„Sprachrohr“ der SG: Michael „Holzi“ Holst

| 29/09/2016

„Herzlich willkommen, liebe Handballfreunde! Hallo an die Fans der SG Flensburg-Handewitt!“ Mit diesen Worten eröffnet Michael „Holzi“ Holst regelmäßig 40 Minuten vor dem Anpfiff das Programm bei den Heimspielen der SG. Traditionell vernimmt der Moderator in Bruchteilen von Sekunden ein Echo, das von Jubel und Beifall der Zuschauer gespeist wird. „Dann weiß ich, dass ich Zuhause bin“, verrät der 45-Jährige. „Nun geht es nur noch um das große Ganze – um unsere SG.“
Der Disc-Jockey, Entertainer und Unterhaltungstechniker ist seit 2002 ein Gesicht der Flens-Arena. Damals wurde der Radio-Sender „NDR2“ Medienpartner der SG und wollte sich am Hallen-Programm beteiligen. „Wir brauchen jemanden, der vor 6000 Zuschauern bestehen kann“, dachten sich die Verantwortlichen. Sie sprachen Michael Holst an. Er war bereits seit 1991 als DJ „Holzi“ in der Region unterwegs und moderierte bald als freier Mitarbeiter NDR-Veranstaltungen. Der Handball war ihm nicht ganz fremd, auch wenn er zuvor nie in der „Hölle Nord“ war. In der Jugend des MTV Schwabstedt betätigte er sich ein paar Jahre als Torhüter. „Ich konnte keinen Ball geradeaus werfen“, schmunzelt der Nordfriese heute und erinnert sich: „An der Westküste war die SG ein Mysterium. Es hieß stets: Es gibt keine Karten.“
Plötzlich stand er im Zentrum dieses Mysteriums. Zusammen mit Gerd Nielsen, der den „seriösen Part“ abdeckte, bildete „Holzi“ Holst ein kongeniales Gespann. Begeistert waren nicht alle vom Neueinsteiger, der nicht mehr die nüchternen Texte eines Hallensprechers verlas, sondern Unterhaltungselemente einstreute und seine bisweilen emotionalen Durchsagen an die Stimmungskurve im Rund anpasste. „Marktschreier“, „Anpeitscher“, „Kasper“ – ihm hagelten nicht nur Komplimente entgegen. Unterredungen, Abstimmungen und Rücksprachen mit den Fan-Clubs folgten, dann glätteten sich die Wogen – und „der Neue“ war beim Gros der Zuschauer zumindest akzeptiert.
Ein Beleg dafür bringt auch ein neues Buch, das einige Fans vor wenigen Wochen herausgebracht haben. Sie hatten Michael „Holzi“ Holst gefragt, ob er sich vorstellen könne, einen Beitrag zu schreiben. „Du bist unser Hallensprecher“, so die Begründung. Der Adressat fühlte sich geschmeichelt und schrieb einige Seiten aus seiner Sicht über die letzten Jahre. Die brachten durchaus einige Veränderungen. So stieg der Privatsender „RSH“ 2008 bei der SG ein – und Michael „Holzi“ Holst musste das Dress wechseln. Zwischenzeitlich war er bei der SG eingestellt, heutzutage läuft alles auf Basis der eigenen Firma „Holst Veranstaltungstechnik“. Neue Kollegen standen an seiner Seite: Nils Söhrens, „Kumpel“ Volker Mittmann und aktuell York Lange.
Heute – es geht gegen den SC Magdeburg – sind „Holzi“ Holst und seine vierköpfige Crew deutlich vor dem anvisierten Ein-Stunden-Polster bis zur Hallenöffnung mit dem kleinen Transporter und dem voll beladenen Anhänger vorgefahren. Eine langwierige Baustelle auf der Bundesstraße 200 ist überraschend freigegeben worden, die Fahrt aus Krempel geht schneller als erwartet. Sechs helfende Hände sind nun auf dem Spielfeld dabei, das Equipment für die Lichtkegel und Nebelschwaden der Einlauf-Show aufzubauen. Später geht es an die Akustik im Presseraum.
„Holzi ist oben“, heißt es auf Nachfrage. Der schwebt nicht im Himmel, sondern hält sich am südlichen Ende des Logenbereichs auf. Das ist sein Platz während des Spiels, von hier aus füttert eine „magische Klaviatur“ Laptop und Mischpult mit Tor-Jingles, Musik und weiteren Einspielungen. Jetzt, weit vor Anpfiff, wird alles getestet. Wenn der Ball fliegt, ist nicht nur wenig Zeit: Moderation und Musik müssen dann flutschen, da die Spielaufsicht darauf achtet, dass die Boxen bis auf ein Zeitfenster von wenigen Sekunden nach den Torerfolgen verstummt sind. Nur selten kann es Michael Holst etwas gemütlicher angehen. „Wenn der Gegner in Unterzahl ist, weiß ich, dass ich etwas mehr Zeit habe“, erklärt er. „Denn dann drückt er nach Gegentreffern kaum aufs Tempo.“
Da spricht die Erfahrung von 14 Jahren, die eine makellose Präsenz aufweist: „Holzi“ Holst hat noch nie ein SG-Spiel verpasst. Mal krächzte die Stimme wegen Halsschmerzen und Fieber ein wenig, dann mussten Gurgellösungen oder Lutschbonbons den Rachen „ölen“. Er schaffte es immer. Und wenn am selben Tag andere Veranstaltungen stattfinden, müssen Kollegen unterstützen. Vor Kurzem kreuzte der Hallensprecher nach einem SG-Einsatz ohne Pause bei einer Hochzeit auf. Alle waren in Abendgarderobe, nur er trug noch das SG-Polo-Shirt. „Ich musste mich nicht umziehen“, lacht der Moderator. „Es feierten SG-Fans.“
90 Minuten vor dem Spiel strömen die ersten Zuschauer in die Flens-Arena. Im Presseraum findet eine Abstimmungsrunde mit Kamera-Team, Regie und York Lange statt. Kurz darauf ein zweites Meeting: Eine offizielle Runde, mit Liga-Vertreter, Mannschaftsbetreuern und Fernsehen. Der Zeitplan steht im Mittelpunkt. Dann greifen „Holzi“ Holst und York Lange zum Mikrofon. Die Anspannung steigt. Während sich die Handballer aufwärmen, gibt es vom Seitenrand Infos über Spielverlegungen oder Merchandising-Artikel, Glückwünsche und kurze Interviews. Die beiden Moderatoren wechseln sich ab. Die letzten zwölf Minuten vor Spielbeginn wird die „Hölle Nord“ abgedunkelt. Michael Holst steuert nun seinem regelmäßigen Puls-Maximum entgegen: Die Präsentation der Mannschaft. „Ich kenne alle Spieler, Nummern und Namen, aber man ist richtig unter Dampf, weil man alles richtig machen will“, erzählt er. Zu einem Video-Trailer skandiert er Nummer und Vornamen der Handballer, den Nachnamen übernehmen die Fans.
Dann eilt „Holzi“ Holst nach „oben“, wo er bis auf das Halbzeit-Spiel bis zum Schluss ausharrt. Die Partie geht an die Nerven. Die SG liegt fast ständig in Rückstand. Wechselfehler, Pfostentreffer, Schiedsrichter-Pfiffe und schließlich ein Siebenmeter, mit dem Kentin Mahé der SG den Sieg rettet, sorgten für das buchstäbliche Wechselbad der Gefühle. „Das geht nah – ich bin wahnsinnig geworden“, verrät der Moderator, der die Tore der SG in euphorischer Weise feiert. Zugleich versucht er, den Aufwärtstrend des Heimteams mit der passenden Musik zu begleiten und die Wechselgesänge der Fans nicht zu stören. Wenn es mal etwas ruhiger wird, greift er ein: „Wir sind die Hölle Nord, wir sind der achte Mann!“
Auch für den treuen Begleiter der SG hat diese Partie einen besonderen Charakter. Und Michael Holst hat schon einiges erlebt. Zum Beispiel 2004 die Meisterschaft, bei der er die Siegesfeier moderierte. Oder den Montpellier-Klassiker, als die „Hölle Nord“ ein fantastisches Beben erlebte, weil die SG eine 14-Tore-Hypothek kurz vor Schluss eliminiert hatte. Als dann der entscheidende Gegentreffer fiel, war es von einer auf die nächste Sekunde mucksmäuschenstill. „Wir standen alle da wie paralysiert“, plaudert Michael Holst. 2014 sammelte er in Köln die Goldschnipsel ein, als ihn die Nachricht erreichte, für den nächsten Tag die Champions-League-Sause auf dem Flensburger Südermarkt vorzubereiten. „Als alles vorbei war und der Druck wich, kamen mir die Freudentränen“, beichtet der Hallensprecher.
So bewegend endet dieser Abend trotz des Krimis nicht. Mit Linksaußen Anders Eggert wandert er in die „Sportsbar“ und in die Club100-Lounge, um Interviews zu führen. Oft bleibt Michael Holst noch etwas zum Schnacken. Doch diesmal will er schnell nach Hause, am nächsten Morgen ruft ein Termin in Neuruppin. Zufrieden kehrt er nach Krempel zurück. „Für mich geht es stets darum“, erklärt er, „ein halbes Prozent mehr bei den Zuschauern rauszukitzeln, um der Mannschaft zu helfen.“ Gegen Magdeburg war das womöglich der entscheidende Faktor.

Fotos: Jan Kirschner und Benjamin Nolte
Text: Jan Kirschner

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