Anja Berger

Leidenschaftlich und neugierig wie „18 und’n Keks“

| 01/10/2012

Wer durch die Große Straße schlendert, dessen Blick bleibt – so er sich für Mode interessiert – sicher am Haus Nummer 4 hängen. Die Dekoration der beiden großzügigen Schaufenster verspricht Mode in sportlicher Eleganz. Betritt man das Geschäft, präsentiert sich in ansprechendem Ambiente eine kleine, aber feine Designerkollektion – zu moderaten Preisen. Die Seele und das Herz dieses Geschäftes ist Anja Berger.

Anja Berger

Anja Berger

Als ihr Ehemann vor etwas mehr als drei Jahren „sich zu jung fühlte, um in Rente zu gehen“ und sie selbst „vor der Rente noch einmal etwas ganz anderes machen wollte“, reifte der Plan dieses Ladengeschäftes. Johann Iwersen brachte als ehemaliger Mitinhaber von „Louises Laden“ das nötige Know-How ein und Anja Berger-Iwersen ihre Neugier und Leidenschaft. Eine Kombination, die nur als überaus erfolgreich bezeichnet werden kann. „Sich schick zu kleiden und damit dem Alltag das gewisse Etwas abzugewinnen, ist unser Anliegen. Wir präsentieren hochwertige Mode für die Frau ab 40. Dabei konzentrieren wir uns auf Designerkollektionen, die es in Flensburg ausschließlich bei uns gibt.“ Empathie also einmal etwas anders: Mit Charme, positiver Ausstrahlung und einem sicheren Gespür für das individuell Tragbare, berät Anja Berger ihre Kundinnen. Höchste Priorität hat, „dass sich der Kunde in einem Kleidungsstück wohlfühlt und gut aussieht.“ Dabei fehlten ihr – wie sie im Gespräch erklärt – früher Beziehung und Interesse an Mode. „Wenn ich eine Hose brauchte, ging ich zu Karstadt und habe sie gekauft.“ Inzwischen ist die Leidenschaft für Bekleidung nicht nur gewachsen, sondern ausgereift. Den Umgang mit den Menschen bei Beratung und Verkauf bezeichnet sie als „reine Freude“. „Bei uns gibt es immer viel zu lachen und gute Laune.“

Nach ihrer Lebensplanung befragt, antwortet sie, dass sie zwei Kinder haben wollte, ansonsten keine Zukunftsträume hatte, aber ihre „Chancen erkannt und diese ergriffen hat.“ 1955 in Flensburg geboren, zog die Familie schon bald wegen der Krankheit der Mutter, die vier Jahre im Rollstuhl saß, nach Janneby. Hier wuchs Anja Berger als „verkannter Junge“ auf und verbrachte ihre Jugend. Ihrem Vater, einem Heizungsbauer, verdankt sie ihre „Affinität zum Handwerk“. Schon früh nahm dieser sie mit zu den Kunden. Obwohl auf dem Land groß geworden, wurde zu Hause Hochdeutsch gesprochen, mit den Großeltern aber Plattdeutsch – was sich noch als glückliche Fügung erweisen sollte. Zur Schule ging sie in Flensburg und machte nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Dann arbeitete sie als Sachbearbeiterin einer Im- und Export-Großhandelsfirma in Harrislee. 1975 kam ihr erster Sohn zur Welt. Nach der Geburt ihres zweiten Sohnes im Jahre 1985 wollte sie eigentlich zurück an ihre alte Arbeitsstätte. Da bot ihr der Optiker Ehler eine Stelle im Büro an. Sie wechselte, fühlte sich aber nach kurzem „total unterfordert“. Zur Zufriedenheit beider Seiten ließ sie sich zur Augenoptikerin ausbilden. Endlich konnte die „handwerkliche Affinität“ aus der Kindheit ausgelebt werden: „Ich war total glücklich zu schleifen, zu machen und zu tun.“ Die mitgebrachten Erfahrungen blieben auch nach der Ausbildung nicht brach liegen: Viele Jahre hat sie nicht nur die Tätigkeit als Augenoptikerin ausgeübt, sondern auch die üblichen kaufmännischen Arbeiten und den Einkauf gemacht.

Wer die vor Tatendrang sprühende Anja Berger erlebt, kann sich nur schwer vorstellen, dass sie vor sieben Jahren einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste. Im Alter von 30 Jahren verunglückte ihr Sohn Dennis tödlich mit dem Motorrad – unschuldig. „Frei von Gedanken zu sein“, sagt sie, sei „heute das Wichtigste für sie”, und fährt fort „im Laden ist das weg. Da bin ich frei und unbelastet.“

Anja Berger auf der Niederdeutschen Bühne

Anja Berger auf der Niederdeutschen Bühne

Drei Berufe – mit Leidenschaft erfüllt. Doch damit nicht genug. Anja Berger kann auf eine weitere „Karriere“ zurückblicken: Seit 24 Jahren ist sie Mitglied der Niederdeutschen Bühne. Dies „verdankt“ sie einem Pneumothorax (als Folge einer Krankheit). Da sie die ärztlich empfohlene Krankengymnastik ablehnte, entschloss sie sich auf Anraten des Arztes zu einer Gesangsausbildung („wenn Sie eine gute Stimme haben!“). Die gute Stimme hat sie. Kurzentschlossen sang sie in einer Musikschule vor und machte in zwei Jahren eine Sopran-Ausbildung. Manchmal trat sie in Kneipen auf – wo Manfred Schrader sie hörte. Er war es, der sie mit Irmgard und Fritz Wempner zusammenbrachte. „Ich war schrecklich aufgeregt“, erzählt sie, gehörte das Ehepaar Wempner doch „zu den Koryphäen der Stadt.“ Fritz Wempner setzte sich ans Klavier, berichtet sie, und sagte zu ihr: „Na, Mädchen, dann sing!“ Sie sang und bekam sofort ihre erste Rolle, spielte die Hexe in „Die kleine Seejungfrau“. Viele Rollen folgten. Zurzeit probt sie die „Mutter“ in dem Stück „Allens vertüdelt“ von Clive Exton, das am 23. September im Stadttheater Premiere hat.

Nach ihrem „Ruhestand“ befragt, antwortet sie spontan: Mindestens bis 67 arbeiten („Ich bin ein Arbeitstier“), dann Ruhe haben, lange frühstücken, schön spazierengehen, lecker kochen, abends ins Theater und natürlich all die schönen Rollen der alten Damen auf der Niederdeutschen Bühne spielen.

Barbara Fürst

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