Flexibel unter Druck

| 29/09/2016

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Ausbildung zum Medientechnologen (m/w)

Medientechnologe? Mit diesem Begriff konnte Marco Albert(19) vor seiner Ausbildung nicht viel anfangen. Nicht verwunderlich, denn die Berufsbezeichnungen ändern sich ebenso schnell wie die technische Entwicklung, die sie hervorbringt. Viele Berufe im Druckgewerbe sind in den letzten Jahren völlig verschwunden oder haben das Aufgabenfeld verändert. Schriftsetzer, Buchbinder, Reproduktionsphotographen, Metteure, diese Berufe gibt es in einer modernen Druckerei nicht mehr. Ersetzt wurden viele Teilqualifikationen durch die Technik und die Zusammenfassung bislang getrennter Berufsbilder. Der Schrift-
setzer wurde durch den schreibenden Redakteur oder den Mediengestalter ersetzt.
Viele Zwischenstufen bis zur fertigen Druckplatte, das Montieren, Reproduzieren und Belichten von Filmen für die Druckplattenherstellung entfallen als eigenständige Berufe. Das am Computer erstellte Druckbild wandert direkt als Datenstrom in die Druckmaschine. Die Arbeitsbereiche des Druckers wurden in dem neuem Beruf Medientechnologe Druck neu definiert und sind wesentlich vielschichtiger geworden, von der Datenanlieferung bis zur Fakturierung des fertigen Produktes.
Andrucke, Farbproof, die Qualitätskontrolle des Druckes, werden zunehmend mit elektronischen Hilfsmitteln ausgeführt. Geblieben sind vor allem zwei Ausbildungsrichtungen, der Mediengestalter und der Medientechnologe. Mediengestalter sind die Kreativen in diesem Berufsfeld. Sie entwerfen, gestalten das Aussehen des späteren Druckproduktes. Die Medientechnologen sorgen dafür, dass das „Druckbild“ auf Papier, Folie oder Gegenstände gelangt. Sie sind die Drucker der Gegenwart.
Marco Albert war nach dem Realschulabschluss noch weit von der Entscheidung, Medientechnologe zu werden, entfernt. Die Mutter ist Bürokauffrau. Sie ließ ihm freie Hand bei der Suche nach einem passenden Beruf. Er hatte sich zwar schon immer für Medien interessiert, praktizierte aber zunächst in einer Reihe von Betrieben, vom Tischler bis zum Verkäufer und schließlich bei ‚Logotape‘ in der Foliendruckerei. Das gab den entscheidenden Anstoß, Medientechnologe zu werden. Vor gut drei Jahren stand er zum ersten Mal vor den haushohen Maschinen, in denen in rasender Fahrt die Folien hinein- und am Ende farbig bedruckt herausschossen. Die Namen bekannter Marken rauschten vorbei, die seiner Lieblingsbrause, bekannter Bier- und Mineralwassersorten. Er würde beim Einkaufen in Zukunft die Verpackungen mit ganz anderen Augen sehen. Oder die Namen von Klebebändern, mit denen er Pakete verschließen oder kleine Reparaturen ausführen würde. Es rauschten auch die Begriffe an seinem Ohr vorbei, die Ausbildungsleiter Mario Lenz gebrauchte. Flexodruck, Klischees, Lasergravur, CMYK-Farben, Schmuckfarben, Druckzylinder. Alles neu für den damals 16-jährigen. Marco hatte so etwas noch nie gesehen, noch weniger eine Vorstellung von dem Beruf, der zum Bedienen der Maschinerie Voraussetzung ist.
„Atemberaubend war das“, sagt er heute. „Für mich war das eine andere Welt.“ Eine Welt allerdings, die man nicht im weißen Hemd mit Schlips und Kragen betritt. Laut, warm und voller Maschinengerüche, nichts für Menschen, die die nächsten vierzig Berufsjahre am Schreibtisch verbringen wollen. Marco Albert hatte keine Berührungsängste mit der industriellen Technik, zumal er erkannte, dass Leute seines Faches gefragt und Konkurrenten nicht zu befürchten waren.

Gewinner und Verlierer auf dem Ausbildungsmarkt

‚Logotape‘ hat wie andere Industriebetriebe auch, ein massives Problem. Es fehlen Bewerber für die Ausbildung zu Industrieberufen. Wo vor Jahren noch junge Leute Schlange standen und um einen Ausbildungsplatz buhlten, hat sich heute der Markt völlig umgekehrt. Die Betriebe suchen händeringend nach Azubis, um ausscheidende Mitarbeiter zu ersetzen oder Personal für die Expansion ihres Unternehmens zu finden. Nach dem Schulabschluss scheinen sich auf dem Lehrstellenmarkt die möglichen Bewerber in Luft aufgelöst zu haben. Die Erklärungsversuche der Unternehmensvertreter: Viele wollen einen Schreibtischjob. Andere wechseln, statt von der Schulbank an die Werkbank, an eine neue Schulbank, die von Berufsakademien, Fach- und Fachhochschulen. Leid-
tragender ist in den nächsten Jahren das produzierende Gewerbe. Was viele Jugendliche verkennen, auch dort gibt es Aufstiegsmöglichkeiten in die Leitungsetage des Betriebes, als Vorarbeiter, Meister oder Ausbilder. Richtig ist: Vor dem weißen Kragen steht der Blaumann, zumindest symbolisch. Das düstere Schmuddelimage einer Werkhalle steht im Gegensatz zur Wirklichkeit. In einer Vielzahl moderner Betriebe betritt und verlässt man seinen Arbeitsplatz ohne ölige Finger oder verschmutzte Arbeitskittel. Zupacken mit Kraft und Geschick ist jedoch auch heute noch Voraussetzung für einen Industrieberuf. So auch beim Medientechnologen. Die Arbeitsaufgaben für Marco Albert sind vielfältig und reichen vom Einrichten der Maschine über das Befüllen mit Druckfarbe, das Montieren der Druckklischees (Druckplatten) bis hin zu Lager- und Lieferdiensten. Und er muss die technischen Zusammenhänge verstehen, um den reibungslosen Ablauf der Technik zu sichern.

Spezialfachrichtung
Flexodruck

Ein Schwerpunkt seiner Medientechnologenausbildung ist der Flexodruck, ein spezielles Druckverfahren für die Folienbedruckung. Anders als auf Papier, heute meist Tiefdruck, Offsetdruck oder Digitaldruck, wird auf Folien mit einem Polymerklischee gedruckt. Das einfachste Beispiel für das Prinzip des Flexodrucks ist der Stempel im Büro mit seinem Stempelkissen. Die erhabenen Strukturen des Stempels werden mit Stempelfarbe beschichtet und der Stempel schließlich auf die Unterlage gepresst.
Beim industriellen Flexodruck wird eine lichtempfindliche Schicht auf einem Polymerklischee abgetragen, danach mit UV-Licht ausgehärtet und die nicht druckenden Stellen entfernt. Für jede Farbe ein Klischee auf einem Druckzylinder. Bei ‚Logotape‘ sind es bis zu 8 Farben, die für die Verpackungs- oder Klebebandfolien verwandt werden. Die Farben müssen perfekt übereinanderliegen, die Farbschichten die richtige Dicke haben, um ein fehlerfreies Druckbild zu ergeben. Auch dies eine Aufgabe des Medientechnologen, der die Maschine nicht nur einrichtet und kontrolliert. Da im Rotationsdruckverfahren gedruckt wird und nicht auf einzelne Bögen, fahren die Kunststoffbahnen in rasender Geschwindigkeit durch die Maschine.
Ein Fehler beim Einrichten, der Farbzugabe oder der Einstellung der Maschine verursacht immens hohe Kosten. Der Medientechnologe ist demnach ein Beruf für Menschen mit Verantwortung, dem Sinn für die technischen Zusammenhänge und für Genauigkeit beim Arbeiten. Und er ist ein Beruf für Teamarbeiter. Beim Drucken, insbesondere der Kontrolle des Ergebnisses, gilt das Vier-Augen-Prinzip. Zwei Mitarbeiter überwachen gemeinsam die Ergebnisse.
Wer sich für den Beruf interessiert, sollte sich prüfen, ob er diese Eigenschaften mitbringt und bereit ist viel zu lernen. Nicht nur im Betrieb, sondern beim Blockunterricht alle vier Wochen in Neumünster. Zwei Wochen jeweils drücken die Azubis drei Jahre lang dort die Schulbank, lernen alles über das Drucken, die zu bedruckenden Materialien, die Maschinentechnik, die Farbenlehre und Farbenherstellung und die Weiterverarbeitung der Materialien. Elektrik und Elektronikkenntnisse sind eine weitere Grundlage. Grundlagenfächer wie Wirtschaft und Politik, Fachkunde, aber auch Auftragsplanung gehören zu den Ausbildungs- und schließlich Prüfungsfächern. In der Prüfung selbst geht es dann ganz praktisch an eine betriebsnahe Aufgabe. Marco Albert musste ein Druckprodukt mit vier Farben (als Rasterfarben) und einer zusätzlichen Schmuckfarbe drucken, eine anspruchsvolle lebensnahe Aufgabe. Er hat sie gemeistert und sich damit einen Platz im Mitarbeiterstab des Unternehmens gesichert. Gefragt, welche persönlichen Anforderungen an einen Bewerber gestellt werden, listet er auf:

  • Zugänglichkeit
  • Stressfestigkeit
  • Ein gutes Auge, insbesondere für das Farbensehen
  • Körperliche Fitness
  • Planendes, strukturierendes Arbeiten
  • Technikinteresse
  • Teamfähigkeit und nicht zuletzt
  • Bereitschaft zur Schichtarbeit.

Die Ausbildung ist breit angelegt, sodass der Medientechnologe in vielen Betrieben einsetzbar ist.
Die Bezahlung ist im industriellen Vergleich überdurchschnittlich. In der Ausbildung beträgt die Vergütung im ersten Jahr 650.- Euro, im zweiten 750,-, im dritten 850,- Euro.
Das Einstiegsgehalt nach der Ausbildung liegt ohne Zulagen bei 2600,- Euro. Der Weg nach oben, etwa mit einer Meisterausbildung, ist gegeben. Ohne Einschränkung ist der Medientechnologe ein Beruf mit Zukunft.

Bericht: Dieter Wilhelmy
Fotos: Benjamin Nolte

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