„Drei kleine Welten in einer großen“ – Dänische Krippe wächst

| 25/11/2016

Ringvejens Vuggestue in Adelby hat gerade ihren Bau erweitert – auch um Technik. Nun finden 20 weitere Kinder Platz in der dänischen Krippe. Woher kommt der hohe Zulauf und was zeichnet ihre Arbeit aus?

Wenn die Kinder ab 7 Uhr in die Krippe gebracht werden, nehmen sie den einen von drei Gebäudeeingängen, der sie direkt zu ihren Räumen führt. Zwei Gruppen à zehn Kinder teilen sich diesen Eingang und die Garderobe zwischen ihren nebeneinanderliegenden Stuben. Neben der Tür hängt ein Touchscreen, auf dem sich die Kinder selbst anmelden können.
Mit dem Erweiterungsbau haben Leiterin Jette Rasmussen und ihre Kollegen für mehr Platz und Struktur gesorgt. Das kommt den kleinen Besuchern zugute: Sie durchlaufen zwei Altersgruppen und wechseln nun nur noch in den Nebenraum, anstatt sich an einen anderen Gang gewöhnen zu müssen. „Der Schritt auf die nächste Stufe ist nicht mehr so groß“, sagt Rasmussen. Um diese beiden Stuben kümmert sich ein fünfköpfiges Team, das Hand in Hand arbeitet und so den Kindern bei den Übergängen hilft. Seit dem Anbau gibt es drei dieser Zweiergruppen für insgesamt 60 Kinder. „Es sind drei kleine Welten in einer großen“, benennt es Rasmussen.

Morgenbrot

Wer vorm Frühstück in die Krippe gebracht wird, kann hier mit den anderen in der Mensa, dem gemeinsamen Raum zwischen den beiden Gängen, Morgenbrot einnehmen. Danach verteilen sich alle auf ihre Stuben, zu denen jeweils ein Ruheraum und ein Badezimmer gehören. Der jüngste Besucher ist knapp sieben Monate alt und das Angebot geht bis drei Jahre, bis sie in den Kindergarten wechseln.
Die Erweiterung des Gebäudes war nötig, weil die Wartelisten so lang sind. Der „alte“ Bau ist gerade mal zweieinhalb Jahre alt, doch die 40 Plätze reichten nicht aus. „Es fängt nun auch in Deutschland an, dass die Eltern früher arbeiten wollen“, erklärt Maria Messerschmidt, die Sous Chefin von Rasmussen. In Dänemark sei es üblich, einjährige Kinder in die Krippe zu geben. Nach einem Moment bekräftigt Messerschmidt ihren Eindruck: „Ich kenne gar keine Familie, in der die Kinder länger zu Hause bleiben.“ Doch jede Familie sei anders, sodass jeder für sich entscheiden müsse, was zu ihr passt.

Besprechungszeit

An jedem Morgen treffen sich Vertreter aus jedem Team, um die Lage zu besprechen. Die neu eingebaute Technik unterstützt sie dabei: Da sich jedes Kind bei der Ankunft ins System eingeloggt hat bzw. eingeloggt wurde, können die Mitarbeitenden auf einen Klick sehen, wie viele und welche Kinder anwesend sind. Jedes Kind hat seine eigene Stammkarte mit Foto und persönlichen Infos – etwa Ärzten oder besonderen Bedürfnissen. Auch wann und wer es später wieder abholt, sind zur Sicherheit eingetragen.
Ist ein Kind krank, können die Eltern von zu Hause aus auf das System zugreifen und ihr Kind abmelden – inklusive Symptomen. So bekommen die Mitarbeitenden früh mit, welche Krankheiten im Umlauf sind und womit sie rechnen müssen. Nachmittags können Eltern nachfragen, ob ihr Kind schon wach ist, oder die Mitarbeitenden können unkompliziert Erinnerungen schicken, wenn etwa die Windeln zur Neige gehen. Steht ein Termin wie das Laterne-Laufen an, kommen die Elternbriefe ganz leicht über das System. „So liegen keine losen Zettel mehr herum“, erzählt Rasmussen begeistert.

Sprache lernen

Für die Kommunikation sind ihnen zwei Dinge wichtig: Zum einen duzen sich generell alle, zum anderen sprechen sie Dänisch miteinander. Alle Pädagogen haben pflichtmäßig in Dänemark studiert und auch die Helfenden aus Deutschland sprechen Dänisch. Deutsch reden sie nur, wenn es absolut nötig ist. Das Kriterium für den Krippenplatz ist, dass mindestens ein Elternteil Dänisch spricht oder es lernt. „Viele sind daran interessiert und lernen es zusammen“, beobachtet Rasmussen. Auf Elternabenden sprechen sie ebenfalls nur Dänisch, übersetzen den Deutschsprachigen nur die wichtigsten Fakten. Erfahrungsgemäß freuen sich die Lernenden über jede Chance, die Sprache nach dem Kurs anzuwenden.
Wenn Kinder von Anfang an die Sprache lernen, legen sie damit die Basis für den dänischen Kindergarten und die Schule. Wer dabei mithalten und verstehen will, was der Nachwuchs tut, sollte mit ihnen in Sprache und die Kultur hineinwachsen – ein Projekt für die ganze Familie.
Rasmussen und Messerschmidt haben durch den Anbau ein neues Büro in der Mitte des Hauses gewonnen. Aus dem alten Büro ist ein Gesprächsraum entstanden, auf den die Mitarbeitenden lange gewartet haben. Dort steht kein Telefon, damit sie tatsächlich Ruhe zum Reden haben. Dorthin können sie sich mit den Eltern zurückziehen, etwa um über Erwartungen zu reden und sich besser kennenzulernen: Wie waren Schwangerschaft und Geburt? Was macht die Familie aus? Gibt es Essensunverträglichkeiten?

Selbstständig

Die Tage sind geprägt von Konstanten, damit die Kinder durch die Wiederholungen lernen. Zum Konzept gehört die Vermittlung nordischer Kultur, besonders merken sie das an den Bräuchen zu Weihnachten und Ostern. So stellen die Kinder in der Adventszeit Kekse für die Wichtel raus.
Die dänische Pädagogik setzt zudem auf Selbstständigkeit. Die kleinen Besucher werden miteinbezogen, helfen mit und lernen voneinander. Beim Essen laden sie sich selbst das Essen auf den Teller und beim Umzug in den neuen Gebäudeteil haben sie stolz die Kisten getragen. „Die Eltern sind oft überrascht, was ihre Kleinen schon können“, sagt Rasmussen. Auch die Kindergärten meldeten zurück, dass die Kinder aus der Krippe selbstständiger agierten.
Neben den vielen Kindern aus dänischen Familien entscheiden sich nun auch einige Deutsche für diesen Weg, zumal die Zweisprachigkeit attraktive Zukunftsperspektiven öffnet. Da alle Institutionen in Flensburg den gleichen Preis nehmen, können die Eltern frei und ohne Gelddruck entscheiden, welche Einrichtung und Pädagogik ihnen zusagt.

Mittagspause

Zur Mittagszeit nehmen alle Gruppen ein warmes Mittagessen in den Stuben ein, wofür die Eltern 40 EUR im Monat zahlen. Darüber hinaus können die Kinder freiwillig Obst mitbringen, das sie stolz verteilen. Die Mensa nutzen sie abwechselnd für Aktionen, weil nicht alle gleichzeitig hineinpassen. Beispielweise feiern beim großen Weihnachtsessen jeweils die Großen und die Kleinen zusammen. „Es ist gut, die anderen Leute im Haus zu sehen“, sagt Rasmussen.
Nach dem Essen legen sich die Kinder in Schlafwagen draußen schlafen – auch im Winter. Die Größeren, die kurz davorstehen, in den Kindergarten zu wechseln, schlafen drinnen oder verhalten sich über die Mittagspause leise. Jette Rasmussen zeichnet mit ihrem Arm eine Kurve nach. „Der Schlaf soll alles wieder runterfahren.“
Ausharren müssen auch die Eltern auf der langen Warteliste. Wie bei deutschen Krippen können Kinder erst angemeldet werden, wenn sie auf der Welt sind – dann sollten sie es aber auch. Nach den Sommerferien haben sie die meisten freien Plätze, weil durch den Schulanfang viele Kinder eine Stufe „hochrutschen“. Geschwisterkinder werden bevorzugt angenommen, ansonsten wird die Liste chronologisch abgearbeitet.
Bis 16 Uhr geöffnet

Viele Eltern wollten mehr über den Alltag erfahren und wissen, was ihre Kinder erleben und beschäftigt. Über einen Bildschirm im breiten Flur zeigen die Mitarbeitenden aktuelle Bilder und Videos aus den Gruppen. So ist nachvollziehbar, warum das Kind tagelang das gleiche Lied singt und wie der Tanz dazu aussieht.
Regelmäßig bespricht sich Rasmussen mit den anderen Krippenleitern der Gegend. „Wir haben alle die gleichen Probleme und können uns deswegen helfen.“ Bereitwillig tauschen sie Tipps aus und verleihen Spielzeug und Materialien. Und sie überlegen gemeinsam, wo welche Kinder am besten untergebracht wären. Denn viele, die auf Rasmussens Liste notiert sind, stehen auch auf x weiteren. In Zukunft will der Schulverein die Zahlen besser bündeln und verarbeiten, um reelle Zahlen zu erhalten.

Feierabend

Bis zum Jahresende soll alles fertig sein und die Mitarbeitenden freuen sich, wenn sie ihre Räume nicht mehr mit den Handwerkern teilen müssen. Auch, wenn diese rücksichtsvoll auf die Mittagsruhe der Kleinen auf der Terrasse geachtet haben. Während im Hintergrund orangefarbene Laternen den letzten Schliff bekommen, resümiert Rasmussen: „Wir haben so schöne Räume! Alle freuen sich, dass sie nun gestalten können.“
Bericht: Lisa Dauth
Fotos: Benjamin Nolte

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