Erfolgsgeschichten von Integration (53)

| 29/09/2016

In dieser Serie berichten wir über Flensburger Bürger mit Migrationshintergrund und bringen Beispiele gelungener Integration. Es kommen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und ethnischen Volksgruppen zu Wort. Wir erfahren mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie oftmals gekommen sind, um schließlich in Flensburg Fuß zu fassen. Dabei geht es bei weitem nicht allein um wirtschaftliche Erfolge und große Karrieren. Erstaunlich genug ist, mit welchen Anstrengungen diese Menschen ihr Ziel angesteuert haben, um in ihrer Wahlheimat wirklich anzukommen.
Giuliano Garante kam vor 51 Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern aus Sizilien nach Flensburg

Heimweh? „Wo ich gerade nicht bin spüre ich, dass
etwas fehlt!“

Im Jahre 1955 hatte die Bundesrepublik mit Rom ein Anwerbeabkommen für italienische Arbeitskräfte abgeschlossen. Somit waren die Italiener die ersten Gäste, die Deutschland offiziell ins Land gebeten hatte.
Zehn Jahre nach diesem Abkommen war Giulianos Vater gemeinsam mit seinem ältesten Sohn – der war damals 16 Jahre alt – dem Onkel nach Ulm gefolgt. Der hatte ihm von den Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten in Deutschland viel vorgeschwärmt. Vater und Sohn bekamen sofort Arbeit, aber keine zumutbare Unterkunft. Das war im Jahre 1965, als die allgemeine Wohnungsnot der Nachkriegszeit immer noch bestand! Nachdem die beiden Männer 40 Tage in einer Baracke gelebt hatten und keine Chance auf dem Wohnungsmarkt in Ulm sahen, holte der Vater kurzerhand seinen Fiat 600 von Sizilien nach Ulm. Danach setzte er seine Fahrt in Richtung Flensburg mit dem Wagen fort. Der Onkel war als Dolmetscher mitgefahren. Die weite Reise quer durch Deutschland hatte sich schließlich gelohnt: Vater und Sohn bekamen einen Arbeitsvertrag bei den Fahrzeugwerken Nord auf der Alten Werft. Sie fanden auch sofort in der Glücksburger Straße 27 eine für die ganze Familie passende Wohnung. So konnte die Mutter mit den drei jüngeren Söhnen bereits im November 1965 nachkommen. Die Miete in Höhe von 220 D-Mark war allerdings sehr hoch! Die vier Jungs waren im Alter zwischen 16 und 8 Jahren. Giuliano war der jüngste. Als sie kamen, sprach oder verstand kein Mitglied der 6-köpfigen Familie Garante nur ein einziges Wort Deutsch. Giuliano kam sofort in die Willi-Weber-Schule, und verstand nichts! Das störte damals niemanden. Der Italiener, wie er allgemein in der Klasse und auf dem Schulhof genannt wurde, lief einfach so mit. Während mir Giuliano seine Geschichte erzählt, leuchten seine Augen plötzlich auf. Er erinnert sich an einen kuriosen Vorfall auf einem Spielplatz, der ihm Starthilfe für seine Integration gewesen sein könnte. Er habe ganz in sich gekehrt seinen Namen in den Sand geschrieben. Mehr nicht! Dieses Bild hatte ein Reporter mit der Kamera festgehalten und es am nächsten Morgen im Flensburger Tageblatt veröffentlicht. Die Garantes waren ahnungslos, als sie nach Erscheinen dieser Ausgabe von den deutschen Nachbarn und Arbeitskollegen mit der Abbildung ihres Sohnes in der Zeitung konfrontiert wurden. Niemand hatte ihnen übersetzt, worum es eigentlich ging. So folgerten sie: Wenn über einen ihrer Söhne etwas in der Zeitung steht, muss der Schlimmes getan haben! Darüber war die Mutter so empört, dass sie ihren Giuliano mit dem Kochlöffel verprügeln wollte. Bevor sie aber zuschlagen konnte, hatte Onkel Angelo den Bildtext „vom kleinen Sizilianer“ ins Italienische übersetzt – und alles war gut!
Umzug aufs Land
nach Bistoftholz

Für das Weiterkommen in der Schule war für Giuliano und seinen älteren Bruder der Umzug von Flensburg nach Bistoftholz ein Glücksfall. Die Familie war wegen der hohen Mieten in Flensburg aufs Land gezogen. Da die beiden Jungs die einzigen Italiener an ihrer neuen Schule in Großsolt waren, erhielten sie dort mehr Aufmerksamkeit und Förderung als in Flensburg. Giuliano erinnert sich an traumhafte Erfahrungen mit den Dorfbewohnern als einzige Ausländerfamilie im Dorf. Natürlich gab es auch Pro und Kontra, was die Unterschiede zwischen Stadt und Land ausmachten. Auf dem Land gab es kein Kino, nur zwei Kneipen, eine war rechts, die andere links. Später zogen die Garantes wieder nach Flensburg zurück. Sie hatten in der Norderstraße im Hinterhaus eine Wohnung gefunden. Giuliano besuchte die Nikolaischule am Südergraben. Trotz massiver Sprachprobleme fühlte er sich in den Klassenverband gut eingebunden. Sein um zwei Jahre älterer Bruder Toni hat ebenso positive Erfahrungen machen dürfen. Er schaffte trotz mancher Schwierigkeiten seine dreijährige Lehre als Elektromechaniker bei der Werft. Giuliano hatte eine Lehrstelle als Autoschlosser bei Fiat-Autohaus in der Gutenbergstraße bekommen. Seine Laufbahn aber wurde durch einen schweren Unfall seiner Mama nach einem Jahr jäh beendet. Die Mama war in der Aalräucherei beschäftigt. Auf ihrem Heimweg zu Fuß auf dem Bürgersteig in Richtung Norderstraße war die damals Vierzigjährige an der Ecke Kanalschuppen von einem ins Schleudern geratenen Pkw an die Mauer geschmettert worden. Die Mutter war so schwer verletzt, dass sie selbst nach neun Monaten Krankenhausaufenthalt nicht nach Hause konnte, sondern viele Reha-Maßnahmen über sich ergehen lassen musste. Giuliano musste seine Lehre abbrechen, um die Mutter zu pflegen und den Vater und die drei älteren Brüder zu bekochen. Wie sich Giuliano erinnert, hatte die Mutter von einem Trauma während einer der vielen Operationen berichtet. Die Narkose sei wohl nicht ausreichend gewesen. Deshalb habe sie die besorgten Gespräche der Ärzte mitverfolgen können. Es sei dabei um ihre sehr fraglichen Überlebenschancen gegangen. Daraufhin hatte sich die Mutter geschworen, wenn sie überleben würde, mit ihrer Familie nach Italien zurückzukehren. Sie war für den Rest ihres Lebens arbeitsunfähig. Ihre Verletzungen holten sie immer wieder ein. Trotzdem verweigerte sie weitere Operationen. Der Familie ging es schließlich nur noch darum, den Wunsch der Mutter zu erfüllen. Der Vater gab nach. Die beiden ältesten Brüder hatten inzwischen geheiratet. So gingen nur die beiden jüngsten Söhne mit zurück. Aber nicht zurück nach Sizilien, sondern in die Heimat der Mutter, in ein kleines Dorf in der Nähe von Bologna.
Giuliano musste sein Leben wieder ganz neu ordnen: Ein Siebzehnjähriger, der jetzt im Ort oft nur „der Deutsche“ genannt wurde. Seinem Italienisch fehlte die Eleganz der Muttersprache in Wort und Schrift. Zum Glück gab es im Dorf eine Fiat-Vertretung. Seine in Deutschland bei Fiat abgebrochene Autoschlosserlehre konnte er allerdings nicht fortsetzen. Eine solche Lehrstelle gab es in Italien damals noch nicht. Giuliano wurde bei Fiat eingestellt, in der Kfz-Werkstatt angelernt und arbeitete sich schnell zum Automechaniker hoch. „Ich muss verdammt gut gewesen sein“, erinnert er sich, „denn ich durfte immer die Autos reparieren, deren Probleme kaum lösbar waren!“ Giuliano hatte es bis zum stellvertretenden Meister gebracht.

Giuliano kommt wieder nach Deutschland zurück

Ende der 1970er Jahre verbrachte Giuliano seinen Urlaub in Flensburg. Er wollte insbesondere die Eltern seines ehemaligen Klassenkameraden von der Nikolaischule wiedersehen. Die hatten sich während der Zeit, als Giulianos Mutter verunglückt war, sehr liebevoll um ihn gekümmert. Jetzt stand der damalige Teenie als erwachsener Mann vor ihnen. Er war verheiratet und war schon Vater geworden. Das Wiedersehen mit lieben Menschen von damals und die Stadt Flensburg brachten ihn zu dem mutigen Entschluss, seinen guten Job in Italien aufzugeben und mit seiner Familie nach Flensburg zurückzugehen. „Ich wollte einfach wissen, wo mein Platz im Leben wirklich ist“, sagt Giuliano. Zunächst machte seine Frau gut mit. Doch ihr Heimweh überschattete alles an Glück und Erfolg, was auch immer sie in Flensburg schafften. Auch bei Giuliano blieben Enttäuschungen nicht aus. Dankbar war er seinen deutschen Ersatzeltern, die für ihn in einem Hinterhof in der Friesischen Straße eine schöne Wohnung gemietet hatten. Doch die früheren Kontakte zu Freunden und ehemaligen Arbeitskollegen wieder aufleben zu lassen, schaffte Giuliano zu seiner großen Enttäuschung nicht. Auf der Suche nach Arbeit wollte er nicht in den Kfz-Bereich zurück. Er wollte etwas ganz Anderes machen. So fand er eine Anstellung als Kellner im Bowlingcenter, obwohl er vom Kellner-Beruf keine Ahnung hatte. Doch, je mehr er sich in diese Branche hineinkniete, umso wohler fühlte er sich dabei. Giuliano arbeitete in der Zeit von 1985 bis 1990 als Angestellter in der Gastronomie. Am 1. September 1990 machte er sich gemeinsam mit Monika, seiner jetzigen deutschen Ehefrau, in Engelsby erstmals mit dem Restaurant „Casa Giuliano“ selbständig. Im Jahre 2003 eröffnete er unter dem gleichen Namen ein Restaurant in der Angelburger Straße. Es gefiel ihm, sich immer mal wieder neu zu orientieren. Im Frühjahr 2016 eröffnete er das „Ristorante Casa Giuliano“ im Ewoldtweg 2, am Flensborg Yacht Club (FYC) Fahrensodde. Giuliano bietet ausschließlich die echte Italienische Küche an! Nach eigener Aussage unterscheidet ihn seine Art italienisch zu kochen von anderen italienischen Restaurants. Italienisch zu kochen ist zum Hobby für ihn geworden.
Giuliano hat keinen deutschen Pass. Er fühlt sich als Europäer. Sein in Flensburg geborener Sohn Marcello, 23, ist stolz auf seine italienischen Wurzeln. Er verfügt über zwei Staatsbürgerschaften. Marcello hat eine dreijährige Ausbildung als Fleischer mit zweijähriger Berufserfahrung als Geselle. Mit dieser Ausbildung bringt er als Mitarbeiter im elterlichen Ristorante beste Voraussetzungen mit. Giuliano wird in der Küche von einem italienischen Koch bei seiner Arbeit unterstützt. Außerdem steht ihm sehr freundliches Bedienungspersonal zur Seite.

Das Gespräch mit Giuliano Garante führte Renate Kleffel,
Fotos: Benjamin Nolte

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