Flensburger Köpfe – Wilhelm Flor

| 29/09/2016

Wenn man ihm gegenübersitzt, mag man es kaum glauben: Dieser Mann ist 80 Jahre alt!
Die Rede ist von Wilhelm Flor, geboren am 18. Juli 1936 in Flensburg, im Norden der Stadt in der Schwalbenstraße, einer Nebenstraße der Harrisleer Straße. Als jüngstes von drei Geschwisterkindern hat er in der Schwalbenstraße seine ersten Gehversuche gemacht, wurde 1942 eingeschult, und durchlief alsbald alle möglichen Volksschulen in der näheren Umgebung, ob Voigtschule, Schule Ramsharde – wie sie auch alle hießen. Es war schließlich Krieg, der Zweite Weltkrieg, und das Blatt begann sich gegen die Deutschen zu wenden, die Schulen mussten als Lazarette und später Flüchtlingsunterkünfte herhalten. Es war keine leichte Zeit, der Vater war im Krieg, der sehr viel ältere Bruder starb in jungen Jahren an einer Rippenfell-
entzündung – heute wäre er mit den medizinischen Möglichkeiten leicht geheilt worden. Seine ältere Schwester ist auch bereits vor 2 Jahren verstorben; sie lebte viele Jahre in Hannover, war mit einem dort ansässigen Schlachter verheiratet.

Wilhelm tritt in die Arbeitswelt ein

Apropos Schlachter: Das war nach dem Schulabschluss 1951 Wilhelms erster Berufswunsch, doch der inzwischen aus der Gefangenschaft zurückgekehrte Vater wollte unbedingt, dass sein Sohn einen „sicheren“ Beruf erlernen sollte, und so erlernte Wilhelm den Beruf eines Betriebsschlossers bei den Flensburger Stadtwerken und den Verkehrsbetrieben, die seinerzeit für den Betrieb der hiesigen Straßenbahnen zuständig waren. Bereits als junger Geselle im Alter von gerade 20 Jahren übernahm er den Oberleitungsbau der drei Flensburger Straßenbahnlinien, die bis 1974 den Norden der Stadt ab Ostseebadweg mit dem Zentrum sowie dem Osten bis hinaus nach Mürwik verkehrstechnisch verbanden. Wilhelm war zwar einerseits zufrieden im Beruf, strebte jedoch auch nach Anderem, ohne sich im Vorwege festlegen zu wollen. Er bewarb sich bei der Polizei, der Bundesbahn, der Feuerwehr, gar bei der Christlichen Seefahrt – und alle wollten ihn haben! Das war 1958; Wilhelm nahm alle Angebote persönlich in Augenschein, reiste in die jeweiligen Ausbildungszentren – doch letztlich nahm ihm die Liebe die Entscheidung ab: Er hatte ein aus Hamburg stammendes Mädel in Flensburg kennengelernt, die erst seine Freundin und später seine Ehefrau werden sollte. Nun hatte die große weite Welt und die Fremde für ihn den Reiz verloren; er entschied sich für eine Laufbahn bei der hiesigen Berufsfeuerwehr. Zwar führte ihn die dortige Ausbildung unter anderem auch zum Studium nach Münster in Westfalen, doch mit der kurzzeitigen Trennung von Freundin und Flensburg konnte er gut leben.

Die Lebensmitte, geprägt durch Arbeit und Familie

Wilhelm Flor begann als Inspektor im gehobenen Dienst seine Karriere bei der Flensburger Berufsfeuerwehr, war lange Jahre fürs Personal, die Aus- und Fortbildung, sowie für die freiwilligen Feuerwehren der Stadt und des angrenzenden Landkreises zuständig. Dieser Lebensabschnitt war geprägt von Beruf, Hausbau in Engelsby und Familie, er war längst mit der einstigen Freundin glücklich verheiratet und Vater zweier Töchter, die mittlerweile selbst seit langem verheiratet sind, die eine lebt in Hamburg und die andere in der näheren Umgebung. Wilhelm kann sich mittlerweile sogar an zwei Urenkelkindern erfreuen. 1996 – als 60jähriger geht man bei den uniformierten Staatsdienern wie Feuerwehr und Polizei in Pension – endete dieser Lebensabschnitt, zumindest hinsichtlich Arbeit und Beruf.
Der sogenannte „Ruhestand“

Die nun beginnende neue Phase seines Lebens würde mancher vielleicht als Ruhestand bezeichnen – ein solcher wurde es für Wilhelm Flor allerdings in keiner Weise. Wilhelm war bereits 1986 in die SPD eingetreten, ganz in alter Familientradition, denn Vater und Großvater, die auch jeweils auf den Vornamen Wilhelm hörten, waren auch schon „Genossen“. Jetzt hatte er endlich Zeit und Muße, und wurde auch sofort im Ortsverein Engelsby aktiv, keine zwei Jahre später ließ er sich als Kandidat für die Wahl zur Flensburger Ratsversammlung aufstellen, und wurde prompt direkt in den Rat gewählt. So war er von 1998 bis 2008 für die SPD als Ratsherr aktiv, wurde in das Schiedsamt gewählt, dem er zehn Jahre vorstand, war im Ausschuss für öffentliche Einrichtungen (z. B. Müllabfuhr, Feuerwehr, Rettungsdienst usw.) tätig. Doch die Kommunalpolitik war nicht sein einziges neues Betätigungsfeld: 1996 lag die AWO (Arbeiterwohlfahrt) in Flensburg praktisch am Boden; man bat ihn, sich dieser Institution anzunehmen, und Wilhelm ließ sich nicht lange bitten. Er übernahm den Vorsitz des hiesigen Stadtverbandes der AWO, und nach schwieriger Anfangszeit ging es dann mit Hilfe des Landesverbandes der AWO und auch der Stadt Flensburg bald wieder bergauf mit der AWO in Flensburg – von anfangs rund 70 Mitgliedern ist der gemeinnützige Verein inzwischen bei einer Mitgliederzahl von über 400 angelangt.

Wilhelm und die AWO – das passt!

Die AWO betreibt in Flensburg drei Servicehäuser, eines am Sandberg, ein weiteres in Fruerlund an der Mürwiker Straße nahe dem Flensburger Stadion, und ein drittes in der Mathildenstraße. Bis zum heutigen Tage ist Wilhelm Woche für Woche für die AWO unterwegs, hat regelmäßig in den genannten Servicehäusern Bürodienst zu leisten, verfügt gar über ein eigenes Büro im Servicehaus Mathildenstraße, daneben hält er selbst gelegentlich Vorträge über Erste Hilfe oder Fahrradreisen, die er regelmäßig mit Freunden durch viele deutsche Bundesländer unternommen hat und immer noch unternimmt. Wilhelm, das kann man mit Fug und Recht behaupten, geht in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die AWO und die vielen Bewohner der Servicehäuser förmlich auf, er ist bei musikalischen Nachmittagsveranstaltungen selbstredend dabei, und unterhält die begeisterten Zuhörer mit bekannten Liedern, die er selbst auf seinem Akkordeon begleitet. Er lässt es sich ebenfalls nicht nehmen, die angebotenen Bingo-Veranstaltungen zu organisieren und selbst tatkräftig vor Ort mitzugestalten. Auch für anfallende Behördengänge ist er stets zu haben, hilft gern den älteren Mitbürgern etwa bei der Wohnungs- und Pflegeplatzsuche. Ebenso ist er als Vorsitzender des Stadtverbandes Flensburg der AWO Bindeglied zum Landesverband der Organisation, der seinen Sitz in Kiel hat – so führen ihn regelmäßig Termine zu Sitzungen in die Landeshauptstadt. Sein nimmermüder Einsatz wurde und wird nach wie vor von den Mitgliedern des Vereins anerkannt und geehrt; als er sich als nunmehr 80jähriger auf der letzten Jahreshauptversammlung kurz zierte, erneut für den Vorsitz zu kandidieren, haben ihm seine Mitstreiter im Vorstand deutlich zu verstehen gegeben, dass sie ohne ihn selbst nicht weitermachen würden! Somit blieb ihm beinahe nichts anderes übrig, als erneut den Vorsitz zu übernehmen – allerdings mit dem kleinen Hintertürchen, vorzeitig das Amt in andere Hände geben zu können, falls die eigene Gesundheit nicht mehr mitspielen sollte.

Der Macher wurde durchaus wahrgenommen

Dass Wilhelm Flor ein „kerniger Typ“ ist und in allem, das er anpackt, Ungewöhnliches zu leisten imstande ist, und dies auch tatsächlich leistet, ist schon vor Jahren zahlreichen Wegbegleitern nicht verborgen geblieben; so wurde er bereits als noch Aktiver im Beruf mit dem Feuerwehr-Ehrenkreuz in Gold ausgezeichnet, die SPD hat ihn selbstredend für seine Verdienste geehrt, für seinen tadellosen und immerwährenden Einsatz für die AWO wurde Wilhelm – auch von zahlreichen Mitbürgern längst liebevoll als „Mister AWO“ bezeichnet – mit der AWO-Bundesmedaille ausgezeichnet. Daneben haben auch Flensburger Firmen und Institutionen sein Engagement für Senioren gewürdigt; so wurde Wilhelm Flor im Jahre 2015 mit dem Seniorenpreis der Queisser Pharma – einer über die Landesgrenzen hinaus bekannten Arzneimittelfirma – bedacht, einer Auszeichnung, die das Unternehmen seit 30 Jahren an Ehrenamtler vergibt, die im Alter ein gesellschaftliches, soziales, kulturelles oder auch sportliches Engagement pflegen; ein Preis, der immerhin mit 3000 Euro dotiert ist.

Wilhelm Flor „privat”

Was macht Wilhelm Flor sonst noch so? Bleibt überhaupt noch Zeit für andere Aktivitäten? Nun, wie schon kurz erwähnt, ist er begeisterter Fahrradfahrer, nimmt sich in jedem Jahr eine zweiwöchige Auszeit für ausgedehnte Fahrradtouren durch Deutschland – meist gemeinsam mit langjährigen Wegbegleitern und Freunden, er war mehrere Jahre lang Mitglied im Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Engelsby, und er engagierte sich für beinahe zwei Jahrzehnte im Flensburger Betreuungsverein. Auch im Seniorenclub Sophiesminde ist er stets ein gern gesehener Gast. Und wenn er und seine Frau mal nicht per Fahrrad unterwegs sind, verbringen sie ihre Freizeit genauso gern auf dem wunderschönen Campingplatz Habernis, direkt an der Flensburger Förde gelegen. Diesem Standort halten sie übrigens schon seit gut 50 Jahren die Treue.
Gefragt, was ihn antreiben würde, antwortet er ganz bescheiden mit einem Beispiel aus seiner langjährigen Tätigkeit als Schiedsmann: „Einige der von mir betreuten Kontrahenten haben 30 Jahre nicht miteinander geredet, und dank meiner Vermittlung haben sie ihren Zwist beigelegt. Solche Erfolgsmomente, und natürlich bei den vielfältigen Veranstaltungen in den Servicehäusern in glückliche Gesichter blicken zu können, ist für mich Ansporn genug!“
Bleibt nur zu wünschen, dass der Herrgott unseren Wilhelm Flor weiter mit Gesundheit und Willenskraft segnet, damit er noch lange so wirken kann wie in den hinter ihm liegenden über 60 Jahren geschehen!

Bericht: Peter Feuerschütz
Fotos: Benjamin Nolte

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