Die neue Adresse maritimer Gastlichkeit

| 25/11/2016

Ein wenig stolprig der Name, nicht weniger die Geschichte des ehemaligen Hotels und Bordells an der Schiffbrücke, in der direkten Nachbarschaft des Oluf-Samson-Gangs.
Auf- und Niedergang mehrerer ‚Kulturen‘ hat der Gebäudekomplex in den über 160 Jahren seines Bestehens erlebt und gestaltet.
Zu Beginn war der Name Programm, „Kaysers Hof“. Doppeldeutig, weil nicht der amtierende Monarch als Namensgeber fungierte, sondern die Begründer des Etablissements mit dem vielversprechenden Namen. Wenn auch nicht Kaiser, so doch ein König, nämlich Friedrich VII von Dänemark, soll mit seiner dritten Frau, einer Gräfin Donner, dort mehrere Nächte verbracht haben. Ob die Betten zu hart waren oder das Frühstück nicht mundete? Zumindest nutzte das dänische Staatsoberhaupt in der Folge andere Übernachtungsangebote für seine Aufenthalte in Flensburg, etwa das Borgerforeningen. Auch der Gründer, Marcus Hinrich Kayser, hielt sich nicht lange mit der Gastronomie auf, sondern veräußerte das Anwesen an den „königlichen Militäretat“. Ab 1857 war der Kaysers Hof Sitz des zweiten dänischen Generalkommandos.
Nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 hätte „Kaysers Hof“ durchaus nochmals die Chance nutzen können, den fast gleichnamigen preußischen Monarchen zu beherbergen. Der weihte 1910 die Marineschule Mürwik ein. Genächtigt hat er an anderer Stelle.
So wurde nicht nur der Name, sondern auch dessen Bedeutung ein Opfer der Geschichte.

Vom Hotel zum Bordell

Noch standen die Mauern von ‚Kaysers Hof‘, doch die Nutzung des Gebäudekomplexes wandelte sich. Die Nähe zum Hafen, die Nachbarschaft des rot-belichteten Oluf-Samson-
Ganges boten andere Möglichkeiten. So wurde das Haus 1981 ein Bordell, neudeutsch ‚Eros-Center‘. Wem die ‚schnelle Nummer‘ im Oluf nicht ausreichte, konnte im nahen Etablissement liegend seine Bedürfnisse befriedigen, die er vorher im ‚Kontakthof‘ den ‚Damen‘ mitgeteilt hatte. Zwischenzeitlich hatten die Prostituierten im Oluf den von der Stadt wohlwollend begleiteten Plan, das Etablissement in Eigenregie zu übernehmen. Einig wurde man sich nicht, und so schritt der begonnene Zerfall fort. Den konnte auch eine Diskothek, die sich dort eingerichtet hatte, nicht aufhalten.
Schon 2006 hatte die Stadt Grünes Licht für einen Neubau gegeben. Ein Investor wurde gesucht. Der Unternehmer Kay-Uwe Jensen hob den Finger. 2008 stellte er einen Bauantrag, bezeichnete das Projekt als sein Lebenswerk und war sich sicher, dass „nach Fertigstellung des Komplexes das Hafengebiet eine andere, bessere Prägung erfahren würde“. Doch der Anlauf war zu kurz, der Sprung auch, Kay-Uwe Jensen ging pleite. Die Bank (NOSPA) hatte das Sanierungsobjekt an der Backe.
2014, als Journalisten den Komplex besuchen konnten, war aus dem überdachten Kontakthof ein Feuchtbiotop geworden. Nur Schimmel und Moos hielten die Steine des Gebäudes noch zusammen.
Aus dem kaiserlichen Hof war ein Hinterhof geworden, ein Schandfleck für die ansonsten überwiegend attraktive Hafenkulisse.

Von der Ruine zum Hotel

Es dauerte Jahre, bis Investoren das heiße Eisen anzupacken wagten, auch damit rechnen mussten, sich nach dem ersten Spatenstich zu verheben. Niemand wusste, was der feuchte Untergrund an Überraschungen bereithielt und, nicht zuletzt, die Denkmalschützer an Forderungen aufstellen würden. Die Ergebnisse konnten die Flensburger dann bei der Fahrt an der Hafenfront entlang erkennen. Keine Filmkulisse, sondern die mit Gerüsten aufrecht erhaltene Front des Gebäudes blieb als Erbe des ehemaligen Gebäudekomplexes erhalten.
Drei Flensburger Unternehmer, Hermann Höft, Bauunternehmer, Norbert Erichsen (FFG) und Boy Meesenburg, Baustoffhändler, wagten gemeinsam mit den Stadtplanern ‚Kaysers Hof‘ seiner ursprünglichen Nutzung zuzuführen.
Acht Gebäude wurden zu einem Ensemble vereint. Ein dickes Brett, das vor allem Bauunternehmer Höft zu bohren hatte.
„Die besonderen Herausforderungen bei diesem Objekt sind neben den ungünstigen Bodenverhältnissen, die eine Auffüllung im ehemaligen Hafenbereich erfordern, auch die für den Neubau notwendige, sehr aufwendige Tiefgründung und Wasserhaltung in Verbindung mit der Sanierung der Bestandsgebäude. Von der ehemaligen Schiffbrücke 34 blieb nach den Abrissarbeiten nur die straßenseitige Fassade erhalten, die mit einer Stahlabfangung während der Bauzeit fixiert werden muss.
Die Schiffbrücke 36 wurde bis auf das Erdgeschoss abgetragen und wird nun eins zu eins wieder aufgebaut. Besonders die Sanierung der Schiffbrücke 32 (Kaysers Hof) stellt eine große Herausforderung dar. Neben einem starken Befall mit Hausschwamm im Inneren des Gebäudes, der zum Verfall aller Holzbauteile geführt hat, ist auch die Fassade durch Feuchtigkeit und Salze stark beschädigt worden. Für die Sanierung werden die Außenwände mit einem Stahlkorsett fixiert, um dann alle Bestandsdecken abzubrechen, die nach der Sanierung der Fassade wieder als Stahlbetondecken eingebaut werden.“ Sagt`s und zieht das Projekt ungeachtet der Schwierigkeiten durch.
Um dem historischen Erbe gerecht zu werden, machte sich Unternehmer Höft auf die Suche nach der goldenen Kugel, die einst das Dach von ‚Kaysers Hof‘ zierte. In einer Halle in Oeversee wurde man fündig. Die Kugel, reif für die Schrottpresse.
Doch im Innern verbargen sich ungeahnte kleine Schätze. Briefumschläge mit dem Firmenstempel, Geldstücke, vergilbte Fotografien, Kriegsgeld und ein Gutschein der Stadt Flensburg über 50 Pfennig und weitere Kuriositäten. Eine Nachbildung der Kugel wird das Gebäude auch in Zukunft zieren, mit altem und neuem Inhalt. Das Jammern um fehlende Hotelplätze in der Stadt beförderte die Entscheidung, aus ‚Kaysers Hof‘ und den benachbarten Gebäuden wieder ein Hotel zu machen, auch wenn der Name auf der Strecke bleiben sollte. Die Erinnerung an ‚Kaysers Hof‘ war im Laufe der Jahrzehnte verblasst. Bei einer Umfrage landete der Gründungsname auf einem der hinteren Ränge. So wurde aus ‚Kaysers Hof‘ das ‚Hotel Hafen Flensburg‘.
Die unternehmerischen Schwergewichte der Stadt, Hermann Höft, Norbert Erichsen und Boy Meesenburg, packten ‚Butter bei die Fische‘. Nach Angaben der ‚Allgemeinen Hotel- und Gaststättenzeitung‘ fanden sie einen Sylter Hotelier, der das neue ‚Hotel Hafen Flensburg‘ professionell betreiben könnte, Jan Hendrik Rose.
Rose hatte schon die Gastronomie auf ‚der Insel‘ aufgemischt. Der in Geesthacht geborene und in Hamburg aufgewachsene Hotelfachwirt hat sich nicht nur in Sylt verliebt, sondern auch seine Chance als Unternehmer gesucht und gefunden. Aus dem Geschäftsführer des ‚Sylter Hahn‘ war 2001 sein Besitzer geworden. Aus dem biederen ‚Landhaus Rantum‘ machte er in der Folgezeit das ‚Coast‘, schick, aber nicht überkandidelt. Um die Gäste nicht nur zu bewirten, sondern auch nächtigen zu lassen, schuf er ein kleines Immobilienimperium mit 48 Wohneinheiten.
Hermann Höft arbeitet nicht zum ersten Mal mit den umtriebigen Syltern zusammen. Gemeinsam mit Sven Paulsen, dem Besitzer der Sylter Verkehrsgesellschaft, planten sie schon vor Jahren den ‚Lister Markt‘ mit einem Verbrauchermarkt und weiteren Geschäften zur Nahversorgung. Ein Projekt, das nach Verzögerungen jetzt in Gang gekommen ist.

**** Hotel

Wie schon auf Sylt, schuf die Interior-Designerin Ines Müller ein Konzept, das Historisches mit Modernem verbinden sollte. Die bis zu 55 qm großen Zimmer sind durch hellgraue und beige Farben und maritimes Design bestimmt. Auch beim Mobiliar hat man (nicht) gespart. Recyceltes Holz, verziert mit Natur- und Chrom-
elementen prägen die Einrichtung. Kein Zimmer gleicht dem anderen. Die Werbung für das Haus schwelgt in Superlativen.
„Zur Einrichtung aller Bäder gehören außerdem italienische Designfliesen in weißer Marmoroptik, neuartige Waschtische im Vintage-Look aus recyceltem Holz und Marmor sowie Lederspiegel und Ledergriffe.“
Daraus wird schon deutlich, an welche Zielgruppen sich das Haus wendet. Nicht nur die Zimmer, auch die Lobby mit einem Schiffstresen und die Weingalerie versprechen Hochwertiges, auch bei der Wahl der Gäste. Geschäftsleute, anspruchsvolle Städtetouristen und hochwertiges Ambiente erwartende Urlauber spricht das Haus an. Im ‚Herrenstall‘ sind Veranstaltungsräume entstanden. Im Februar folgt im Herrenstall die Wellnessabteilung. Die Geschäftsführerin Kirsten Herrmann ist kein Neuling in der Branche. Acht Jahre lang hatte sie im ‚Strandhotel Glücksburg‘ Marketing und Verkauf gemanagt. Jetzt hat sie das ‚Hotel Hafen Flensburg‘ zu ihrem gemacht und identifiziert sich mit der neuen Aufgabe.
Kirsten Herrmann hat das Hotelfach von der Pike auf gelernt, oder wie sie es ausdrückt, sich „von der Tellerwäscherin zur Hoteldirektorin“ hochgearbeitet. Schon mit 14, so sagt sie, hatte sie dieses Ziel im Auge. Als sie eine Zeitungsanzeige der Investoren las, griff sie zum Telefon und hatte kurze Zeit später den Job. Ehrgeizig und zielgerichtet arbeitet sie auch jetzt in den Tagen vor der Eröffnung an den letzten Details des Hauses. Angst vor wachsender Konkurrenz hat sie nicht. „Konkurrenz belebt das Geschäft und … wir sind in der Stadt dank unseres Konzepts einzigartig.“ Bei einer Begehung des weitläufigen Komplexes will man das gerne glauben.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte,
Hotel Hafen Flensburg

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