011 bis Ende 2012 als Koordinatorin bei der Stadt Flensburg beschäftigt. „Koordinierung“ war der Arbeitstitel in dem Aufgabengebiet Projektmanagement, Öffentlichkeits- und konzeptionelle Projekt- und Netzwerkarbeit im Bildungsbereich. Ihr war bewusst, dass sie bei dieser Beschäftigung, so interessant sie auch ist, eigentlich nur ausführendes Organ innerhalb der Bürokratie war. Ideengeber für den Inhalt sind die Politiker. Diese Erkenntnis machte Julia nachdenklich. Nachdem sie 2013 an einem Seminar von Verena Balve mit dem Titel „Frauen in der Politik auf Kommunalebene“ teilgenommen hatte, wurde ihr die Diskrepanz zwischen Politik und Rathausangestellten bis rauf zu den Fachbereichsleitern sehr deutlich. Julia bemängelte, dass die Politik bestimmte Inhalte ihrer Beschlüsse nicht präzise genug an die Verwaltung vermittelt. Als Rathausangestellte wollte sie die politischen Aufträge besser verstehen. Mit dem Hintergrundwissen aus ihrer Projektarbeit – als Mathematikerin ist Analyse ihre Stärke – wollte sie umsetzen was sie gelernt hat. Sie wollte ihre eigenen Erfahrungen nicht nur als berufstätige Mutter, auch stellvertretend für andere Mütter vom Kindergarten bis zur Grundschule aufwärts, einbringen. Sie war voll von der Idee beseelt, dass was im Bildungsbereich angestoßen und auf Eis gelegt worden ist, aufzugreifen und wiederzubeleben. Als im Februar 2013 die Liste für die im Mai bevorstehende Kommunalwahl aufgestellt werden sollte, verschaffte sich Julia alle Infos über das Programm der „Grünen“. Weil das noch nicht fest stand bot sie an – obwohl sie noch kein Parteimitglied war – das beabsichtigte Zehn-Punkteprogramm in gestraffter Form mitzugestalten.
Meine Frage, ob sich Julia durch Vorbilder – ich dachte an Politikerinnen und Politiker mit Migrationshintergrund – auf den Weg in die Politik gemacht hat, verneint sie. Als Grüne Kommunalpolitikerin wollte sie für alle Flensburgerinnen und Flensburger da sein – selbstverständlich auch für diejenigen, die noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Besonders für diese Bevölkerungsgruppe, aber auch für alle Anderen sei es ungeheuer wichtig, dass die Kinder auch nachmittags qualitative Kindergarten- und Schulbetreuung bekommen, damit auch die Mütter zur Arbeit gehen können. Das gilt auch während der Schulferien! Julia bezieht sich auf das Zehn-Punkteprogramm der „Grünen“ und hebt die Wichtigkeit der schulischen Bildung unserer Kinder ganz besonders hervor! Julia spricht von ihrer aktuellen Baustelle: Der Bildungsausschuss der Stadt befasst sich mit der Schulkinderbetreuung. Die Stadt hat das Konzept dafür aufgestellt. Die „Grünen“ fordern, dass Eltern und Schulleitung gemeinsam mit der Stadt dem Anbieter gegenüber Mitspracherecht haben, wobei alle Interessensgruppen berücksichtigt werden sollten. Diese Forderung gilt für alle Grundschulen von der 1. bis 4. Klasse. Die dänischen Schulen haben ein anderes System. Julia erklärt, dass jetzt die Verwaltung ’am Ball ist’. Sie muss ein ausschreibungsreifes Konzept verfassen, das Anfang 2017 steht ,damit die Eltern Planungssicherheit haben.
Julias Vorbilder sind Frauen, die für die Stadt Flensburg etwas bewirkt haben. Frauen wie unsere amtierende Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar, die Fraktionsvorsitzende der ‚Grünen’ Ellen Kittel-Wegner, die Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Flensburg Verena Balve und natürlich Simone Lange, Landtagsabgeordnete und designierte Oberbürgermeisterin!

Die Schulen bekommen eine bessere IT-Ausstattung

Julia zeigt sich mit dem Beschluss der Kommune zufrieden, eine bessere IT-Ausstattung für die von der Stadt verwalteten Schulen bereitzustellen. Es geht um die Anschaffung von Computern und Internetanschlüssen nach Mindeststandard, die zentral betreut werden. Die Gelder kommen vom Land und von der Kommune. Der Start dafür ist 2017! Julia ist dankbar, dass die Stadt Flensburg eine gute IT-Abteilung unterhält, die sich zentral um einheitliche Lösungen für die Schulen kümmern wird.

Über einen Erfolg ganz
anderer Art freuen sich
Julia und die anderen
„Grünen“ Frauen

Die „Grünen“ Frauen haben im Campusbad Flensburg einen Damen- und einen Herrensaunatag durchgesetzt. Die geschlechtergetrennten Saunatage werden einmal pro Monat angeboten und laufen bereits. Julia bittet nun alle an diesem Projekt Interessierten, dieses Angebot auch anzunehmen, damit es nicht eines Tages wegen Leerlaufs, wieder gestrichen wird.
Julia nennt einige Beispiele mehr aus der kommunalen Tagespolitik, bei denen sie sich wünschen würde, dass sich die Flensburger informieren und ihre Rechte fordern, bevor Beschlüsse abgesegnet werden. Sie wünscht sich sachliche Diskussionen fernab von theatralischer Scharfmacherei durch Unwissenheit und Ignoranz. Sie möchte den Flensburgern aufzeigen, dass sie sich informieren müssen und ihre Rechte einfordern sollen.
Julia wünscht sich für Flensburg ein „Haus der Kulturen“. Nach ihren Vorstellungen sollte es in Flensburg ein „Haus der Kulturen“ geben, in dem Flensburger Bürger unterschiedlicher Kulturen zeitgleich und parallel unter einem Dach, aber in eigenen Räumlichkeiten zusammenkommen. Da könnte es muttersprachliche Lesungen geben, kleine Sprachkurse, Musik- und Theatervorstellungen und Kindernachmittage. Das Haus sollte zentral liegen und zu Fuß und per Fahrrad erreichbar sein. Bei der Suche nach entsprechenden Räumlichkeiten stellt sich Julia auch leerstehende, ungenutzte Gebäude wie Schulen oder ein Kirchengemeindehaus vor.

Ihren Broterwerb hat Julia an der Hochschule Flensburg

Julia ist Dipl.-Informatikerin. Sie ist an der Hochschule Flensburg als Leiterin des Campusmanagementsystems in Vollzeitbeschäftigung. An ihrem Arbeitsplatz laufen alle Fäden des gesamten Hochschulapparats zusammen. Damit hat sie ein Fünf-Sterne Management zu bewältigen – oder auch mehr! Julia lacht: „Diesen Job habe ich über meine Qualifikation bekommen, nicht weil ich Migrantin bin!“

Das Gespräch mit Julia Döring
führte Renate Kleffel

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