Mürwik: Zwischen Twedter Feld und Solitüde

| 29/09/2016

In unserer Serie „Flensburger Straßen und Stadtteile“ bitten wir Zeitzeugen, uns von ihren ganz persönlichen Erinnerungen zu berichten. In dieser Ausgabe hält die gebürtige Flensburgerin Gretchen Marcussen, 85, Rückblick.

Gretchen Marcussens Leben ist facettenreich: Krieg, Schule, Nachkriegszeit, Jobben – wo immer sie Arbeit fand – und sie trieb von klein auf bis heute Sport als Lebenselixier. Sie heiratete den damals in Flensburg sehr bekannten Handballer Hartwig Marcussen, der in fünfter Generation dem dänischen Orgelbauunternehmen Marcussen & Son (von 1806) entstammt. Ihr Sohn Gunnar und ihr Enkelsohn Life tragen den Namen Marcussen in sechster und siebter Generation. Das Familienunternehmen wird seit 2002 in der siebten Generation von Claudia Zachariassen geleitet. Bis heute wurden 1.100 Marcussen-Orgeln gebaut und von Apenrade in Länder wie Deutschland, USA, Japan und Südafrika exportiert. „Marcussen“ ist die älteste noch funktionierende Orgelbaufabrik auf der ganzen Welt.

Umzug ins eigene Haus in Twedter Feld

Gretchen Marcussen, geborene Thomsen, wurde im März 1931 in der Neuen Straße in Flensburg geboren. Sie lag mit ihren zwei älteren und zwei jüngeren Geschwistern in der Mitte der Kinderschar. Als sie zweieinhalb Jahre alt war, bezog die Familie oberhalb von Solitüde eine eigene Siedlungs-Doppelhaushälfte in Twedter Feld 65. Zu dem Haus gehörte ein Gartengrundstück von über 1.000 Quadratmetern. Gretchens Mutter Emilie Thomsen bestellte den Garten mit Obst und Gemüse und füllte die Kellerregale mit Kartoffeln und Eingewecktem. Ihre Kinder mussten nicht mithelfen. Sie sollten lieber spielen. Später, als Schülerin, musste Gretchen die monatlichen Ratenzahlungen für das Haus in einem Briefumschlag ins Rathaus bringen.
Die neue Siedlung im Twedter Feld liegt oberhalb von Solitüde. Die Landschaft war dicht bewaldet und von Weiden und Feldern durchzogen. Gretchen erinnert sich an eine Kindheit in paradiesischer Umgebung. Und dennoch hat ein tödlicher Badeunfall das Leben der Familie Thomsen schwer überschattet: Gretchens damals sechsjährige Schwester Renate ertrank in Solitüde beim Spielen im Wasser. Gretchen war 14 Jahre alt. Als ältere Schwester war es ihr nicht gelungen, das Kind noch lebend aus dem Wasser zu ziehen.

Zur Schule zu Fuß über die Felder nach Mürwik

Gretchen wurde im Jahre 1937 eingeschult. 1947 hatte sie den Abschluss. Sie erinnert sich eigentlich nur an sehr alte Lehrer. Die jüngeren waren alle im Krieg. Ihre Handarbeitslehrerin war Fräulein Hase.Dass Twedter Feld und Solitüde ganz abseits gelegen war, bekamen die Kinder erst auf ihrem Schulweg zu spüren. Ihre Schule lag im Klosterholzweg in Mürwik (spätere Osbekschule, heute Ostseeschule). Gretchen lief gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Hanni über die Felder, und ebenso, wenn sie mit der Straßenbahn in die Stadt mussten. Die Endstation der Straßenbahn war an der Kelmstraße. Auf der anderen Straßenseite standen ein Wartehäuschen und der Kiosk von Tante Ella. Gegenüber der Seewarte war auch damals schon die beliebte Bäckerei Hans Hansen, die es heute noch gibt!
An der Volksschule Mürwik lag ein großer See, der im Winter immer zugefroren war. In den Unterrichtspausen strömten die Kinder aufs Eis. Wer Schlittschuhe besaß, versuchte auch mal, dem Musiklehrer Gondesen, der mit seinen „musikalischen Füßen“ schwungvolle Pirouetten tanzte, zu folgen.
Als Gretchens ältere Schwester Edith im Jahre 1943 mit der Schule fertig war, musste die damals 14jährige ihr „Landjahr“ bei einem Bauern in Angeln absolvieren. Danach wollte sie einen Beruf erlernen. Dazu kam es aber nicht, denn ein Marschbefehl nach Berlin hatte ihre Pläne durchkreuzt. In dem grauen Briefumschlag lag die Fahrkarte nach Berlin mit Fahrplan und der Adresse, wo sie sich einzufinden hatte. Edith landete in einem pompösen Haushalt, der sich trotz Bombenhagel noch gehalten hatte. Wer Ediths damalige Herrschaft war, hat Gretchen nie in Erfahrung bringen können. Als Edith Weihnachten 1944/45 für einige Tage ihren Heimaturlaub antreten durfte, verhinderte ihre Mutter die Rückfahrt nach Berlin. Sie wollte das Leben ihrer Tochter nicht aufs Spiel setzen. Deshalb nahm sie persönlich gleich in den Räumen des Flensburger Arbeitsamtes am Munketoft den Kampf gegen diese unglaubliche Verfügung der Nazis auf. Um als Alternative zu Berlin den Nachweis eines wichtigen Arbeitsplatzes in Flensburg vorlegen zu können, hatte sie einen Arbeitsvertrag für Edith bei Bäcker Hans Hansen gegenüber der Seewarte abgeschlossen. Gretchen erinnert sich, dass sie an der Seite ihrer Mutter die Amtsstube erst mit der Zusage verlassen hatte, dass Edith nicht nach Berlin zurückmüsse. Zu der Zeit war Gretchens Bruder Hanni, der im November 1943 als 17jähriger in den Krieg musste, als „vermisst gemeldet“. Er ist nicht wieder zurückgekehrt!
Gretchen hatte zu ihrem großen Bruder Hanni ein besonders inniges Verhältnis. Er beschützte sie. Als Achtjähriger hatte er sich beim Marine-Lazarett in Mürwik einen Minijob für kleine Botengänge und Aufräumarbeiten beschafft. Dafür bekam er eine warme Mahlzeit. Schließlich fragte er die Lazarettschwestern, ob er auch seine jüngere Schwester Gretchen mitbringen dürfe. Er durfte. Und auch Gretchen bekam täglich einen Teller mit warmem Essen!
Gretchen erinnert sich, dass sich bei Fliegeralarm die ganze Familie im Luftschutzkeller des Nachbarhauses im Twedter Feld einzufinden hatte. Gretchen tanzte unter Anka von Döpschütz im Kinderballett des Stadttheaters. Ihre Gruppe durfte bei Vorstellungen mitwirken. Bei „Frau Luna“, so erinnert sie sich an eine ihrer Rollen, musste sie vier Radschläge im Karree um die im Kreis tanzenden Ballerinen machen. Wenn während der Vorstellungen Fliegeralarm war, brachte sich das Ensemble über einen Fahrstuhl, der direkt mitten von der Bühne in den Keller fuhr, in Sicherheit. Wenn es Gretchen nachmittags nach den Proben nicht mehr nach Hause schaffte, durfte sie bei ihrer Ballettfreundin in der Friesischen Straße übernachten. Das war so abgemacht. Ein Telefon, um die Mutter zu benachrichtigen, gab es nicht.

Mit 13 Jahren zum BDM

Immer mittwochs und samstags hatte sich Gretchen zum Treffen beim Bund Deutscher Mädel einzufinden. Treffpunkt war in einem Sommerhaus in der Schönen Aussicht in Mürwik. Mittwochs wurde NS-Geschichte unterrichtet. Das fand Gretchen ziemlich langweilig. Zum Sport am Samstag aber war sie stets mit Begeisterung dabei.

Gretchens Vater war als Heizer auf dem Hilfskreuzer „Togo“

Das Schiff „Togo“ war 1939 von der Kriegsmarine für den Kriegseinsatz requiriert worden. Gretchen erinnert sich, mit ihrer Mutter unter den geladenen Gästen dabei gewesen zu sein, als der Hilfskreuzer auslaufen sollte. Er war an der Torpedoschule in Mürwik in Betrieb genommen worden. Der Liegeplatz der „Togo“ lag an der Torpedoversuchsanstalt Eckernförde, ihrem Heimathafen. Gretchen erinnert sich: Wenn die Togo in Eckernförde lag durften Frau und Kinder den Vater auch mal besuchen. Das war von Twedter Feld aus mit Fußmarsch, Straßenbahn und Eisenbahn eine beschwerliche Reise. An der Haltestelle Altenhof hatte Gretchens Tante eine Gastwirtschaft. Hier fand das Treffen mit dem Vater statt. Heute hält hier kein Zug mehr. Doch das Gebäude der ehemaligen Haltestelle Altenhof gibt es heute noch.

Polizeistunde bei Tante Lene

Ende der 1940er Jahre gingen die Jugendlichen von Twedter Feld und Mürwik geschlossen nach Rotenhaus zu Tante Lene zum Tanz. Den weiten Fußmarsch durch den Wald nahmen sie klaglos auf sich. Tante Lene war wie eine Mutter zu ihren Gästen. Immer wenn sie telefonisch benachrichtigt wurde, dass sich die Polizei zwecks Kontrolle zur Einhaltung der Polizeistunde auf den Weg gemacht hatte, versteckte sie ihre Gäste so lange auf dem Dachboden, bis alles geklärt war.

Gretchen hätte so gern einen Beruf erlernt

Als Gretchen 1947 aus der Schule entlassen wurde, hätte sie sich gern beruflich im sportlichen oder tänzerischen Bereich ausbilden lassen. Das aber ergab sich nicht für sie. Zuhause hieß es immer nur: „Kind, du musst arbeiten!“ Und so kam es dann auch, dass Gretchen nicht einen einzigen Tag ihres Arbeitslebens arbeitslos gewesen ist. Zunächst machte sie ein Haushaltsjahr in der Reepschlägerbahn in Flensburg. Danach hat sie unterschiedliche Jobs gemacht.
Als sich in der Zeit von 1956 bis 1959 die „UCA“, eine Tochtergesellschaft der „Agfa“ in Flensburg niedergelassen hatte, fand Gretchen einen festen Arbeitsplatz. Die „UCA“ stellte Filmmaterial und Kameras in dem von der Marineschule angemieteten Maschinenübungsgebäude her. Die Arbeitsplätze waren über zwei Etagen verteilt. Besonders viele Frauen, aber auch Männer waren hier beschäftigt. Gretchen hatte die Aufgabe, die metallenen Filmröllchen im Akkord zusammenzusetzen. Sie blieb, bis sich die „UCA“ von Flensburg verabschiedete. In die Räume des ehemaligen Maschinenübungsgebäudes der Marineschule zog nach der „UCA“ später der Fernmeldestab 70 ein. Heute werden die Räumlichkeiten vom KBA als Nebenstelle genutzt. Der Haupteingang befindet sich in der Straße Twedter Mark.
Gretchen wurde mit Hartwig Marcussen unter der Marcussen-Orgel in der Marienkirche am Nordermarkt getraut.
Gretchens Mann, Hartwig Marcussen, Jahrgang 1920, hatte nach der mittleren Reife auf Segelschiffen und Dampfern auf den Weltmeeren von der Pike auf gedient. Sein Berufswunsch war, Kapitän auf großer Fahrt zu werden. Während seiner Studienzeit zum Kapitänspatent in Altona war er an den Handball-
erfolgen der Reichsbahn Altona beteiligt, die noch in der späteren Handball-Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein eine Rolle spielte.
Zum Aufbau dieser Handball-Elf hatte Hartwig Marcussen maßgeblich beigetragen. Nach Erwerb des „Kapitänspatents auf kleiner Fahrt“ wurde er als Steuermann bei der Kriegsmarine eingesetzt. Als er 1947 zurückkehrte, fuhren auf den Weltmeeren zwangsläufig keine deutschen Schiffe mehr.
Hartwig fand eine Beschäftigung als kaufmännischer Angestellter. Als Handballspieler bei den Flensburger Turnern und später bei den Sportfreunden bildete er zusammen mit der großen Handballlegende Bernd Kuchenbecker einen gefährlichen rechten Flügel. Hartwig Marcussen gehörte lange Jahre auch der Flensburger Stadtmannschaft an.

Sport treiben liegt Gretchen im Blut

Gretchen turnte von klein auf im Flensburger Sportverein. Sie war mit vollem Trainingsprogramm in der Gymnastik- und Leichtathletikgruppe engagiert. Geturnt wurde damals in der Sportschule Mürwik. Die Bilder vom Eingang der Sportschule gingen durch die Welt, als dort die von Hitler eingesetzte Dönitz-Regierung 1945 von den Siegermächten festgenommen wurde.
Für Gretchen gehört Sport wie der Atem zum Leben – bis heute! Sie gehört beim IF Stjernen Flensborg
e. V. (in Engelsby) der Dienstag- und Donnerstag-Sportgruppe unter der Leitung von Erika Kruse an. Außerdem bewegt sie sich immer montags im Glücksburger Tanzclub übers Parkett.
Gretchen Marcussen lacht: „Ich bin voll ausgelastet. Langeweile kommt bei mir nicht vor!“ Außerdem gibt es ja auch ihren Sohn Gunnar und Schwiegertochter Marion, zwei Enkeltöchter und Enkelsohn Life und auch schon zwei Urenkel.

Das Gespräch mit Gretchen Marcussen
führte Renate Kleffel

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